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flattersatz

flattersatz hat geschrieben 30 Beiträge für Jüdische Lebenswelten

Vladimir Jabotinsky: Die Fünf

Odessa um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende… eine „fröhliche“ Stadt voller Lebensfreude, Esprit, Kultur und Geschäftigkeit, eine junge Stadt am Schwarzen Meer, eine Heimat für Russen, Ukrainer, Bulgaren, Griechen und vor allem auch Juden. Ein gegenseitiges Sichbefruchten verschiedener Kulturen, hundert Sprachen sind zu hören, Musik für die Ohren… „Diese ersten Jahre des Jahrhunderts hießen damals ‚Frühling‘: ein gesellschaftliches und staatliches Erwachen„, welches mit dem individuellen Frühling des Erzählers, eines jungen Mannes, zusammenfielen.

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Pierre Assouline: Die Kundin

Pierre Assouline taucht mit diesem Roman ein in das „Goldene Zeitalter der Denunziation“, das in Frankreich unter der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg ausgebrochen war. Diese Zusammenarbeit der Franzosen, sowohl staatlicher Stellen wie auch der von Privaten, mit den Deutschen, ist ein dunkles Kapitel der französischen Geschichte, ein Abschnitt, an den sich zu erinnern den Franzosen auch heute noch schwerfällt. Sie muss ein erhebliches Ausmaß angenommen haben, so dass die deutschen Behörden schon gar nicht mehr alles lasen, denn der Erzähler in Assoulines Geschichte findet bei seinen Recherchen massenhaft ungeöffnete Briefe von Franzosen an die Besatzungsbehörden. Weiterlesen

Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend

Ruth Klüger wurde 1931 als Susanne Klüger in Wien geboren. Aus der ersten Ehe ihrer Mutter hatte sie einen älteren, in Prag lebenden Halbbruder, Ruth Klüger selbst stammt aus deren zweiter Ehe mit einem wiederum aus kinderreicher, armer Familie kommenden jungen Mann, der studiert und sich als Frauenarzt in Wien niedergelassen hat. Es ging ihnen gut. Doch die Zeiten änderten sich. Die Achtjährige, die angestrengt und Schlaf vortäuschend dem Getuschel der Erwachsenen lauscht, hört diese vom Tod reden. Von Buchenwald und von Hans, der zurückgekommen ist und schweigt über das, was dort passiert ist. Gefoltert hat man ihn und Folter ist etwas, was man im Leben nicht mehr hinter sich lässt.

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Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur

Es ist schon eine provozierende Konstellation, die der Autor für seinen Roman gewählt hat. Der Nazi & der Friseur: ein makabres Rollenspiel, in dem der Max Schulz die Hauptrolle innehat. Aber der Reihe nach… Im Mai 1907 wurden in einem kleinen schlesischen Städtchen, Wieshalle, zwei Jungen geboren, praktisch gleichzeitig: der Max Schulz und der Itzig Finkelstein. Noch spielt es zwar nicht die große Rolle (das sollte sich später dann ändern), aber so wie der kleine Itzig Finkelstein ein Jude war mit frommen jüdischen Eltern, war der ebenso kleine Max Schulz arisch bis ins x-te Glied, wie man es später nannte. Und auch ansonsten unterschieden sich die beiden Knaben…

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Mira Magén: Die Zeit wird es zeigen

Über einen Zeitraum von knapp einem Sommer lässt uns Mira Magén teilhaben am Leben der Familie Taylor in Israel, die in dieser Zeit wie jedes Jahr einen einfachen Kiosk am Strand betreibt, dort auch wohnt und lebt. Außerhalb dieser Zeit arbeitet Mike als Busfahrer, Cheli, seine Frau, ist zu Hause, und dann sind noch die drei Kinder der beiden, Anna, die älteste, Naomi, die so schön ist, dass sie vom Strand weggeschickt wird zur Tante in eine Siedlung, um sie vor ihrer eigenen Schönheit zu beschützen, und der jüngste, Tom, dem sie einen neuen Namen geben, Chajim, um damit den Todesengel zu täuschen. Denn Tom liegt im Koma, der Schädel ist ihm gebrochen, Blut ins Hirn gelaufen, und niemand weiß, was werden wird. Die Zeit wird es zeigen.

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Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

Hans Fallada, ein deutscher Dichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Manche seiner Buchtitel sind schon fast feste Begriffe im Sprachgebrauch wie Kleiner Mann – was nun? oder Wer einmal aus dem Blechnapf fraß, ob sie noch viel gelesen werden… ich wage es zu bezweifeln. Jedenfalls hat der Aufbau Verlag Anfang des Jahres das Originalmanuskript Falladas [1] zu seinem (auf Tatsachen beruhenden) Roman Jeder stirbt für sich allein herausgegeben und damit auch international einen Erfolg erzielt. Immerhin wird die NYT mit “Ein literarisches Großereignis” zitiert, keine schlechte Werbung also.

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Johannes Tuchel: Hedwig Porschütz

Einige Tausend Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg in Berlin, Kulke [4] spricht von 1.700, die versteckt wurden, andere Quellen reden von 9.000 [7] Überlebenden. Dies zeigt zweierlei: Es war möglich, im Dritten Reich Zivilcourage und Menschlichkeit zu zeigen, und diese stille, leise, oft lebensrettende Art des Widerstands wurde auch geleistet. Viel zu wenig, in viel zu geringem Ausmaß, aber es gab sie. Es war ein Widerstand, der mit hohem persönlichem Risiko verbunden war, der über eine lange Zeit geleistet werden musste und durch den jeder Helfer natürlich selbst in das Schussfeld der Judenjäger geraten ist.

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Jorge Semprún: Die große Reise

Eigentlich wollte ich die Vorstellung des Buches von Semprún [12] in etwa wie folgt beginnen: Das Buch handelt von den Erinnerungen eines jungen Mannes an eine lange Eisenbahnreise in einem überfüllten Waggon. Während dieser langen, langweiligen und unbequemen Reise kommen ihm Gedanken an seine Vergangenheit, die noch nicht reich an Jahren, jedoch an Ereignissen ist. Er erzählt diese Reise aus der Rückschau, sechzehn Jahre nachdem er sie getätigt hat, und so flicht er auch die Begebnisse ein, die sich am Ende der Reise, das inmitten Deutschlands lag, ereigneten. – Aber das würde dem Buch und dem Inhalt nicht gerecht werden. Also fange ich noch einmal von vorne an…

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Ulrike Kolb: Yoram

Eine Deutsche und ein Israeli, eine Frau aus dem Land der Täter und ein Mann aus dem Land der Opfer, verlieben sich ineinander, versprechen sich, dass sie sich von „dem“ nicht anfechten lassen, dass, wenn ihre Liebe in die Brüche geht, sie kaputt geht aus denselben Gründen wie bei anderen Paaren, aber nicht aus „diesem“ Grund…

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Eva Menasse: Vienna

Es ist ein immerhin weit über 400 Seiten starkes Buch, das Eva Menasse hier vorgelegt hat und als Roman bezeichnet, als Roman aber, der stark vom Biographischen modelliert ist, wie sie es im Interview ausführlich erklärt. Man könnte es natürlich auch genau andersherum beschreiben, es ist eine Familiengeschichte, die durch Verfremdungen und Verschleierungen zum Roman umgedichtet wurde. Letztlich bleibt es aber egal, Vienna behandelt die Geschichte eines Familienclans mit halbjüdisch/halbkatholischen Wurzeln in Wien.

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Stanislaw Lem: Provokation

Als Band 740 erschien 1982 in der altehrwürdigen Bibliothek Suhrkamp ein kleines Bändchen mit einem Essay des polnischen Gelehrten Stanislaw Lem, in dem dieser das fiktive Werk des (ebenfalls fiktiven) deutschen Anthropologen und Historikers Horst Aspernicus, Band 1: Endlösung als Erlösung und Band 2: Fremdkörper Tod, bespricht. Von diesen beiden Bänden will ich hier kurz auf den ersten eingehen. Thema der Arbeit Aspericus ist die Genese und die Einordnung des Völkermords im Allgmeinen und insbesondere des Nationalsozialismus an den Juden.

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Iván Sándor: Spurensuche

Ende 1944 wurden in Ungarn von den Nationalsozialisten große Anstrengungen unternommen, die dortigen Juden auszurotten. Die Aktion stand unter der Leitung von Adolf Eichmann und wurde mit tatkräftigster Unterstützung der Pfeilkreuzler in Angriff genommen. Vor der (Welt)Öffentlichkeit sollte eine gewisse Tarnung aufrecht erhalten werden, indem die Juden offiziell „nur“ zum Arbeitseinsatz in Deutschland getrieben wurden. Jedem, der sehen wollte, war natürlich klar, dass die Art und Weise, wie bei der Deportation vorgegangen wurde, nur eine Schlussfolgerung übrig ließ. Auch der damals 14-jährige Autor wurde mit seiner Familie und seiner 12-jährigen Freundin Vera in einen Marschkonvoi gesteckt und zur Sammelstelle in der alten Ziegelei geführt.

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Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź

Sem-Sandberg erzählt in seinem Roman Die Elenden von Łódź die Geschichte dieses Ghettos anhand der Person ihres obersten Repräsentanten, des Vorsitzenden des Judenrates, des Ältesten, des Präses: Mordechai Chaim Rumkowski. Während das Warschauer Ghetto in die Geschichte eingegangen ist mit seinem Widerstand, der sich im blutigen Aufstand gegen die Besatzer manifestierte, beschritt Rumkowksi den anderen Weg, den der Anpassung: ein faustischer Pakt mit dem Teufel, den Rumkowski den Besatzern anbietet.

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Peter Härtling: Felix Guttmann

Kurz nach der Jahrhundertwende wird im Jahr 1906 in Breslau Felix Guttmann geboren. Er ist das einzige Kind eines liberalen jüdischen Tuchhändlers und seiner Frau, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben. Das Reglement im Haus ist streng, der Vater ist die unumstrittene Herrscherfigur, die Mutter spielt im Leben des Jungen kaum eine Rolle, tritt auch gegenüber dem Mann kaum in Erscheinung. In dieser Umgebung wird Felix groß, oder sagen wir richtiger, wächst er auf, denn groß wird er nicht, er bleibt ein schmächtiges Jüngelchen, das sich gegen die Spielkameraden im Hof kaum durchsetzen kann. Schlimm wird es, als 1914 der Weltkrieg ausbricht, der nachher der „Erste“ genannt werden sollte: Ihm kam die Rolle des Feindes zu, des Franzmanns, des Russen, weil er doch der Jud war, bei dessen Schwänzel etwas fehlt, so kreischen sie ihn an.

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Marina Lewycka: Das Leben kleben

Marina Lewycka ist eine britische Schriftstellerin, die 1946 in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren wurde, später aber dann nach mit der Familie nach Großbritannien zog. 2005 veröffentlichte sie ihren Erstling, die Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch, in dem sie die Kunst beherrschte, Tragisches und Skurriles zu einer sehr unterhaltsamen, aber nie oberflächlichen Geschichte über Flüchtlingsschicksale (und die Ukraine natürlich) zusammenzufügen.

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