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Ari Rath: Ari heißt Löwe. Erinnerungen

Die hier vorliegenden Erinnerungen von Ari Rath, eines 1925 in Wien geborenen Juden, der nach seiner Emigration 1938 nach Palästina über viele Jahre aktiv in der Kibbuzbewegung tätig war, sind eindrucksvoll und bewegend. Ab 1958 arbeitete er als Redakteur, ab 1975 dann als Chefredakteur und Herausgeber der Jerusalem Post, die unter seiner Leitung zu einer weltweit anerkannten und in ihrer politischen Haltung geschätzten englischsprachigen Zeitung in Israel wurde.

Als enger Berater von Israels Staatsgründer und erstem Präsidenten David Ben-Gurion und als Journalist lernte Ari Rath, der als Offizier auch den Kriegen teilnahm, die Israel zu führen gezwungen war, viele wichtige Staatmänner der Welt kennen, die bald seinen besonnenen Rat zu schätzen wussten. Dazu gehörten Indira Gandhi, Olof Palme, Henry Kissinger, Konrad Adenauer, Bruno Kreisky und auch der junge Helmut Schmidt.

Die freie Journalistin Stefanie Oswalt, die Ari Rath im Jahr 1993 kennen lernte, hat ihm durch unzählige Gespräche, die sie seit dieser Zeit auch aufzeichnete, geholfen, sein aufregendes und aufrechtes Leben zu dokumentieren. Erst als Ari Rath sich im Jahr 2011 entschloss, erneut in Österreich zu leben und die dortige Staatsbürgerschaft wieder anzunehmen, nahm das über lange Zeit geplante Biographieprojekt feste Gestalt an. Schon im Prolog zu seinen Erinnerungen macht Ari Rath deutlich, wie er die schwierige Lage in Israel einschätzt:

„Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Zukunft Israels von einem dauerhaften und gerechten Frieden mit den Palästinensern abhängt. Mit großer Euphorie haben wir bei Jerusalem Post im November 1977 den historischen Besuch des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat in Jerusalem begrüßt. Bis zu meinem Abschied 1989 (es war eher ein Hinauswurf durch die neuen Eigentümer, denen Ari Rath politisch nicht mehr in die Linie passte, d.R.) unterstützte das Blatt soweit  wie möglich die verschiedenen Friedensinitiativen. Während dieser Jahre lernte ich führende ägyptische und palästinensische Politiker kennen, mit denen ich zum Teil bis heute in Kontakt stehe. Leider scheint mir aber der Frieden heute so fern wie nie: Der Niedergang der einst mächtigen Arbeiterbewegung, die bei der Staatsgründung eine Schlüsselrolle gespielt hat, erfüllt mich mit Trauer. Der zunehmende Einfluss der religiösen Siedlerbewegung auf das Militär und der Rechtsruck der israelischen Gesellschaft bereiten mir große Sorge. Die Aussichten sind düster, doch möchte ich am Abend meines Lebens die Hoffnung nicht aufgeben, den Aufbruch in eine friedliche Zukunft noch zu erleben.“

Wenn man verstehen möchte, wie es dazu kam, welche Kämpfe und Konflikte, welche Entbehrungen und wie viele Opfer es brauchte, bis der Staat Israel überhaupt gegründet werden konnte, für den sind die Erinnerungen von Ari Rath wie ein persönlich geprägtes Geschichtsbuch. Er war durch seine journalistische Tätigkeit über Jahrzehnte an die genaue und unvoreingenommene Beobachtung seiner Umgebung gewohnt und immer bemüht, sein persönliches Erleben aus seiner Arbeit herauszuhalten. Das spürt man auch bei diesem Buch, in dem er aber von Anfang an mit der Schilderung seiner Kindheit in Wien bis zu seiner nie für möglich gehaltenen Rückkehr dorthin 2011 auch viele persönliche Einschätzungen, vorsichtige Urteile und mancherlei lange vergessenen Gefühle beschreibt.

Obwohl ich glaube, mich in der Geschichte Israels von Theodor Herzl über die Staatsgründung 1948, die verschiedenen Kriege bis hin zur aktuellen Situation ganz gut auszukennen, habe ich doch in diesem Buch viel Neues gelernt. Wer etwas erfahren will über Israel und seine Geschichte seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, dem sei diese Autobiographie eines aufrechten und beeindruckenden Menschen sehr empfohlen. Er schließt sie mit großer Skepsis und Trauer:

„Anders als vor zwanzig Jahren ist es heute ungewiss, ob die Mehrheit der israelischen Bevölkerung einer Zweistaatenlösung zustimmen würde. Die Orthodoxen werden immer militanter, und viele Neueinwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, Frankreich und auch den Vereinigten Staaten prägen mit ihren häufig fanatisch nationalistischen Ansichten das Bild der israelischen Gesellschaft (…). So sehr es mich schmerzt, dies niederzuschreiben: In der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft fällt es mir zunehmend schwer, mich zu Hause zu fühlen.“

Ari Rath
Ari heißt Löwe. Erinnerungen
Zsolnay, Wien 2012, 344 Seiten

Wir danken unserem Gastautor Winfried Stanzick für diese Rezension.

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