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.Literatur, Roman

David Grossman: Aus der Zeit fallen

David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört heutzutage zu den wichtigsten israelischen Schriftstellern. 2010 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt erschienen von ihm 2009 der Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht und im vergangenen Jahr Die Umarmung. Aus der Zeit fallen ist sein neuester Roman.

Wir sind hier und er ist dort, grenzewig zwischen hier und dort.

grossmanAus der Zeit fallen ist ein ungewöhnliches Buch. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt nichts Vergleichbares gelesen. Bereits das Buchcover hat mich in seinen Bann gezogen. Wenn ich das Cover betrachte, blicke ich auf ein scheinbar ruhiges Bild, als würde ich in der Sonne sitzen und den Schatten der Bäume betrachten. Doch nach kurzer Zeit fällt ein kleiner Fleck ins Auge: vielleicht ein Loch, eine Lücke, eine Leerstelle, die die Harmonie durchbricht. Als ich dann das Buch aufklappe, habe ich das Gefühl, mich in einer antiken Tragödie zu befinden: Der Text ist nicht in herkömmlicher Prosa verfasst, sondern in Versen. Es gibt sogar einen Chor. In seinem Aufbau erinnert der Text an ein Klagelied, an eine Totenklage.

Der Tod ist das zentrale Thema von David Grossmans Roman Aus der Zeit fallen. Es geht um den Tod von Kindern und die Trauer der zurückbleibenden Eltern. Es geht darum, was der Tod eines Kindes mit einer Mutter oder einem Vater anstellen kann, wie er von einer Minute auf die andere die Beziehung der Eltern zueinander, aber auch zu ihrer Umwelt verändert. Die Geschichte wird von zwei Erzählstimmen getragen, dem Zentaur und dem Chronisten der Stadt, die beide fast durchgängig in Prosa sprechen. Alle anderen Rollen sprechen in Versen, in abgehackten Sätzen, die jedoch nach mehrmaligem – auch lautem – Lesen eine wunderschöne Sprachmelodie entfalten können.

Gemeinsam haben die unterschiedlichen Figuren im Roman, dass sie alle ihr Kind verloren haben. Ihre „Hölle dokumentiert der Chronist der Stadt, der jedoch nicht nur Beobachter ist, sondern auch selbst betroffen, denn auch er betrauert den Verlust eines Kindes. Zunächst lernen wir einen Mann und eine Frau kennen. Beide bleiben namenlos, unterhalten sich in der Küche, sprechen jedoch eigentlich aneinander vorbei und nicht mehr miteinander. Sie wirken verbindungslos, als hätte jemand den Faden zwischen ihnen zerschnitten. Doch es gibt da etwas, das sie immer noch zusammenhält: ihr gemeinsames Kind, dessen Tod sie seit fünf Jahren betrauern.

– Vielleicht wartet er, dass wir zu ihm kommen.
– Er nicht. Schon fünf Jahre lang immer nur: er nicht, er nicht.
– Vielleicht versteht er nicht, dass wir so leicht auf ihn verzichtet haben, so schnell, in dem Moment, als sie zu uns kamen und uns sagen …
– Schau mich an. Schau in meine Augen. Was soll das? Was tust du uns hier an? Das bin ich, siehst du? Das sind wir. Wir beide. Das ist unser Haus. Unsre Küche. Komm, setz dich. Ich tu dir Suppe auf.

Doch es gibt nicht nur den Mann und seine Frau, es gibt auch noch den Herzog, die Fischnetzflickerin, die Hebamme, den Schuster. Sie alle haben ein Kind verloren, sie alle erheben in Aus der Zeit fallen ihre Stimme, um ihren Verlust zu betrauern. Aus der Zeit fallen ist nur 120 Seiten schmal, doch diese Stimmen entfalten auf den wenigen Seiten eine so unheimlich intensive und berührende Klage der Trauer und des Schmerzes, dass man sich dem als Leser kaum entziehen kann.

Auf dem Buchrücken erfahre ich, dass David Grossman seinen eigenen Sohn verloren hat. Uri Grossman fiel 2006 im Krieg im Südlibanon, getroffen von einer Panzerabwehrrakete. David Grossman beschreibt die Zeit nach dem Tod seines Sohnes als Exil. Der Trauernde geht ins Exil und lebt dort in einem „Land der Verdammung„. In seinem Roman wollte David Grossman dieses Land sprachlich erfassen, Worte finden für ein Leid, für das es eigentlich keine Wort gibt.

Eine der Stimmen in Aus der Zeit fallen setzt das „Land der Verdammung“ mit dem Verlust des „einfach so“ gleich. Nach dem Verlust deines Kindes ist es kaum mehr möglich, Dinge einfach so zu tun. Einfach so zu leben. Alles wird durchtränkt mit Schmerz, Trauer, Wut und Erinnerungen.

Nicht ihn beweinen wir in diesem Augenblick – die Melodie des früheren Lebens beweinen wir, das ‚einfach so‘, die Leichtigkeit, die Gesichter, noch glatt, ohne Falten.

Die Frau fragt sich, ob sie je noch einmal ihren Mann erleben wird, wie er ohne das Nichtsein des Sohnes gewesen ist. Die einstmalige Identität und Existenz scheint nach dem Tod des Sohnes wie zugemauert, ein fremdes Land, in den es keinen Weg zurück gibt. Der Tod des Kindes ist eingebrannt, förmlich eingegrämt. Die Frau des Chronisten beschreibt sich selbst als entlebter Mensch, der weiterlebt, doch entseelt ist.

Wie mit einer spitzen Schere wurde ich ausgeschnitten aus dem Bild meines Lebens. Eis der Einsamkeit, Mutterseeleneinsamkeit, Eis des Nichts brennt sich in meine Glieder […].

Hilflos stehe ich manchen Sätzen gegenüber, unfähig, das Leid eines Vaters begreifen zu können, der nach dem Tod seines Sohnes „weniger ich, weniger Mensch“ ist. Mein Hals schnürt sich zu, als die verwaisten Väter und Mütter wie ein klagender Chor beginnen, Fragen zu stellen. Fragen, wie sie Kinder stellen würden. Fragen, die in unserer heutigen hektischen Gesellschaft kaum mehr ihren Platz haben und die doch wahrscheinlich jeden bedrücken und umtreiben: „Im Grunde wollt ich dich fragen: Wie ist das, meine Kleine, wenn man stirbt. Wie geht’s dir dort? Wer bist du dort?“ Mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich Sätze lese wie diesen: „Wenn sie – dort, wo du heute bist – wenn sie dir erlauben würden, wenn sie dich wählen ließen: Kämst du zurück? Hierher zurück? Zu mir?

Aus der Zeit fallen besticht durch eine Sprachmacht, eine Sprachgewalt, die gewaltige Bilder und Metaphern formt. Am stärksten berühren mich die Stimmen der Trauernden jedoch in Momenten, die so simpel und gleichzeitig so unendlich bedrückend erscheinen: „Er starb im August, und als das Ende dieses Monats kam, dacht ich die ganze Zeit, wie kann ich weitergehn in den September, und er bleibt im August zurück?

An dieser Stelle muss ich auch endlich die herausragende Arbeit der Übersetzerin Anne Birkenhauer erwähnen, die den Roman mit einem lesenswerten Nachwort abschließt. Ihre Arbeit an diesem Text ist bewundernswert. Sie hat wunderschöne Sätze geschaffen, verwebt die Satzbruchstücke der Trauernden in ein endloses Klagelied. Ihre Übersetzung ist poetisch und lyrisch, und immer wieder stoße ich auf Wörter, die mich stolpern lassen, die ich in den Mund nehme und hin und her schiebe, immer wieder ausspreche und mich schließlich an ihnen erfreue, weil sie sich so passend anfühlen: grenzewig, ausgewurzelt, erinnerungsamputiert.

Aus der Zeit fallen umfasst lediglich 120 Seiten und doch hat es mich unfassbar tief berührt und tief im Inneren getroffen. David Grossman nimmt seinen Leser an die Hand und geht mit ihm zusammen in das Land der Verdammung, in ein Exil der Traurigkeit. Er lässt viele unterschiedliche Stimmen sprechen, die doch alle etwas Ähnliches sagen: Sie sprechen von der unendlichen Traurigkeit über den Verlust des eigenen Kindes. Für mich ist dieses schmale und ungewöhnliche Buch, das sich jeder Einordnung und Kategorisierung verweigert, ein ganz besonderes Leseerlebnis gewesen. Schrecklich schmerzhaft und doch so lesenswert.

David Grossman
Aus der Zeit fallen
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenbauer
Hanser, München 2013, 127 Seiten

Die Rezension ist zuerst auf buzzaldrins Bücher erschienen.

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