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Gershom Gorenberg: Israel schafft sich ab

Seit Jahrzehnten ist Israel von feindlichen Staaten und Organisationen umgeben, die nichts anderes erstreben als seine komplette Vernichtung. Mehrfach haben sie es auch versucht und sie lassen in diesem Bestreben nicht nach. Jedes Jahr bei der UNO-Vollversammlung erklärt der iranische Präsident, er wolle diesen Staat von der Landkarte tilgen. Und dass die Araber die Juden allesamt ins Meer treiben wollen, haben sie schon vor Jahrzehnten erklärt und wiederholen es regelmäßig.

Da scheint es verständlich, dass sich ein Staat schützt und gegen seine Feinde wappnet. Doch die Politik des Staates Israel unter den unterschiedlichsten Regierungen gegenüber den palästinensischen Bewohnern des Landes und gegenüber den immer zahlreicher und mächtiger werdenden Orthodoxen und der mit ihnen verbandelten radikalen Siedlerbewegung haben das Land, das nach wie vor die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, in eine tiefe Krise gestürzt. Israel und seine Besatzungspolitik spielen eine zentrale und immer problematischer werdende Rolle in einem Konflikt, der das Potential hat, die halbe Welt in Brand zu setzen.

Über kaum einen Konflikt wird so viel und so kontrovers diskutiert wie über den Nahostkonflikt – gerade in Deutschland mit seiner historischen Verantwortung für den Staat Israel. Aber wie immer sind es die Menschen, Israelis und Palästinenser, die einen hohen Preis für diesen Konflikt bezahlen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse: Israelis und Palästinenser sind längst Opfer eines Konflikts, der sie zu seinen Gefangenen gemacht hat und sie einschließt in die ungleichen Positionen und Rollen, die die gegebenen Machtverhältnisse ihnen zuweisen.

Nun ist ein Buch des orthodoxen Juden Gershom Gorenberg erschienen, eines der renommiertesten Experten für den Nahostkonflikt und die Geschichte Israels. Eines Israels, aus dem er „mit gespaltener Seele“ schreibt. Denn so wie er selbst ist auch sein geliebtes Land „gespalten zwischen seinen religiösen Idealen und religiösem Fanatismus“. Und es geht ein Riss durch die ganze Gesellschaft – hier die Illusion eines freien Staates, der durch die äußere Bedrohung über Jahrzehnte eben nicht frei ist, und dort die zum Teil brutale Besatzungspolitik, über deren traumatischen Folgen für die Soldaten das oben erwähnte Buch berichtet.

Sie ist, so wird immer wieder in den letzten Jahren von vielen Intellektuellen in Israel hingewiesen, der Grund für den drohenden Tod der Demokratie in Israel und somit auch das Ende des einst als Hort für alle bedrohten Juden in der Welt gegründeten säkularen Staates. Eines einst säkularen Staates, in dem die religiösen Parteien ihren Einfluss und ihre Macht stetig weiter ausbauen konnten. Wie nun, so lautet die Frage, der Gershom Gorenberg in diesem lesenswerten Buch nachgeht, wie kann die israelische Gesellschaft verhindern, dass sie sich und ihren Staat selbst zerstört?

Nach einer scharfsinnigen Analyse kommt er zu folgenden Schlüssen: Die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden sollte bei der Einwanderung keine Rolle mehr spielen. In einer Zweistaatenlösung können die „Juden ihre Selbstbestimmung in einem jüdischen Staat verwirklichen und das Recht auf Einwanderung in diesen besitzen; gleichermaßen müssen ethnische Palästinenser das Recht auf Einwanderung in einen neuen palästinensischen Staat bekommen – nicht nach Israel“.

An die jüdische Diaspora, besonders die in den USA, richtet er einen dringenden Appell: „Statt so zu tun, als sei Israel das Land, das sie sich wünschen, oder es aufzugeben, weil es diesem Wunsch nicht entspricht“, sollen „sie helfen, es dazu werden zu lassen“. Doch die größte Verantwortung, so Gorenberg, haben die Israelis selbst. Die Entscheidungen, die es heute trifft, „werden bestimmen, ob seine Anfänge als Geburt eines gescheiterten Staates oder einer erfolgreichen Demokratie in Erinnerung behalten werden“. Als dringend nötige Entscheidungen nennt er:

  • die Beendigung der Besatzung,
  • die Garantie voller Gleichheit,
  • die Trennung von Staat und Synagoge.

Diese Schritte seien nicht nur möglich, sondern für die Zukunft Israels entscheidend. „Wir können Israel erlauben mit seiner Selbstdemontage fortzufahren, oder wir können uns dafür entscheiden, es neu zu gründen.“ Dieser an eine israelische Leserschaft gerichtete Appell könnte aber auch entscheidende Hinweise geben darauf, wie ein deutsche und europäische Israel- und Nahostpolitik aussehen könnte, die nicht philosemitisch ist oder einer irgendwann einmal erklärten Staatsraison folgt, sondern die wirklich solidarisch ist, mit allen Bewohnern des Landes.

Es bewegt sich etwas in der israelischen Bevölkerung. Leider sind diese Kräfte immer noch so schwach, dass sie wahrscheinlich auch nach der nächsten für den Januar 2013 angesetzten Neuwahl des israelischen Parlaments keine wesentliche Rolle spielen werden. Doch die Zahl derer, die in Israel für den Erhalt ihrer demokratischen Gesellschaft kämpfen wollen, wächst. Mögen sie die von Gorenberg angedeuteten dringenden Unterstützungen erfahren.

Gershom Gorenberg
Israel schafft sich ab
Aus dem Hebräischen von von Andreas Simon dos Santos
Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2012, 316 Seiten

Wir danken unserem Gastautor Winfried Stanzick für diese Rezension.

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Gershom Gorenberg: Israel schafft sich ab

  1. Die Siedlungen sind tatsächlich ein großes Problem. Allerdings haben die Siedler seit 2005 einen beträchtlichen Teil ihrer verbrecherischen Aktivitäten auf das Kernland Israel verlegt. Mehr darüber, was z.B. in Akko im Herbst 2008 war und warum das Theaterfestival dort abgeblasen wurde:
    http://brightsblog.wordpress.com/2008/10/14/wer-ist-gegen-das-festival-in-akko/
    Deswegen muss es bei einer Gesundung um mehr gehen, als nur um eine Gründung eines zusätzlichen (palästinensischen) Staates.

    Verfasst von abumidian | 20. Februar 2013, 17:44
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