»
.Literatur, Roman

Vladimir Jabotinsky: Die Fünf

Odessa um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende… eine „fröhliche“ Stadt voller Lebensfreude, Esprit, Kultur und Geschäftigkeit, eine junge Stadt am Schwarzen Meer, eine Heimat für Russen, Ukrainer, Bulgaren, Griechen und vor allem auch Juden. Ein gegenseitiges Sichbefruchten verschiedener Kulturen, hundert Sprachen sind zu hören, Musik für die Ohren… „Diese ersten Jahre des Jahrhunderts hießen damals ‚Frühling‘: ein gesellschaftliches und staatliches Erwachen„, welches mit dem individuellen Frühling des Erzählers, eines jungen Mannes, zusammenfielen.

(…) denke ich jedoch, dass das Erstaunlichste bei uns damals die friedliche Verbrüderung der Völkerschaften war. Alle acht oder zehn Volksstämme des alten Odessa trafen sich in diesem Klub, und tatsächlich kam es niemandem in den Sinn, auch nur still für sich zu vermerken, wer was war. Zwei Jahre später sollte sich das ändern. Aber zu Beginn des Jahrhunderts waren wir von Herzen einträchtig.

jabotinskyIn dieser Epoche lässt Jabotinsky seine Romanhandlung einsetzen. Wir werden sehen, aber dies ist naturgemäß den Handelnden selbst noch nicht erkennbar, dass es ein Abgesang einer Epoche wird, mit dem wir starten, dass diese freie, liberale Gesellschaft bald schon zerstört werden wird.

Der Ich-Erzähler, ein junger, jüdischer Feuilleton-Journalist, in dessen Vita wir viele autobiographische Züge Jabotinskys vermuten dürfen, wird bei einer Theateraufführung auf zwei Frauen aufmerksam gemacht, Mutter und Tochter. Letztere, mit ihren roten Haaren, die sich auf dem anliegenden Pelzkragen ihres Mantels kringeln, erinnert und ähnelt einem Kätzchen, die auf einem Muff liegt… Es ist – der Erzähler lernt die beiden Frauen nachher kennen und bald auch die gesamte Familie – Matussja, eins von fünf Kindern der jüdischen Familie Milgrom. Serjosha, Marko und Torik sind ihre Brüder, Lika das zweite Mädchen unter ihnen.

Jabotinsky fixiert das Schicksal Odessas in diesen Jahren an dieser Familie, es ist ein trauriges Schicksal, das zu Umsturz führt, zu Rebellion, zur Umwertung aller Werte… Dort, wo früher gegenseitiger Respekt herrschte, zieht Hass ein; waren früher die Straßen der Stadt des Nachts voll mit Flanierenden, so hütet man sich jetzt, in der Dunkelheit nach draußen zu gehen…

Die Seele des Romans ist Matussja, dieses wundervolle Wesen. Sie ist Mittelpunkt des gastfreundlichen Hauses der Milgroms, das von einer Vielzahl von „Passagieren“ besucht wird, von denen sie jedem das Gefühl gibt, dass gerade er ihre Zuneigung hat. Es bleibt eigentlich immer im Nebulösen, wie weit diese Zuneigung geht, oder gehen würde, wäre die Gelegenheit… Aber, so versichert Anna, die Mutter, es gibt eine Grenze, die Matussja nie überschreiben würde. Auch der Erzähler kreist um dieses Wesen, aber immer in einer Entfernung, die diktiert wird durch eine vertrauensvolle Freundschaft, welche diese imaginäre Grenze nie antastet, die aber gerade vielleicht auch dadurch die Möglichkeit sehr persönlicher „Geständnisse“ ermöglicht.

Serjosha, ihr Bruder, ist anders. Gesegnet mit vielen Talenten ist er ein „Scharlatan“, ein Spieler voller Charme und Liebenswürdigkeiten, einer, der alles in Frage stellt und kein Verbot akzeptiert. Das Leben ist ein Spiel und wir sind nur die Kandidaten, dies könnte sein Motto sein, er probiert alles aus und geht, die Grenzen zu suchen. Er ist, so sehr er auch in der Gegenwart Odessas lebt, ein Faktotum der Vergangenheit. Fünfzig Jahre früher hätte er alles gehabt, um König von Odessa zu werden, jetzt aber scheitert er und wird abgelöst von einem gnadenlos effektiv denkenden Karrieristen: seinem Bruder Torik…

Lika repräsentiert die dunkle Seite der Familie, verschlossen, abweisend, in sich gekehrt, ist sie jedoch in der Lage, Ziele, die sie für sich entdeckt hat, bedingungslos und konsequent zu verfolgen und umzusetzen. Ihre Zeit kommt mit dem klandestinen Auseinandersetzungen des neuen Zeitalters… Ihr, Lika, ist dieser schöne und wohl auch zutreffende Satz gewidmet: „Ein einfach nur hübsches Gesicht fällt sofort ins Auge, wahre Schönheit aber muss man erst entdecken„.

Torik, das Jüngste der Geschwister, ist ein strebsamer, hochintelligenter Schüler, der akkurat und genau ist bis zur Selbstaufgabe, ohne dass dies jedoch aufgesetzt oder angestrengt aussieht. Er ist effektiv und gründlich, als Schüler sowie als junger Mann, er erfüllt seine Pflicht; hat er sich jedoch eine Überzeugung zu eigen gemacht, setzt er diese konsequent um. Seine persönliche Sicht der politischen Situation ergibt, dass das Judentum keine Zukunft hat, sondern sich in den nächsten Jahren in der Assimilation aufreiben wird. Dies lässt nur eine Konsequenz zu…

Und als letzter der fünf wäre noch Marko zu nennen, ein einfacher Junge, mit Hundeblick, treu, ergeben und immer desorientiert. Er geht im wahrsten Sinne des Wortes verloren, tragisch im Nebel, die Seele voller Hilfsbereitschaft…

Die Zeit kurz nach 1900 ist im zaristischen Russland eine Zeit des Umbruchs, der Revolte, der Aufstände, der Attentate auch [6], die immer stärker auch auf Odessa übergreifen. Exemplarisch dafür schildert Jabotinsky die Entwicklung des Hauswarts von seinem Wohnhaus. Der mutiert im Lauf der Monate vom servilen Arbeiter, der stets zu Diensten ist und höflichst grüßt, zum Überwacher, der mitnichten mehr seine Grüße entrichtet, sondern im Gegenteil jetzt furchteinflößend wirkt und sich nicht scheut, das Verhalten der Hausbewohner mit Lob und Tadel zu kommentieren. Bezeichnenderweise werden besonders abschreckend wirkende Hausmeister von der Polizei verpflichtet, als es gilt, die erste, geheimnisumwitterte Demonstration in Odessa aufzulösen und zusammenzuknüppeln. Es ist auch die Zeit des russisch-japanischen Krieges, in dem das zaristische Russland schwere Niederlagen erleidet, von den Odessanern erwartet und spöttisch kommentiert.

1905 passiert das, was Odessas vielleicht mit am bekanntesten macht, zumindest im Westen: die Meuterei auf dem Panzerkreuzer (auch hier im Buch so bezeichnet, obwohl das Schiff in Wirklichkeit wohl eher ein „Linienschiff“ war [3]) „Potemkin“, von den Einwohnern vom Ufer aus, der Hafenpromenade, bestaunt und beobachtet, in einer aufgeladenen, euphorischen Stimmung, vielleicht das letzte Aufflackern des sterbenden Odessas der Wortspiele und geistreichen Unterhaltung. Es war, so beschreibt es der Erzähler, ein Gefühl, welches sich der Menschen bemächtigte, als seien Fesseln gelöst, als sei Unerlaubtes, Ungehöriges jetzt möglich. „Was bedeuten Fesseln, was Regeln, wenn alles ohne Sinn war, die Erde war aus Schmutz und Matsch.“

Das ganze Odessa war ungemütlich geworden. Ich erkannte meine Stadt, die noch vor kurzem so heiter und arglos gewesen war, nicht wieder. Plötzlich war sie überschwemmt von Hass (…) wölfische Feindheit (…)

Der Autor lässt seinen Protagonisten auf Reisen gehen durch Europa, lange in Italien weilen, auch in Bern. Immer wieder fährt er zurück nach Russland, auch nach Odessa, besucht er die mittlerweile verheiratete Marussja, trifft deren Geschwister und nimmt Teil am tragischen Schicksal, am Auseinanderbrechen der Familie. Und so wie Anna, die Mutter, im Lauf weniger Jahre ergraut ist, so ist Odessa auch eine graue Stadt geworden, ohne den Glanz des früheren Zeitalters… Die Fünf ist auch eine Geschichtsschreibung der anderen Art. Als Leser erfahren wir eine Vielzahl von Details über politische Veränderungen der damaligen Zeit, wie sie „auf der Straße“ empfunden wurden. Das langsame Abgleiten in einen Überwachungsstaat, die Zensur von Zeitungsberichten, das Gründen von Bürgerwehren und die Bewaffnung. Zielübungen mit Pistolen vor dem heimischen Spiegel, erregte Diskussionen… Wie eine Sturm, dem nicht auszuweichen war, schwappte die politische Entwicklung in die Stadt und separierte ihre Bewohner wieder zurück in Gruppen, Parteien, Anhänger, Volksstämme…

Die Fünf ist ein wunderbarer, eleganter Roman mit einer Sprache, die den Leser unmerklich in ihren Bann zieht. Mir fällt für die Sprache kein anders Wort ein als „elegant“, sie ist wie ein weicher Pinsel, mit dem die leicht führende Hand des Künstlers ein farbiges Bild entwirft, das keinem der Dargestellten schmeicheln will, aber auch keinem Unrecht tun und ihn verletzen mag. So versteht es Jabotinsky in wunderbarer Weise, das Auseinanderbrechen einer liberalen, aufgeschlossenen Gesellschaft darzustellen, ebenso wie das tragische Zerbrechen einer Familie, deren Schicksal eng mit dem ihrer Stadt verbunden ist. Damit bildet der Roman auch viele Aspekte des jüdischen Lebens in dieser Stadt zu dieser Zeit ab, ein Leben, das im wesentlichen frei war von Repressionen und dann innerhalb von kürzester Zeit in den Fokus der Unterdrückung geriet…

Der Roman von Jabotinsky, der selbst eine bemerkenswerte Biographie aufweist, ist in der „Anderen Bibliothek“ erschienen, man muss also nichts über seine Qualität als Buch sagen. Es ist einfach ein Genuss, das relative schmale Bändchen in die Hand zu nehmen, in ihr zu wiegen, die Ausschnitte der alten Stadtpläne zu betrachten, mit denen der innere Einband geschmückt ist. Ja, das ist es: ein Schmuckstück!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Vladimir Jabotinsky.
[2] Zur Geschichte von Odessa: Ulla Lachauer: „Odessa – Farbe und Licht“, DIE ZEIT, 12. August 1994, Nr. 33.
[3] Bericht im Stern zur Meuterei auf der Potemkin: Chris Melzer/DPA: „Die Meuterei auf der ‚Potemkin'“, stern.de, 27. Juni 2005.
[4] Odessa: ein Reisebericht (mit Angaben zur Geschichte der Juden in der Stadt).
[5] Hans-Peter Kunisch: „Ein Autor, der zum Extremisten wurde“, ZEIT ONLINE, 18. Januar 2013.
[6] Wiki-Artikel: Russische Revolution 1905.

Vladimir Jabotinsky
Die Fünf
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, Übersetzung der Lyrik durch Jekatherina Lebedewa
Die Andere Bibliothek, HC, Berlin 2012, 266 Seiten

Bei dem Titelbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen. Die Karte ist dem Wiki-Artikel Odessa entnommen.

Erstveröffentlichung der Besprechung bei aus.gelesen am 3. Feb. 2013.

Advertisements

Diskussionen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: