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Katinka Zeuner: Jalda und Anna

Jüdische Gegenwart in Deutschland

„Es darf Spaß machen, jüdisch zu sein“, sagt Jalda zu Beginn des Films. Und fügt hinzu: „Das ist jetzt sehr verkürzt formuliert. Der Weg, der dazwischen liegt, war heftig.“ Diesen Weg haben die Filmemacher Katinka Zeuner und Benjamin Laser zweieinhalb Jahre begleitet.

Jalda und Anna

Zwei Frauen mit purer Lebensfreude und starken Wurzeln

Die Künstlerinnen Jalda Rebling und Anna Adam leben zusammen in Berlin Prenzlauer Berg. Sie sind beide Jüdinnen. Und sie sind die „erste Generation danach“, Töchter von Frauen, die Auschwitz überlebten. Dies hat ihr Leben und ihr Gefühl zum Jüdischsein zutiefst geprägt. Judentum war für sie von klein auf verbunden mit Verlust, Schwere und ungelebter Trauer. „Für uns ist Gedenken DNA“, so fasst Jalda lakonisch das Erbe unausgesprochener und zugleich allgegenwärtiger Familienerinnerungen zusammen.

Der Film beginnt ganz alltäglich, der Zuschauer sieht den beiden Frauen beim Tapezieren ihrer Wohnung zu. Das ist auch die Stärke des Films: Er zeigt das Leben zweier jüdischer Frauen in der Gegenwart, nicht zwei Jüdinnen, die sich über die Vergangenheit grämen. Bis sie sich aus den schweren Gedanken ihres Erbes – eine Familien- und Kulturgeschichte voller Trauer und Schmerz – befreien konnten, dauerte es Jahre.

Jalda und Anna - Erste Generation danach, 2012

Jüdischsein im Hier und Jetzt

Als sich Jalda und Anna Anfang der 90er Jahre kennenlernten, fühlten sich beide an einem Tiefpunkt in ihrem Leben. Gemeinsam machte sich das Paar auf einen langen und mühsamen Weg nach einem freudvollen Zugang zu ihrem Jüdischsein. In Gesprächen und Aktionen gehen sie vorurteilsfrei und offen mit dem Judentum um, das stößt bei älteren Generationen oft auf Unverständnis. Jüngeren Menschen wird so aber eine lebendige und gar nicht verstaubte und an der Geschichte zerbrochene jüdische Gegenwart näher gebracht. Das zeigt auch der Film.

„Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit deutsch-jüdischer Geschichte und Gegenwart, sowohl als Politikwissenschaftlerin als auch als Filmemacherin“, erzählt Katinka Zeuner. In ihren Arbeiten ginge es oft um Verfolgung, Diskriminierung und Ermordung. Nachdem sie einen Film über die Jugend-Alijah und eine Gruppe deutsch-jüdischer Kinder, die 1939 nach Palästina gerettet worden sind, gemacht hatte, wollte sie als Nächstes gerne etwas über das aktuelle jüdische Leben in Berlin, ihrer Geburtsstadt, machen.

„Jalda und Anna habe ich im Laufe meiner Recherche fast zufällig getroffen, und es wurde sehr schnell klar, dass sie genau für das stehen, was mich interessiert hat, für das Freudvolle, Lebendige am jüdischen Leben heute“, sagt sie. „Darüber hinaus wurde schnell klar, dass sie mir in gewissen Sichten auf die Welt und Vorstellungen davon, wie Menschen miteinander umgehen sollten, sehr nahe stehen und dass für mich, als atheistisch aufgewachsene Berliner Göre, gleichzeitig die tiefe Religiosität von Jalda eher schwer nachzuvollziehen war.“ Genau diese Spannung zwischen Nähe und Distanz ihrer Welten habe sie sehr interessiert.

Den Spiegel über unser Verständnis vom Judentum vorhalten

Der Film setzt dort an, wo die beiden Frauen heute stehen, und erzählt, wie sie sich – quer zu den Konventionen der jüdischen Community und auch zu den herrschenden Vorstellungen der nicht-jüdischen deutschen Gesellschaft – auf eigenwillige und hartnäckige Weise eine eigene jüdische Lebensweise geschaffen haben: Jalda, als eine der wenigen ordinierten jüdischen Kantorinnen in Deutschland und in der selbstgegründeten egalitären jüdischen Gemeinde, in der sie für sich und andere hierarchiefreie Räume schafft und neue Rituale und Traditionen kreiert; Anna, die mit ihren Kunstprojekten den herrschenden Gedenkkanon unterwandert und zu ebenso satirisch wie ernst gemeinten Auseinandersetzungen mit dem Judentum einlädt.

Jalda und Anna

„Die Vergangenheit sollte ein Sprungbrett sein und nicht ein Sofa“, sagt sie und konterkariert z.B. mit Kirschkernkissen in Form eines Davidsterns gängige Symboliken des Gedenkens. Mit hebräischsprachigen Abziehtattoos provoziert sie die jüdische Eltern- und Großelterngeneration und rebelliert so auch gegen Tabus aus ihrer eigenen Kindheit. Wer sich beim Anblick der Arbeiten der Künstlerin peinlich berührt fühlt, hat sofort etwas zum Reflektieren und Nachdenken.

Noch immer ist jüdisches Leben in Deutschland kaum sichtbar und ein Tabuthema. Trifft man dann auf Menschen wie Anna und Jalda, muss man sein Bild oft neudenken. Anna tingelte zum Beispiel in einem „Happy Hippie Jew Bus“ durch die deutsche Provinz und konfrontierte die Leute auf Marktplätzen mit sich selbst und ihrem Glauben. Zum einen schienen die Menschen verstört, zum anderen wirkten sie erleichtert, dass mit dem Judentum so locker umgegangen werden kann – auch von jüdischer Seite aus.

Jüdischer Alltag ist selten sichtbar

Katinka Zeuner hat bei ihren Recherchen viel jüdisches Leben und Kultur gefunden, das bedeutet aber nicht, dass sie den Eindruck habe, dass es eine „starke Repräsentanz von jüdischem Leben im Alltag in Deutschland oder Berlin gebe“, sagt sie.  „Man stolpert immer wieder über Menschen, die einem sagen: ‚Ich kenne keine Juden’. Anna würde dazu sagen, ‚woher willst du es wissen? Wir müssen ja zum Glück keinen Stern mehr tragen’. Mein 15-jähriger Neffe, der in den USA aufgewachsen ist, hat, nachdem er den Film gesehen hat, mit großen Erstaunen zu mir gesagt: ‚Ich wusste nicht, dass es immer noch so außergewöhnlich und schwierig ist für Juden in Deutschland’“, erzählt Zeuner.

Für ihn sei es normal, mit seinen Freunden Pessach zu feiern, so wie sie mit ihm Weihnachten feiern, erzählt die Berliner Filmemacherin. Von einer solchen Selbstverständlichkeit sind wir hier wohl immer noch weit entfernt.

Jalda und Anna - Erste Generation danach, 2012

Jalda und Anna. Erste Generation danach
Dokumentarfilm
Regie: Katinka Zeuner
D 2012, 75 Min.

Mehr Infos zum Film auf www.jalda-und-anna.de.

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Über Frollein Wortstark

2004 bis 2010 Studium (Philosophie, Deutsche Philologie, AVL) an der FU, HU und Uni Bern. 2007 bis 2010 Fachjournalistikstudium. PR-Volontariat bis Juni 2011. Seit Juli 2011 freie Autorin und Texterin. Ihre Leidenschaften: Bücher, Fotografie und Essen- und in allem viel Farben.

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