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.Literatur, Roman

Pierre Assouline: Die Kundin

Pierre Assouline taucht mit diesem Roman ein in das „Goldene Zeitalter der Denunziation“, das in Frankreich unter der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg ausgebrochen war. Diese Zusammenarbeit der Franzosen, sowohl staatlicher Stellen wie auch der von Privaten, mit den Deutschen, ist ein dunkles Kapitel der französischen Geschichte, ein Abschnitt, an den sich zu erinnern den Franzosen auch heute noch schwerfällt. Sie muss ein erhebliches Ausmaß angenommen haben, so dass die deutschen Behörden schon gar nicht mehr alles lasen, denn der Erzähler in Assoulines Geschichte findet bei seinen Recherchen massenhaft ungeöffnete Briefe von Franzosen an die Besatzungsbehörden [1].

AssoulineMit Die Kundin fiktionalisiert der Autor persönliche Erlebnisse. Assouline, ein bekannter französischer Biograph und Schriftsteller [2], recherchiert für eine Biographie eines bekannten Schriftstellers [3] und findet bei dieser Recherche einen Hinweis darauf, dass Désiré Simon, wie er ihn im Roman nennt und den er für einen Lügner per excellence hält, im Krieg als Jude denunziert worden sei: „Simon, Schimon, Schalom, alles das gleiche…“ bekommt jener seinerzeit bei der Vernehmung zu hören. Vierzehn Tage hätte er damals Zeit gehabt, das Gegenteil zu beweisen. Das Interesse, die Neugier des Biographen, ob auch dies erfunden sei oder doch wahr, ist geweckt, er bohrt nach, will mehr wissen, sucht, recherchiert – und findet in den Unterlagen den Namen von Verwandten, den Fechners, die seit Generationen ein Kürschnergeschäft betreiben, François, der Sohn des alten Henri, die das Geschäft zusammen betreiben, ist sein Schwager.

Dieser Fund schockiert den Erzähler aufs Tiefste. Wer? Wer hat damals die Familie Fechner angezeigt bei den Behörden, hat sie denunziert, hat die Verantwortung für den Tod fast der gesamten Sippe, für das Auslöschen einer Familie, wer? Kannte der-/diejenige die Fechners und wie gut kannte er sie?  Wer konnte nach dem Krieg mit diesem Wissen weiterleben, wie konnte er es, wie konnte er den Überlebenden ins Gesicht sehen? Konnte er, konnte sie es? Und es ein Brief unter Tausenden, vielen Tausenden, die ebenso viele, nein viel mehr Menschen nach Drancy [4] schickten, der Verladestation zur Hölle auf Erden.

„Ich habe die Ehre, Ihnen folgende Tatsache zur Kenntnis zu bringen …“

Der Erzähler fängt an zu suchen, als Biograph ist ihm die Arbeit in Bibliotheken, in Archiven vertraut. Es ist eine Aufgabe herkulaneischen Ausmaßes, in 3000 km Akten sucht er den einen, für ihn entscheidenden Brief. Es wird für ihn eine Reise ins Herz der Finsternis, ins Zentrum menschlichen Versagens und er findet dort – die Normalität menschlichen Lebens. Man denunziert aus Eifersucht, weil man das Geschäft übernehmen will, weil man noch ein Hühnchen zu rupfen hat, weil es so verlangt wird, weil man glaubt, sich selbst damit schützen zu können… Es wird offen denunziert und anonym, es wird aus persönlichen Motiven angezeigt und allgemeiner Gesichtspunkte eines patriotischen Anliegens wegen… Der eiserne Besen der Säuberung hat viele, die mit ihm kehren, alles nach Drancy schaufeln und von dort aus, man will es gar nicht so genau wissen, entsorgen… Menschen, mit denen man unter Umständen jahrelang Tür an Tür lebte…

Je weiter ich auf meiner Reise vorankam, desto tiefer tauchte ich in die Dunkelheit ein. Aus dem Wald hörte ich Schmerzensschreie. Das Wasser des Flusses transportierte Leichen und Skelette, die es hier und da am Ufer ablud. Ich war mit dem stinkenden Teil der Geschichte konfrontiert.“

Um es abzukürzen… der Erzähler findet heraus, wer die Fechners damals anzeigte und verriet, eine Kundin, eine gute Kundin war es, zweifelsfrei. Vergeltung, Rache: danach schreit jetzt die Seele… aber nicht die der Fechners, sondern die des Erzählers. Denn dieser hat sich im Lauf seiner Suche verändert, der Schmutz, in dem er wühlte, färbte ab auf ihn… Das, was anfänglich Neugier war, wurde drängender, wurde zur Fixierung, zur Obsession, besetzte ihn, übernahm die Kontrolle über ihn… Niemandem im entsprechenden Alter konnte er mehr begegnen, ohne sich zu fragen: Was hast du damals gewusst, was hast du gemacht, wie hast du dich verhalten?

„Eines Tages erblickte ich (…) mein Gesicht im Spiegel. (…) Ich musterte mich noch einmal. Wächserner Teint, fahle Gesichtsfarbe, scharfe Konturen. Ich wirkte wie jemand, der an Halluzinationen leidet. (…) Mittlerweile hatte ich weniger das Gefühl, Akten zu prüfen, als ein tiefgefrorenes Tier auszuweiden. (…) Ich veränderte mich in dem Maße, wie ich bei der Untersuchung des toten Fleisches auf dem Seziertisch vorankam.“

Er schmiedet Rachepläne und setzt sie um, immer ähnlicher wird er denen, die er verurteilt, er schmeichelt sich ein, täuscht, agiert aus der Anonymität heraus, bevor er die offene Konfrontation mit seinem Opfer sucht, und als er schließlich auch die zweite Hälfte des Dramas der damaligen Vorgänge um die Fechners erfährt, kommt es zum tragischen Ende…

Assoulines Buch ist eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Thema der französischen Kollaboration unter der Nazi-Besetzung und deren Verdrängung nach dem Krieg. Es ist auch die Frage, was passiert, wenn Aufklärung um der Aufklärung willen betrieben wird. Bezeichnenderweise lässt der Autor ja nicht die Opfer des damaligen Verrats nach Rache rufen, sondern einen erst später und dann am Rande und nur indirekt Betroffenen. Diesen aber wiederum stürzt er bedingungslos hinein in eine Reise in die Finsternis, in die Verdrängung der Schuld durch die Überlebenden, in die Dokumente des Hasses, der Gier, der Gleichgültigkeit und der Verblendung… Die Suche des Erzählers gleitet immer stärker ins Pathologische hinüber, er wird stellvertretend für die Überlebenden, die gelernt haben, mit ihrem Schicksal zu leben, zur Erinnye, er macht sich deren Sache – so wie er glaubt – zur eigenen. Kaum kann er noch erfassen, wie ähnlich er denjenigen wird, die er verachtet…

Bedrückend schon der Anfang des Romans, das erste Kapitel, in dem Assouline seinen Erzähler bei der Arbeit, der Recherche für eine neue Biographie, beobachtet und dann, mit einem Mal, ihm den Punkt liefert, an dem seine Welt aus den Angeln gehoben wird. Die Schilderung seiner sich entwickelnden Obsession, der Fixierung auf nur noch diese eine Frage, das immer weiter Eintauchen in die Dokumente, in die Archive, bis er dann schließlich die Erlaubnis hat, auch den Bodensatz, der geeignet ist, eine Gesellschaft zu sprengen, zu sichten: Das ist eine intensive, dichte und faszinierende Achterbahnfahrt durch einen sich immer weiter auf nur eine einzige Frage verengenden Geist.

Es steht mir nicht an (und ist mir natürlich schlechterdings auch gar nicht möglich), eine Antwort auf die Frage zu geben, wie mit diesem vergifteten Erbe einer Kollaboration mit einem verbrecherischen Regime umzugehen ist. Auch Assouline kennt darauf keine Antwort, sein Buch endet nicht mit einer Auflösung dieses Dilemmas, das seinen Helden selbst beschädigt und für die Opfer keine Genugtuung bringt. Wenn dieser Roman, eine fiktionalisierte wahre Geschichte, eine Lehre gibt, dann die, dass – so verständlich sie sein mögen – persönliche Gefühle als Motiv für eine Art Rachefeldzug nur zu weiterem Unglück führen…

Links und Anmerkungen:

[1] Auch Némirovsky schildert in ihrer Suite française Szenen, in denen den deutschen Truppen beim Einmarsch in die Dörfer als Erstes Packen mit Denunziationsbriefen übergeben werden…
[2] Wiki-Artikel zu Pierre Assouline.
[3] Dem angehängten Nachwort nach der von George Simenon.
[4] Internetseite der Gedenkstätte „Drancy“. In Tatiana de Rosnay Buch Sarahs Schlüssel wird dieser Zusammentrieb französischer Juden durch französische Polizisten eindringlich beschrieben, eine Buchbeschreibung kann man auf dem Blog aus.gelesen finden.

Pierre Assouline
Die Kundin
Aus dem Französischen von Marianne Schönbach
Persona Verlag, 1999, 208 Seiten

Bearbeitete Version der Erstveröffentlichung der Buchvorstellung von aus.gelesen.

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