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.Literatur, Erzählungen

Nathan Englander: Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden

„Ist ’ne heikle Sache, ein Jude zu sein.“

Erneut hat der Luchterhand Verlag einen Erzählband in seinem Programm, der mit literarischer Qualität aufwartet, interessant zu lesen ist und der ergreifende, spannende und gefühlvolle Erzählungen beinhaltet. Bereits das Cover von Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden ist ansprechend gestaltet. Die rote Hand, die auf einem Stoppschild abgebildet ist, lässt den Leser innehalten und lädt ihn ein, das Alltagstempo zu drosseln, um in eine berührende Welt einzutauchen.

Nathan Englander hat besondere Erzählungen verfasst, die sehr menschlich, emotional, voller Tragik, aber auch subtiler Komik sind. Der junge Autor schreibt über das Judentum mit seinen verschiedensten Facetten. Er schreibt über die Religion, über den Holocaust, spricht über Anne Frank, über die Konzentrationslager, das Vergessen. Er spinnt Geschichten, die in ihrer Komplexität und mit seinen Pointen Gänsehaut hervorrufen. Er zeigt auch das Grauen, das in der menschlichen Seele wohnt, Verzweiflung, Angst und Einsamkeit.

Englander weiß gekonnt mit der Sprache und mit seinen Ideen umzugehen, so dass mich seine Erzählungen und die in ihnen beschriebenen Schicksale berühren. Er begeistert mich mit seinen Geschichten, die sehr eindrücklich sind, und am Ende des Buches kann ich kaum sagen, welche mir am besten Gefallen hat, denn alle sind besonders. Mein bibliophiles Herz entscheidet sich jedoch für die Erzählung mit dem knappen Titel “Der Leser.”

Hier geht es um einen Schriftsteller, der alle zehn Jahre ein Buch veröffentlicht. Auch wenn seine Bücher inzwischen kaum gelesen werden, geht er auf eine Lesereise. Früher haben sich in den Buchhandlungen viele Menschen gesammelt, jetzt sind außer den Buchhändlern keine Besucher da.

Als der Autor an einem Abend schließlich nicht mehr auf das Publikum warten will und zu gehen beschließt, sieht er einen Mann im Raum sitzen, der darauf besteht, dass der Autor liest. Denn dafür sind sie doch da: der Autor, um vorzulesen; der Leser, um vorgelesen zu bekommen. Ab diesem Moment reist der Leser dem Autoren nach zu den anderen Stationen der Lesereise und bleibt immer der einzige Zuhörer. Zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein Gespräch über Literatur, über die Autoren, ihre Bücher, die Leser, die Buchhandlungen, den Literaturbetrieb. Diese Erzählung ist sehr eindrücklich und lesenswert und wird nicht nur alle Buchliebhaber berühren.

Die schönsten, eindringlichsten Zeilen jedoch habe ich der Erzählung entnommen,  die von Liebe, Beziehung, aber auch von Einsamkeit und Familiengeheimnissen handelt: “Alles, was ich über meine Familie mütterlicherseits weiß”.

Ich empfehle Euch, in dieses Buch reinzulesen. Es lohnt sich. Und falls Ihr das Buch bereits kennt, welche ist Eure Lieblingserzählung von Englander?

Textausschnitte: skoobe.de

Nathan Englander
Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand, München 2012, 240 Seiten

Wir danken der Gastautorin Bibliophilin für diesen Beitrag! Die Rezension ist zuerst hier erschienen.

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