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Andere Künste, Film

Tamar Tal: Life in Stills

Das Pri-Or Photo House, das Miriam Weissenstein mit ihrem Enkel Ben in der Allenbystraße in Tel Aviv betreibt, soll geräumt werden und einem neuen Hochhaus weichen – so viel zur Ausgangssituation des Films. Die Verdrängung eines kleinen Geschäftes aus der Innenstadt im Rahmen weltweiter Gentrifizierung ist hingegen alltägliche Realität und den meisten leider kaum noch eine Verfilmung wert. Der Fall um den Fotoladen der Weissensteins aber besitzt eine eigene Brisanz: Es handelt sich hierbei um ein historisches Kleinod und gleichzeitig eine absolut verkannte Institution der israelischen Hauptstadt.

So sitzt die zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen 96-jährige Miriam in dem von Israelis und Touristen gleichermaßen überfüllten Geschäft und erläutert die einzelnen ausgestellten Fotografien. Zusammen mit ihrem verstorbenen Mann Rudi Weissenstein hat sie das Leben und die Geschichte des jüdischen Staates dokumentiert. In ihrem Besitz befinden sich die einzigen Aufnahmen der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung Israels. Rudi Weissenstein war damals der einzige Fotograf, der zu der Zeremonie zugelassen wurde. Seine Fotografien bildeten den Hintergrund der 100-Jahr-Feier Tel Avivs. Obwohl das Geschäft eigentlich einem Museum mit Archiv und Ausstellungsraum gleicht, soll es nun weichen.

Miriam und ihren Enkel Ben eint vor allem ihr gemeinsames Engagement für den Erhalt des Ladens und die Trauer über eine schreckliche Familientragödie – die Ermordung der Tochter Miriams/Mutter Bens durch ihren Ehemann. Darüber hinaus verbindet die beiden in ihren Lebensrealitäten und Ansichten wenig. Die wertekonservative Großmutter weigert sich beharrlich, die Homosexualität ihres Enkels anzuerkennen oder auch nur wahrzunehmen. Auch die modernen Vorstellungen Bens zur gestalterischen Ausrichtung des Geschäftes stehen dem Traditionsbewusstsein Miriams stark entgegen.

Eben dieses konfliktreiche Verhältnis wird in den Mittelpunkt der Dokumentation gerückt, während der Laden selbst immer mehr zur Kulisse verblasst. Aus 250 Stunden Filmmaterial wählte die Regisseurin Tamar Tal die insgesamt keine sechzig Minuten langen Episoden aus. Das Ergebnis wirkt extrem glaubwürdig und berührend und erheiternd. Geschuldet ist dies vor allem den überaus spitzfindigen und kecken Dialogen zwischen den beiden ungleichen Charakteren, die sich aller Unterschiede zum Trotz arrangieren und den Alltag zusammen meistern.

Die Kamera scheint dabei nahezu allgegenwärtig zu sein. Erst in sehr emotionalen Momenten, wie nach einem Einbruch in die Wohnung Miriams, schämt sich der Beobachter ein wenig der eigenen indirekten Anwesenheit.

Life in Stills ist eine Dokumentation, die durch die Bedeutung der Thematik, die Vielschichtigkeit der Charaktere und die elegante Dramaturgie auch einen perfekten Spielfilm hätte darstellen können. Die liebevolle Umsetzung Tamar Tals hat mich sehr berührt und überzeugt. Unbedingt empfehlenswert!

Life in Stills
Dokumentarfilm
Regie: Tamar Tal
IL 2011, 58 Min.

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