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.Literatur, Roman

Mira Magén: Die Zeit wird es zeigen

Über einen Zeitraum von knapp einem Sommer lässt uns Mira Magén teilhaben am Leben der Familie Taylor in Israel, die in dieser Zeit wie jedes Jahr einen einfachen Kiosk am Strand betreibt, dort auch wohnt und lebt. Außerhalb dieser Zeit arbeitet Mike als Busfahrer, Cheli, seine Frau, ist zu Hause, und dann sind noch die drei Kinder der beiden, Anna, die älteste, Naomi, die so schön ist, dass sie vom Strand weggeschickt wird zur Tante in eine Siedlung, um sie vor ihrer eigenen Schönheit zu beschützen, und der jüngste, Tom, dem sie einen neuen Namen geben, Chajim, um damit den Todesengel zu täuschen. Denn Tom liegt im Koma, der Schädel ist ihm gebrochen, Blut ins Hirn gelaufen, und niemand weiß, was werden wird. Die Zeit wird es zeigen.

Anna hatte einen guten Tag, fühlte sich stark, nahm das Fahrrad (was sie nicht durfte), setzte sich drauf, den Bruder hinter sich, und fuhr los. Aber um Annas Hals hatte sich bei der Geburt die Nabelschnur gelegt, was die unachtsamen Ärzte zu spät erst merkten, und so leidet sie unter den Folgen eines kurzzeitigen Sauerstoffmangels, der ihre gesamte Entwicklung hindert und vor allem ihre motorische Koordination stört. Und obwohl sich Anna fühlt, als würde eine Brise Sauerstoff durch ihr krankes Hirn fegen, kommt es zum Sturz, Tom fällt hinter ihr mit dem Kopf auf den Beton, und Anna fährt in Panik weiter. Niemand ist Zeuge dieses Unfalls, nur zwei Möwen, und Anna verschweigt alles, frisst alles in sich hinein.

Dieser Unfall stellt das gesamte Leben der Familie auf den Kopf. Um den Kiosk weiter betreiben zu können, stellen sie Edisso ein, einen jüdischen Jungen aus Äthiopien; ein guter Beobachter, ein Zuhörer, kein Redner, der bald zur unentbehrlichen Stütze nicht nur des Kiosks wird, sondern vor allem der von Anna.

Die Zeit wird es zeigen ist zweierlei, zum einen ein Roman über eine Familie, die mit einem Schicksalschlag, der ihr Leben in den Grundfesten erschüttert, fertig werden muss, zum anderen ist es aber auch ein Roman über das moderne Israel in seinem Zwiespalt zwischen Säkularität und Religiösität. Protagonisten dieser Pole sind die beiden Familien der Schwestern Rachel und Sara. Rachel, die sich jetzt Cheli nennt, stand ebenso wie Sara als junge Frau an einer “Schicksalkreuzung” ihres Lebens. Und während Sara den geraden Weg wählte, den Weg, der ohne Überraschung, ohne Umwege, ohne Höhen oder Tiefen von Beginn an absehbar war, ließ sich Cheli auf das Abenteuer “Leben” (“Gottes Daily Soap“) ein.

Sara hat mit Nachschon, ihrem Mann, sieben Kinder. Sie leben in einer Siedlung in den befreiten Gebieten (andere sagen, den besetzten…) im Norden Israels. Sie haben ihr Leben Gott geweiht, auf Fragen geben sie keine Antworten, sondern haben Bibelzitate parat. Unglücke, wie sie Mike und Cheli mit ihren Kindern haben, sind für sie Prüfungen Gottes, in denen der Gläubige einen Sinn erkennen kann, an denen derjenige, der nicht glaubt, aber zerbricht. Mit der gleichen inneren Entschlossenheit setzt sich Nachschon auch für Erez Israel ein, denn ein Mensch, der für seine Ideen kämpft, vervollkommnet seine geistigen und seelischen Kräfte, bis er selbst Vollendung findet. Sara teilt diese Einstellung, prinzipiell. Doch sieben Kinder zehren an den Kräften und an der Entschlossenheit, auch erinnert sie sich an die junge Frau, die sie einst war, und auch daran, was sie fühlte, als sie noch jung war und nicht mit Nachschom zusammen.

“Egal, ob Er zuhörte oder nicht, sie würde ihm jetzt sagen, dass es nicht fair war, Kinder zu schädigen, wenn Er eigentlich die Eltern bestrafen wollte. … entschuldige, daß ich frech bin und dir nicht schmeichele und sage, wie gnädig und barmherzig und heilig Du bist, wie die meisten Menschen es tun. Diese Sache mit der mangelnden Sauerstoffzufuhr in meinem Gehirn hat die Schmeichelzellen zerstört…“

Mike und Cheli dagegen versuchen einfach zu leben, Gott, den sie zwar nicht leugnen können, weil niemand, der mit ihm in Berührung kam, ihn vollständig aus sich entfernen kann, spielt für sie keine entscheidende Rolle. Sie sind spontan, machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie streiten sich wie die Kesselflicker, können sich aber schon Minuten später wieder in den Armen liegen und küssen und ihre Umwelt vergessen. Ihre gegenseitige Liebe ist so elementar, dass sie noch nicht einmal nach Treue verlangt, da sie weiß, dass alles außerhalb ihrer selbst nur körperlich ist. Die beiden wollen mit ihrer Familie einfach nur leben, Amerika ist ihr großes Ziel, genug Geld zu verdienen, um dorthin zu können.

Der Unfall von Tom bringt dieses Gleichgewicht der Familie zum wanken, die Eltern müssen sich viel um Tom kümmern, überlassen ihren Kiosk Edisso, der langsam und sachte zum Vertrauten wird für Anna, in der die Schuldgefühle toben, bis sie es nicht mehr aushält. Das Leben der gesamten Familie wird infrage gestellt, und sie sind gezwungen, gemeinsam eine Antwort darauf zu finden.

Die Natur spielt eine große Rolle in dem Roman, das Meer, das rauschend Meer, die Wogen, der Wind, die Sonne und ihre Berührungen des Meeres. Wunderschöne Bilder findet Magén dafür, poetische Beschreibungen für die sinnliche Erfahrung dieser Naturschauspiele. Und Tehila… fleischgewordene Verführung, der Mike dargebotene Apfel, der ihn zum Reinbeißen, Verzehren verführen soll… Und auch für Cheli hält das Leben einen Apfel bereit, einen, der sie anfangs vier Stück Zucker kostet, doch nachher immer weniger…

Gerade wegen dieser Einbindung der Landschaft und der Natur in Magéns Roman ist dieser, obwohl thematisch anspruchsvoll, keine schwermütige Geschichte. Der Sommer ist zwischen den Zeilen zu spüren, die Hitze, das Licht der Sterne. Lebensfreude leuchtet entgegen, so wie auch der Kummer und die Sorge um den Bruder und den Sohn.

Facit: ein Roman um Schuld und Schuldigsein, eingebunden in die Verhältnisse des modernen Israels, anspruchsvoll, aber trotzdem unterhaltend.

Mira Magén
Die Zeit wird es zeigen
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
dtv, 2010, 400 Seiten

Die Rezension ist zuerst auf aus.gelesen erschienen.

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