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.Literatur, Roman

Benny Barbasch: Der Mann, dem ein Olivenbäumchen aus dem Ohr wuchs

Dieser Roman des 1951 in Beersheba geborenen Stückeschreibers und Drehbuchautors Benny Barbasch ist 2009 in Israel erschienen und nun – nach Mein erster Sony (1997) – auch auf Deutsch im Berlin Verlag veröffentlicht worden. Es ist eine zunächst leicht daherkommende Satire, die aber einen gar nicht so leichten Stoff behandelt – den unlösbar scheinenden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

Erzähler der Geschichte ist der 12-jährige Assaf. Er erzählt von seiner skurrilen Familie und von dem schwierigen Land, in dem er lebt. Auf der Oberfläche geht es um den Vater des Jungen, dem eines Tages aus dem Ohr ein kleines Olivenbäumchen wächst. Dahinter aber geht es um eine genial und witzig konstruierte Parabel auf das heutige Israel und seine Widersprüche.

Da geht es um die Erinnerung an den Holocaust. Die ganze Familie bringt die Großmutter, die den Holocaust überlebt hat, mit vielen Tricks dazu, endlich von ihren Erfahrungen zu reden, sozusagen ein familiärer Holocaust-Workshop. Es geht um die unterschiedlichen Auffassungen in einer jüdischen Mehrgenerationenfamilie, in der die Debatten nie zu enden scheinen. Es geht um die Frage des israelischen Siedlungsbaus und seiner Legitimität, und letztendlich geht es darum, wie man in diesem Land Wurzeln schlagen und wie etwas dauerhaft wachsen kann.

Alles beginnt damit, dass der Vater des Jungen, ein sehr beleibter Mann (er sieht aus, „als hätte er einen Sprengstoffgürtel unter der Jacke“), erfolglos mehrere Diäten ausprobiert. Schlussendlich landet er bei einer Olivendiät, und als der Kern einer Olive ihm im Hals stecken bleibt, zieht dieser im Rachenraum Luftwurzeln und aus dem Ohr beginnt nach neun Tagen ein Olivenbäumchen zu wachsen. Was der Vater zuerst nicht wahrnehmen will, stellt sich als ein Faktum heraus, mit dem er leben lernen muss, denn das Olivenbäumchen lässt sich weder abschneiden noch operieren. Der Vater ist mit ihm untrennbar verbunden, „ähnlich wie ein binationaler Staat, dessen Teilung vollkommnen undenkbar ist, weil das bedeuten würde, ihm die Glieder vom Leib zu reißen“.

Ein zu Rate gezogener alter Palästinenser sagt, ein Olivenbaum sei hartnäckig, er dringe in jede Spalte und Ritze ein. Aus der Erde könne man ihn mit der Wurzel herausreißen, aber habe er sich einmal im Kopf eines Menschen festgesetzt, gebe es keine Lösung.

Als die ganze Familie eines Tages auf einem Sieldungsgelände demonstriert, das vom Militär geräumt werden soll, passiert das Unglaubliche. Als der Vater sich für kurze Zeit auf den Boden legt, um auszuruhen, schlägt der Olivenbaum durch die Öffnung des anderen Ohres schnell Wurzeln und der Vater ist nicht mehr von der Stelle zu bewegen. Eine Sensation, die schnell um die halbe Welt geht, Fernsehteams rollen an, um alles zu filmen. Die Uno schickt einen Sondergesandten.

„Man beschloss, das Gebiet bis zum Zustandekommen einer dauerhaften Friedenslösung in israelischer Hand zu belassen. Es gab auch alle möglichen anderen Vorschläge, zum Beispiel gemeinsame Souveränität oder sogar Internationalisierung. Selbstverständlich lehnte die Rechte, angeführt von Großmutter, diese Vorschläge ab und erklärte, dass jeder Ort, an dem ein Jude eingepflanzt ist, für immer und ewig in jüdischer Hand bleiben muss.“

Benny Barbasch beschreibt genial, wie grotesk und lächerlich beide Seiten, die Israelis und die Palästinenser, in ihrer Besessenheit sind, die sie an den Tag legen, um das Land zu bewohnen. Er stellt sich auf keine Seite, er stellt sie beide satirisch bloß. Wie die Geschichte ausgeht, sollte man selbst nachlesen in diesem köstlichen Buch, dem es – ohne auf die politische Korrektheit zu achten – gelingt, mehr zu erzählen über einen schon Generationen dauernden Konflikt als so manche abgewogene Stellungnahme.

Benny Barbasch
Der Mann, dem ein Olivenbäumchen aus dem Ohr wuchs
Aus dem Hebräischen von Beate Esther von Schwarze
Berlin Verlag, 2012, 141 Seiten

Wir danken unserem Gastautor Winfried Stanzick für diese Rezension.

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