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Andere Künste, Film, Hintergründe, Menschen

Alexa Karolinski: Oma & Bella

Die Küche ist so winzig, dass die zwei Frauen sich kaum bewegen können. Und doch kochen sie hier stets gemeinsam. Eine schneidet beflissen die Möhren und Zwiebeln, während die andere die vorbereiteten Zutaten in der Pfanne anbrät. Regina Karolinski (85) und Bella Katz (89) leben in einer Art Wohngemeinschaft. Ihr hohes Alter ist dabei kein Hindernis, sondern eher noch das Motiv des Zusammenlebens – die Entscheidung, in einer gewissen Rüstigkeit für sich zu sorgen und aufeinander zu achten. Oma & Bella ist vordergründig als ein Film über Freundschaft zu betrachten. Die Dokumentation Alexa Karolinskis, ihrerseits Enkelin von Regina, feierte bei der diesjährigen Berlinale Premiere in der Reihe „Das Kulinarische Kino“.

Das Kochen ist das zentrale Moment des Filmes. Liebevoll bearbeiten die beiden Frauen Hühnerbeine und Kalbsfüße vor dem Garen sogar mit Einwegrasierern. Gekocht, gebraten und gebacken wird dabei stets „jiddische“ Küche. Mit den Gerichten versuchen die zwei Frauen sich ein Stück ihrer Erinnerung zu bewahren. Ein Kochbuch benutzen sie dabei nach eigenen Angaben nie. In der stetigen Erwartung des Besuches von Freunden oder Familienmitgliedern wird stets doppelt so viel gekocht wie eigentlich nötig.

Die Darstellung erscheint jederzeit unglaublich persönlich und familiär. Beständig wird die Enkelin „Alexale“ durch die Kamera adressiert, ohne dass sie selbst, abgesehen von wenigen Fragen, in das Geschehen eintritt. Absolut nachvollziehbar sind hingegen die seltenen Momente, in denen sie es nicht schafft, sich dem Drängen der beiden Damen zu erwehren. So erscheint plötzlich eine Hand aus dem Off, greift sich den energisch angebotenen Keks und verschwindet auf der Stelle wieder aus der Betrachtung. Diese kleinen Momente der „Unprofessionalität“ sind es, die dem Film eine behagliche Wärme verleihen.

Nur zögerlich tritt im Laufe des Films schließlich die erwartete grausame Geschichte der beiden Seniorinnen ans Licht. Das Überleben der deutschen Konzentrationslager erscheint anfangs in einer Banalität, die nur langsam aufgelöst wird. Zusammengefunden haben die im polnischen Kattowitz geborene Regina und Bella aus Vilnius in Litauen nach langem Umherirren als Displaced Persons schließlich in Berlin. Von hier aus wollten sie eigentlich beide in die USA emigrieren, doch stattdessen blieben sie.

Der Kontrast zwischen dem Grauen des Erlebten und der gleichzeitigen Lebensfreude der beiden könnte größer kaum sein. Oma & Bella ist ein Film, der einen beständig zwischen leisem Weinen und herzhaftem Lachen wechseln lässt. Unglaublich starke Kontraste machen den Film aus. Bellas Wut über das Schweigen der Freundinnen, die über ihre Geschichten nicht sprechen möchten, weicht der plötzlichen Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit, der eigenen Angst. Beider Wunsch, zu den alten Liedern zu tanzen, scheitert an dem Körper, der dazu nicht mehr in der Lage ist. Diese Szene, in der beide, am Tisch sitzend, mit den Füßen die tänzelnden Schritte ihrer Jugend nachvollziehen, ist eines der besten Beispiele für die schonungslose Darstellung des Filmes, die den Beobachteten jedoch nie auch nur einen Teil ihrer Würde nimmt.

Der humorvolle Lebensmut der Protagonistinnen im Angesicht ihrer grauenvollen Geschichte ergreift auf eine Art und Weise, die sich kaum in Worte fassen lässt. Trotz der vorsichtigen Zurückhaltung ist dies einer der spannendsten und informativsten Filme (mindestens) dieses Jahres.

Oma & Bella
Dokumentarfilm
Regie: Alexa Karolinski
USA/D 2012, 76 Min.

Wir danken unserem Gastautor Paul Gensler für diesen Beitrag.

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Alexa Karolinski: Oma & Bella

  1. Vielen Dank für die Rezension. Das klingt nach einem sehr besonderen, berührenden Film!

    Verfasst von Jarg | 29. September 2012, 17:16
  2. Gutes Thema, immer mehr alte Menschen bilden heutzutage eine WG, wenn sie alleine sind, Eine gute Lösung ist auch ein GEnerationenhaus, in dem alle Generationen zusammen leben. So können ältere Menschen den jungen vorlesen, die selbst noch nicht lesen können

    Verfasst von Julian Herrmann | 30. September 2012, 08:27
  3. Eine sehr schöne, einfühlsame Rezension. Vielen Dank dafür!

    Verfasst von caterina | 1. Oktober 2012, 18:11
  4. Oh vielen Dank für die Rezension, das klingt nach einem sehr spannenden und gefühlsvollen Film. Wir selber überlegen mit unseren Schwiegereltern zusammenzuziehen und eine Art Mehrgenerationenhaus zu gründen (nach dieser Inspiration), damit genau solche mündlich weitergereichten Schätze, wie z.B. die Kochrezepte erhalten bleiben und eine lebendige Kommunikation stattfinden kann.
    Ich bin mir sicher, dass wir uns den Film mit meinen Schwiegereltern ansehen werden..
    Mfg
    Stefan Simmer

    Verfasst von Stefan Simmer | 23. Oktober 2012, 18:58

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