»
.Literatur, Roman

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

Hans Fallada, ein deutscher Dichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Manche seiner Buchtitel sind schon fast feste Begriffe im Sprachgebrauch wie Kleiner Mann – was nun? oder Wer einmal aus dem Blechnapf fraß, ob sie noch viel gelesen werden… ich wage es zu bezweifeln. Jedenfalls hat der Aufbau Verlag Anfang des Jahres das Originalmanuskript Falladas [1] zu seinem (auf Tatsachen beruhenden) Roman Jeder stirbt für sich allein herausgegeben und damit auch international einen Erfolg erzielt. Immerhin wird die NYT mit “Ein literarisches Großereignis” zitiert, keine schlechte Werbung also.

Die Geschichte, um die sich der Roman rankt, ist einfach. Das Berliner Arbeiterehepaar Quangel [2] bekommt am Tage der Kapitulation Frankreichs (Juni 1940), einem Tag also, an dem ganz Deutschland aus freiem Willen und gesteuert durch geschickte Propaganda (vgl. z.B. diesen Videoclip) in nationalen Jubel verfällt, die Nachricht, dass Ottochen, ihr Sohn, gefallen ist. Die Trauer ist groß, auch die Wut und der Zorn, und die Frau schreit ihren Mann, Otto, an: “Du und dein Führer!” Dabei sind doch beide in subalternen Organisationen der Nazis Mitglieder und stützen das System… Otto, der Schweigsame, ist von diesem Vorwurf getroffen. Er will nicht mehr mitmachen, es gibt dieses “Du und dein Führer” nicht, im Gegenteil, in ihm entwickelt sich ein Plan, gegen das ihm immer verhasstere Regime vorzugehen, gegen Hitler und seinen Terror zu kämpfen.

Der Plan, den er in seinen schweigsamen Tagen und Stunden entwickelt, ist einfach. Postkarten will er schreiben, auf denen die Wahrheit zu lesen ist, sie in Berlin verbreiten, indem er sie auslegt und davon ausgeht, dass der Finder sie liest, ins Zweifeln kommt, sie weitergibt, mit Freunden diskutiert und so sein kleiner Same “Wahrheit” sich verbreitet und die Pflanze “Widerstand” wächst. Er muss seine Frau einweihen in seinen Plan, und Anna will natürlich mitmachen, auch sie kann, nachdem ihr Ottochen gefallen ist, nicht mehr einfach zuschauen.

Geschickt verstehen sich beide derart zu verhalten, dass man sie aus ihren jeweiligen Organisationen (Arbeiterfront und Frauenschaft) hinausschmeißt. Sie kapseln sich ab, private Kontakte werden sowieso kaum gepflegt und zum Teil jetzt abrupt beendet. Zu zweit sitzen sie sonntags zu Hause, und Otto schreibt seine Karten, mehr als zwei schafft dieser mit den Händen arbeitende Mann an einem Tag nicht mit Sätzen rührender Hilflosigkeit und Wahrheit [4] zu verfassen und auszulegen…

Um das zentrale Ehepaar Quangel herum gruppiert Fallada einen Querschnitt von Menschen, an denen er exemplarisch zeigt, wie sich im Dritten Reich Menschen und System gegenseitig benutzten und stützten, wie das System geradezu darauf angelegt war, die Schwächen der Menschen für sich auszunutzen, Habgier und Neid für sich einzuspannen… wie aber auch Einzelne durchaus Widerstand leisteten, sich nicht einschüchtern ließen und auch persönliche Risiken eingingen. Die meisten der Falladaschen Figuren sind nicht einfach nur böse oder gut, sie haben beide Seiten in sich wie z.B. der Richter, der im Haus der Quangels ebenfalls eine Wohnung hat und eine Jüdin versteckt, der aber immer noch die Notwendigkeit der Todesurteile, die er einst ausgesprochen hat, verteidigt.

Dieses Haus, in dem die Quangels wohnen, ist einer der Plätze, an denen Falladas Roman spielt. Dort wohnen fanatische Parteigänger und haltlose Säufer, schleimige Spitzel ebenso wie eine Jüdin, Quangels eben und der schon erwähnte Richter. Besonders ambivalent ist das Frauenbild, das Fallada wiedergibt, oft sind die Frauen stärker als ihre Männer (nicht unbedingt besser…), sind sie keifende, hurende (aber damit das Überleben sichernde) Menschen, die sich aber trotzdem ihren Männern unterordnen und die allenfalls heimlich aufzumucken wagen (weil es sonst Schläge setzt), indem sie ihren besoffenen Männern die Klamotten nach Geld oder anderem durchsuchen.

Einen großen Teil des Romans widmet Fallada dem Ehepaar Kluge. Eva Kluge ist die Zustellerin, die bei Quangels jenen verhängnisvollen Brief abgeliefert hat. Sie, Parteimitgliedin, ist vom Leben geschlagen. Ihr Mann Enno ist ein weichlicher, fauler Weiberheld, der sie betrogen und belogen hat, bis sie ihn raussetzte. Dennoch taucht er immer wieder bei ihr auf, wenn er Geld braucht oder was zu essen oder er wieder mal von einer seiner anderen Frauen rausgeworfen wurde und ein Bett braucht. Karlemann, ihr geliebter Sohn Karlemann, schmeißt ihr Leben dann völlig um. Enno erzählt ihr – bei einer dieser elenden Streits, als er mal wieder angekrochen kommt – von dem Bild, auf dem zu sehen ist, wie der SS-(Karle)mann ein jüdisches Kind von drei Jahren an den Beinen hat und… Eva stellt den Antrag, aus der Partei auszutreten, sie hat allen Glauben an diese Menschen verloren. Und sie verlässt Berlin, flieht, auch vertrieben von den schikanösen Aktionen, die auf ihren unerhöhrten Antrag folgen, der selber ja an Hochverrat grenzt.

Enno dagegen wurstelt sich durch. Mehr seinen Trieben gehorchend als seiner Intelligenz – sofern vorhanden – baut er aber immer wieder Mist, und in diesem ist er eng verbunden mit dem schmierigen Spitzel Barkhausen, der im Hinterhaus der Quangels wohnt. Beide sind für Escherich, den Gestapo-Kommissar, der für die Aufklärung der Kartenaktion der Quangels verantwortlich ist, interessant, da sie für ihn spionieren und bespitzeln sollen.

Escherich überhaupt ist eine der interessantesten Figuren des Buches. Aus dem zivilen Bereich in die Gestapo übernommen ist er ein Jäger, den nur die Jagd nach der Beute interessiert. Was danach kommt, er weiß es zwar, aber es interessiert ihn nicht weiter. Nur – da er im Falle der sehr vorsichtigen Quangels nicht als Hetzjäger arbeiten kann, sondern sich auf die Lauer legen muss, was Zeit beansprucht, kaum vorzeigbare Erfolge bringt, wird er selbst zu einer Art Beute, auf die seine Vorgesetzten lauern. Er merkt in seiner durch langjährige Erfolge gewachsenen Arroganz zu spät, dass er selbst zum Abschuss freigegeben ist, und jetzt ist es egal geworden, ob es ihn interessiert, was mit der Beute passiert, wenn sie ergriffen wurde. Er selbst ist die wehrlose Beute, jetzt bestimmen andere über ihn. Nicht jeder übersteht dies.

Otto und Anna Quangel werden schließlich gefasst, durch das Zusammenspiel von Zufall und einer Unvorsichtigkeit, auf die Escherich seit langem wartete. Müßig zu schildern, was ihnen geschah… Sie werden inhaftiert, verhört, misshandelt, vor den Volksgerichtshof [3] unter Freisler gestellt und in einer Farce von Prozess zum Tod verurteilt.

Soweit in etwa der Inhalt bzw. die Handlung des Romans, der – so Fallada – den wirklichen Geschehnissen nur in groben Zügen folgend aber trotzdem eine “innere Wahrheit” wiedergibt [2]. Wie sieht diese nun aus, stellt sich diese dar, wenn die zugrunde liegende Handlung doch sogar in zentralen Punkten den offensichtlichen Gegebenheiten widerspricht? Keineswegs waren die echten Hampels so heroisch und in sich ruhend wie die Roman-Quangels – so verständlich und nachvollziehbar dies auch ist. Hier idealisiert der Autor sehr, setzt seinen Figuren ein Denkmal, dem sie nicht gerecht werden, das auch unnötig ist, nur zu welchem Behuf? Steckt eine erzieherische Absicht dahinter, eine ideologische oder moralische? Ich weiß es nicht, aber diese doch recht abweichende Darstellung stört mich einfach, weil sie in mir Zweifel an vielem anderen, was Fallada schildert, weckt, weil ich nicht weiß, wo im Buch die Grenze läuft zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen der Schilderung realer Verhältnisse und der Ausschmückung aus besonderem Anlass…

Fakt ist und bleibt jedoch, dass es im Dritten Reich Widerstand offensichtlich auch von “kleinen Leuten” gegen den Hitlerterror gab, naiven Widerstand, höchstgefährlich für alle, die damit zu tun hatten – oder auch nicht, denn das war einer der großen gedanklichen Fehler von Otto Quangel: Mit seinen Karten setzte er nicht, wie beabsichtigt, ein Umdenken beim Finder und Leser ein, sondern er versetzte diese nur in einen heillosen Schrecken, in unmäßige Angst, denn allein das Anfassen der Karte, ja, das Hinsehen auf die am Boden liegende Karte konnte in der Logik der Terrorjustiz schon ein Schuldbeweis sein. Egal, wofür, denn praktischerweise waren die Gesetze ja so verfasst, dass (im politischen Bereich) jeder a priori irgendwann einmal schuldig geworden war und die Aufgabe der Behörden ja “nur” noch darin bestand, herauszufinden, woran… Folgerichtig (und dies der zweite, eng mit dem ersten zusammenhängende Trugschluss Quangels) landeten die allermeisten der Karten sofort und praktisch ungelesen bei der Polizei…

Ansonsten malt Fallada ein Gemälde der kleinen Leute im Berlin der anfänglichen 40er Jahre, ihrer Lebensumstände im Großdeutschen Reich, das sich nach außen hin langsam, aber sicher zu Tode siegte und das nach innen seine Herrschaft durch Einschüchterung, Denunziation, Bestechung, Gewalt und Willkür stabilisieren musste. Es gab die über Leichen gehenden Karrieristen des Regimes, die sich auf wehrlose (oft jüdische) Opfer stürzenden Trittbrettfahrer, die gewissenlosen, für ein paar Groschen jeden verratenden Spitzel, es gab die Zuträger und die, die glaubten, nur ihren Job zu machen, und die dabei geflissentlich übersahen – es ihnen auch egal war –, dass sie das Regime damit stabilisierten, fütterten… Es war eine Angstgesellschaft, die sich im wesentlichen durch den Willen definierte, nicht aufzufallen, unterzutauchen in der Menge, willfährig zu sein, um zu überleben.

Hampels waren dies nicht, wollten dies nicht mehr sein. Das zeichnet sie vor Millionen anderer aus.

Das Buch selbst: Es liest sich gut und schnell, ist klar und einfach geschrieben. Eine Geschichte, die erzählt wird… am intensivsten wirkte auf mich der letzte Teil des Romans, der die Inhaftierung und den Prozess gegen die Quangels beschreibt. Die Verhöre der beiden, besonders die der Anna Q., bei deren Schilderung man erkennt, wie aussichtslos alles ist, denn ein Leichtes ist es den Verhörern, durch rhetorische Tricks und Wortverdrehungen Unsicherheit zu erzeugen, Pseudotatsachen zu erfinden, die Verhörten zu verwirren und in Widersprüche zu verwickeln. Jedes Nennen eines Namens, so unabsichtlich es auch erfolgte, so abstrus eine Beteiligung der Person an irgendwas auch sein mag, kommt im Grunde schon einer Verhaftung und somit auch einer Verurteilung gleich… Perfide werden die beiden, der Nenner und der Genannte, dann in eine Zelle gelegt…

ach, genug geschrieben…

Facit: ein sehr anschauliches Buch über den naiven, aussichtslosen Widerstand “kleiner” Leute gegen das Hitler-Regime.

Links und Anmerkungen

[1] Almut Gieseke in seinem Nachwort zum Roman führt hier einige Beispiele an. So wird zum Beispiel die Widerstandsgruppe im Betrieb Trudels nicht mehr als kommunistisch bezeichnet, da Fallada diese als moralisch ziemlich zweifelhaft schildert. Auch die früheren Todesurteile des Gerichtsrats a.D. Fromm, der im Roman ja ein “Guter” ist, werden vom Lektorat getilgt. Einige der Veränderungen am Manuskript werden auch deutlich, wenn man sich zum Vergleich mal die Beschreibung des 1975 nach dem Buch gedrehten Films anschaut: http://de.wikipedia.org/wiki/Jeder_stirbt_für_sich_allein_(1975).
[2] Vgl. dazu z.B. den Beitrag in der ZEIT.
[3] Wiki-Artikel zum Volksgerichtshof: http://de.wikipedia.org/wiki/Volksgerichtshof, die Geschichte des VGH wird auch in dieser YouTube-serie dokumentiert: http://www.youtube.com/watch?v=owumojZCULg.
[4] Siehe z.B abgebildete Karte in [2].

Zur Rezeption des Buches in Israel: http://www.freitag.de/kultur/1124-mit-fallada-nach-europa.

Hans Fallada
Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Verlag, HC, 2011, 704 Seiten

Die Rezension ist zuerst auf aus.gelesen erschienen.

Advertisements

Diskussionen

2 Gedanken zu “Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

  1. Ich habe das Buch bereits vor einem Jahr gelesen und ich erinnere mich immer noch daran, dass es mich sehr beeindruckt hat. Hans Fallada konzentriert sich in seinen Beschreibungen auf den Widerstand der „kleinen“ Leute und mir haben die Quangels mit ihrem Verhalten sehr imponiert. Ein wirklich sehr lesenswertes Buch! 🙂

    Verfasst von buzzaldrinsblog | 3. September 2012, 17:04
  2. Es ist schon richtig, dass viele Widerstandskämpfer naiv gewesen sind. Doch hätten viele den Mut zur Naivität gehabt, wären Leute wie die Quangels nicht gescheitert. Ich habe den Roman auch schon vor fast drei Jahren gelesen und er hat mit zutiefst bewegt.

    Verfasst von Beatrix Petrikowski | 21. Mai 2014, 09:22
%d Bloggern gefällt das: