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Johannes Tuchel: Hedwig Porschütz

Einige Tausend Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg in Berlin, Kulke [4] spricht von 1.700, die versteckt wurden, andere Quellen reden von 9.000 [7] Überlebenden. Dies zeigt zweierlei: Es war möglich, im Dritten Reich Zivilcourage und Menschlichkeit zu zeigen, und diese stille, leise, oft lebensrettende Art des Widerstands wurde auch geleistet. Viel zu wenig, in viel zu geringem Ausmaß, aber es gab sie. Es war ein Widerstand, der mit hohem persönlichem Risiko verbunden war, der über eine lange Zeit geleistet werden musste und durch den jeder Helfer natürlich selbst in das Schussfeld der Judenjäger geraten ist.

In Berlin war das Netzwerk, das sich um die Blindenwerkstatt von Otto Weidt bildete [siehe auch Lit-Hinweise unter 5], ein herausragendes Beispiel für eine solche Hilfe. Inge Deutschkron berichtet in ihrem Büchern [u.a. in 5] davon, wie sie selbst durch Otto Weidt und seine Mitarbeiter gerettet wurde. Zu den Leuten um Weidt gehörte auch Hedwig Porschütz, der Tuchel seine schmale Broschüre gewidmet hat. Es ist eine späte, verspätete, zu späte Ehrung für Frau Porschütz, die 1977 verarmt starb.

Ich verzichte weitgehend darauf, den Inhalt der Ausführungen wiederzugeben, dieser ist in wesentlichen Teilen dem Artikel der ZEIT [1, aber auch in 2] zu entnehmen, durch den auch ich auf diese Frau aufmerksam geworden bin. Nach einer kurzen Schilderung des Lebenslaufes von Hedwig Porschütz schildert Tuchel im ersten Teil der Broschüre einzelne Fälle, in denen Frau Porschütz Juden geholfen hat, indem sie sie zum Teil in ihrer eigenen Wohnung unterbrachte oder auch in (andere) Verstecke vermittelte. Die Unterbringung von Flüchtlingen bedeutet immer auch deren Versorgung, da diese sich ja Lebensmittel nicht mehr selbst besorgen können. Da kamen Frau Porschütz ihre Schwarzmarktkontakte sehr zugute, auf die noch einzugehen sein wird. Sie beteiligte sich ebenfalls an der Paketaktion Weidts für Juden, die in das Lager Theresienstadt deportiert worden waren.

Worin liegt nun die persönliche Tragik Hedwig Porschützs? Sie liegt, und das darzulegen ist Inhalt des zweiten Teils der Veröffentlichung, darin, dass die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft in vielen Bereichen eine kontinuierliche Fortsetzung der gerade überwunden geglaubten Auffassungen der Hitler-Ära darstellte. Wie oben schon angedeutet, war Hedwig Porschütz Schwarzmarkthändlerin und ist als solche im Oktober 1944 vom Sondergericht Berlin verurteilt worden. Unter den dem Urteil zugrunde gelegten, besonders erschwerenden Begleitumständen war auch, dass Hedwig Porschütz in ihrer Wohnung gelegentlich Freier empfing, also als Prostituierte arbeitete.

Aus diesem „Umgang mit fremden Männern“ wurde im Urteil des Sondergerichts ein unsittlicher Lebenswandel abgeleitet, eine Formulierung, die in internen Bemerkungen zu den Anträgen Porschützs zur Anerkennung als Politisch Verfolgte bzw. Stille Heldin von 1956 bzw. 1958 übernommen und durch den Zusatz des Adjektivs „wahllos“ noch verschärft wurde. Diese Begründung der Ablehnung, quasi die Unwürdigkeit der Antragstellerin, wurde Hedwig Porschütz nie mitgeteilt. Eine eigenständige Bewertung und Würdigung der Hilfsleistungen von Hedwig Porschütz durch z.B. Befragung von Überlebenden unterblieb, die fixierten Ansichten der Nazi-Sondergerichtsbarkeit wurden unhinterfragt übernommen.

So blieb Hedwig Porschütz zeit ihres Lebens ohne staatliche Hilfe oder Anerkennung. Im Oktober 2010 erfuhr sie endlich durch die Enthüllung einer Gedentktafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus eine späte, posthume Würdigung. Wie viele solcher Schicksale von stillen Helfern mögen völlig im Dunkeln verblieben sein?

Links und Anmerkungen:

[1] Artikel in der ZEIT, 19. Juli 2012: Eine Frau in Berlin.
[2] Bericht über Ehrentafel: Neues Deutschland, 22.10.2010: Ehrung für stille Heldin.
[3] Website der Gedenkstätte „Stille Helden“ in Berlin.
[4] Ulli Kulke, Welt Online, 15.09.2009: Wo und wie 1700 Juden die Nazis überlebten.
[5] Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern.
[6] Greifer: Juden verraten Juden. Der Fall Stella Goldschlag als Beispiel (Wiki-Artikel).
[7] Jüdisches Leben in Berlin (Wiki-Artikel).

Johannes Tuchel
Hedwig Porschütz. Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945
flexibel, 2010, ca. 110 Seiten
Bezug über die Gedenkstätte Deutscher Widerstand

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