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Hilde Schramm: Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux

Dora Lux hat keinen Wikipedia-Eintrag. Recherchiert man im Internet über sie, wird man nicht fündig werden. Dabei ist das Leben dieser Frau nicht nur interessant, ihr Lebenslauf ist vor dem geschichtlichen Hintergrund wahrscheinlich einmalig.

Leben gegen alle Regeln

Dora Lux gehörte zu den ersten Abiturientinnen, als sie und ihre Schwester Annemarie 1901 die Schule in Berlin abschlossen. Anschließend waren Dora und Annemarie eine der ersten Frauen, die studieren konnten. Sie war auch eine der ersten wissenschaftlich ausgebildeten Lehrerinnen in Deutschland. In der Weimarer Republik gehörte sie dann zu den wenigen verheirateten Studienrätinnen und sie zog zwei Töchter groß. Dass sie mit dem zwanzig Jahre älteren Sozialisten Dr. Heinrich Lux verheiratet war, gehört zu den weniger aufsehenerregenden Punkten ihres Lebens.

1933 erhielt sie ein Berufsverbot und publizierte trotzdem bis 1936 in der Zeitschrift Ethische Kultur Beiträge, die sich teilweise kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzten. Einer der erstaunlichsten Tatsachen ist es, dass Dora Lux sich niemals als Jüdin registrieren ließ, wie es gesetzlich vorgeschrieben war. Sie überlebte das Nazi-Deutschland, ohne ins Exil flüchten zu müssen. Sie wurde nicht denunziert oder aufgegriffen. Nach 1945 war Dora Lux wieder bis ins hohe Alter als Lehrerin tätig und unterrichtete in einem damals ungewöhnlichen Stil, da sie die Schülerinnen zum selbstständigen Denken anregte und im Geschichtsunterricht die Zeit des noch sehr nahen Nationalsozialismus nicht ausblendete.

Frauen in der Geschichte

Im April 2012 wurde die Lebensgeschichte von Dora Lux von einer Frau publik gemacht, die selbst einen spannenden Lebenslauf hat. Die Autorin Hilde Schramm ist die Tochter von Albert Speer, dem Mann, der für Adolf Hitler als Architekt und später als Minister für Kriegswirtschaft tätig war. Hilde Schramm ist selbst Erziehungswissenschaftlerin und war für kurze Zeit Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses. Sie ist Mitbegründerin der „Stiftung Zurückgeben“ und Vorsitzende im Kuratorium der Internationalen Liga für Menschenrechte. Mit dem hochinformativen Buch Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux setzt sie ihrer Lehrerin, die sie sehr prägte, ein Denkmal.

„Aber nicht nur die Bruchstücke ihrer Lebensgeschichte faszinierten mich schon als junge Frau, auch die Unabhängigkeit ihres Denkens und Verhaltens. Sie erzeugte Irritationen und weckte Skepsis gegenüber dem gesellschaftlichen Selbstverständnis im Nachkriegsdeutschland.“ (S. 24)

Man könnte erwarten, dass das Buch durch diese persönliche Bindung an den „Forschungsgegenstand“ eine einseitige Betrachtung enthält. Dem ist nicht so, denn Schramm hat ehemalige Mitschülerinnen und Zeitzeugen befragt, in Archiven nach Anhaltspunkten über Zeit und Umstände dieses Lebens gesucht und aus dem umfangreichen Material das Leben der Geschichtslehrerin rekonstruiert.

Jüdisches Leben um 1900 in Berlin

So entstand ein sehr umfangreiches Bild der Person Dora Lux. All ihre Probleme im Leben, sei es in der Schulausbildung, im Berufsleben oder durch die zunehmende Verfolgung der Berliner Juden, werden von allen Seiten beleuchtet. So macht Schramm auch das lebendige intellektuelle Berlin sichtbar.

Gegen alle Widerstände macht Dora Lux das Abitur, damals nur möglich durch die „Gymnasialkurse für Frauen in Berlin“, die von Helene Lange ins Leben gerufen wurden. Das Gymnasium stand damals auch in Berlin nur Knaben offen. Mussten Frauen in Familien oft ihr Recht auf Bildung hart erkämpfen, forderte Dora Lux’ Vater dieses Recht für beide Töchter ein. Mit Statistiken und Daten macht Schramm an dieser Stelle klar, dass Familie Lux kein Einzelfall ist. Bildung galt bereits Ende des 19. Jahrhunderts vor allem für jüdische Familien als Weg zum sozialen Aufstieg.

Nach dem Abitur schrieb sich Dora Lux in Berlin für ein Studium der Altphilologie und Geschichte ein. Dort war sie aber nicht offiziell immatrikuliert, wieder ein Privileg der Studenten. Sie war nur Hörerin. Schramm verfolgt den schweren Weg der Studentin, der sie nach Heidelberg treibt, wo Frauen zum Studium zugelassen waren, der sie aber auch nach München zum Promovieren führt. Von Anfang an war es Dora Lux’ Ziel als wissenschaftlich ausgebildete Akademikerin zu lehren, nicht als Lehrerin mit Seminarausbildung, was schlecht vergütet war und dem Stand eines Hilfslehrers gleichkam. Man wollte Frauen aber grundsätzlich aus dem Staatsdienst fernhalten und verweigerte ihnen deshalb rigoros die Zulassung zum Staatexamen, das man auch mit Promotion noch ablegen musste, um an Schulen unterrichten zu dürfen.

Schramm zeichnet am Beispiel von Dora Lux die schwere Stellung der Frau zu Anfang des 20. Jahrhunderts nach, fast könnte man vergessen, dass die Doktorin auch Jüdin war. Sie selbst sah sich immer als Atheistin. Die Tatsache der jüdischen Herkunft schwingt immer ein wenig mit, machte den Weg noch ein wenig schwieriger, nach der Machtergreifung der Nazis wird sie jedoch zum lebensbestimmenden Fakt. In der Darstellung ihres Lebens spürt man nicht einmal Verzagtheit, eine unsägliche Furcht oder Zweifel bei Dora Lux. Sie rettet jüdische Freunde, übernimmt noch lange die Redaktion des Magazins Ethische Kultur, unterstützt ihren Mann, als der seine Zulassung als Patentanwalt verliert und krank wird, sie hält die Familie zusammen und duckt sich nicht.

Das ist das Unglaublichste an der ganzen Biografie, dieser vielseitigen und starken Frau: Sie lebte bis zum Ende des Krieges frei. Bis zum 31. Dezember 1938 sollten sich alle Juden bei der Behörde melden, um eine Judenkennkarte und den Zwangsvornamen „Sara“ zu erhalten. Ein Akt, der vor allem das Erfassen und Deportieren der jüdischen Bevölkerung erleichtern sollte. Sie tat es nicht und lebte damit sehr gefährlich. Schramm begleitet nicht nur Dora Lux durch diese schwierigen Jahre, sondern auch ihre Schwester Annemarie und ihre Brüder, die andere Wege wählten. So erhält man ein recht lebendiges Bild von dem Alltag als noch geduldete, arbeitstätige Juden in Berlin.

Im letzten Teil der Studie kann Hilde Schramm eigene Beobachtungen miteinfließen lassen, denn es wird Dora Lux’ Lebensweg nach dem Krieg nachverfolgt. Man bekommt den Eindruck einer starken, klar analysierenden und selbstständigen Frau, die ihr Leben wie immer selbst in die Hand nimmt. Ob sie vielleicht an ihrem Schicksal innerlich doch ein wenig zerbrochen ist und mit welchen Gefühlen sie später in der Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg-Wieblingen die Tochter von Albert Speer zu selbstständigen Denken anregte, weiß man nicht.

Umfangreiche Studien und Zusatzmaterial

Dieses Buch ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Schramm hat viel Wert auf die Darstellung der historischen Umstände gelegt, die diesen einmaligen Lebenslauf der Dr. Dora Lux möglich machten. Ein biografischer Roman oder eine stringent aufgebaute Biografie ist dabei nicht herausgekommen. Da es so gut wie keine schriftlichen Aufzeichnungen von Dora Lux gibt, sieht man von ihren politischen und kulturwissenschaftlichen Aufsätzen ab, kann man keine Einsichten in das Innenleben der Berlinerin erwarten. Es ist eine Studie über das Leben der jüdischen Pädagogin, die einen weiten historischen Bogen schlägt. Allein der Anhang hat einen Umfang von 100 Seiten, und da die knapp 350 Leseseiten nicht reichten, stehen auf der Verlagsseite fünf Exkurse zum Herunterladen zur Verfügung, die folgende Themen erweitert behandeln:

Erster Exkurs: Die Gymnasialkurse für Frauen 1893 bis 1909 und Helene Lange als Pädagogin
Zweiter Exkurs:

 Gesuch von Abiturientinnen von 1902 auf Immatrikulation an preußischen Universitäten
Dritter Exkurs: Aus den Memoiren des Dr. Heinrich Lux – der Zeitraum 1863 bis 1909
Vierter Exkurs: Zeitschrift und Gesellschaft ethische Kultur 1931-1936
Fünfter Exkurs: Zur Wiedereinführung des Geschichtsunterrichts in Nordbaden nach 1945

Hilde Schramm
Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux: 1882-1959. Nachforschungen
Rowohlt, 2012
, 432 Seiten, 19,95 €

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Über Frollein Wortstark

2004 bis 2010 Studium (Philosophie, Deutsche Philologie, AVL) an der FU, HU und Uni Bern. 2007 bis 2010 Fachjournalistikstudium. PR-Volontariat bis Juni 2011. Seit Juli 2011 freie Autorin und Texterin. Ihre Leidenschaften: Bücher, Fotografie und Essen- und in allem viel Farben.

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