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Silvia Tennenbaum: Straßen von gestern

Silvia Tennenbaums Roman Straßen von gestern wurde bereits in den frühen 80er Jahren veröffentlicht. 2012 hat sich der Schöffling & Co. Verlag dazu entschieden, es noch einmal in einer Neuauflage zu veröffentlichen. Der Hauptgrund für diese Entscheidung war, dass der Roman Teil des Projekts „Frankfurt liest ein Buch“ wurde. Auch wenn ich Frankfurt leider nicht kenne, da ich bisher noch nie dort war, finde ich die Entscheidung für Straßen von gestern sehr nachvollziehbar. Beim Lesen habe ich mich aus mehreren Gründen an Der Turm von Uwe Tellkamp erinnert gefühlt – unter anderem, weil ich das Gefühl hatte, mit dem Buch in der Hand durch die Straßen Frankfurts laufen zu können. Passend dazu gibt es im Bucheinband auch einen Kartenausschnitt der Stadt.

Der Titel des Romans spielt auf ein Gedicht von Rainer Maria Rilke an. In der ersten der Duineser Elegien heißt es: „es bleibt uns die Straße von gestern„. Dieser nostalgische, an die Vergangenheit erinnernde Titel steht symbolisch für den ganzen Roman. Silvia Tennenbaum erzählt die Geschichte der Familie Wertheim, und es gelingt ihr auf beinahe 700 Seiten ein Panorama zu entwerfen, das sich von 1903 bis 1945 erstreckt. Während die Vorfahren der Familie Wertheim noch dazu gezwungen waren, in der Judengasse zu leben, haben sie sich zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Stellung innerhalb der Gesellschaft erarbeiten können. Das Oberhaupt der Familie ist Moritz Wertheim, der mit seiner Frau Hannchen verheiratet ist. Moritz und Hannchen haben fünf Söhne, die unterschiedlicher nicht sein könnten und ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben.

Nathan, der mit Caroline verheiratet ist, arbeitet als Rechtsanwalt, und Siegmund ist in der Firma seines Vaters tätig. Jacob dagegen entscheidet sich dazu, Buchhändler zu werden und führt eine kleine Buchhandlung in Frankfurt. Ganz aus der Art fällt Gottfried, aus dem später Gerald F. Worth wird – nach einer versuchten Vergewaltigung wird er von seiner Familie nach Amerika geschickt. Derjenige, der das höchste Ansehen genießt, ist sicherlich Eduard, der als Bankier arbeitet, Kunstwerke sammelt und als einer der ersten in seiner Familie erkennt, dass die Zeit gekommen ist, Deutschland zu verlassen. Aus seiner Villa in der Schweiz heraus versucht er – mit Hilfe seiner finanziellen Möglichkeiten – seine Verwandten zu unterstützen.

Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer faszinierender Figuren, die ich an dieser Stelle – um den Rahmen nicht zu sprengen und die Geduld meiner Leser nicht überstrapazieren zu müssen – leider gar nicht alle erwähnen kann. Am interessantesten für mich waren die Beschreibungen von Nathans und Carolines Kindern, unter denen vor allem die Schwestern Helene und Emma herausstechen. Emma zieht später nach Florenz, während Helene – mit einem berühmten Konzertpianisten verheiratet – die Auswanderung nach Amerika gelingt. Ihre Brüder Ernst und Andreas haben nicht so viel Glück, Ernst wandert sehr früh nach Palästina aus, ohne wirklich glücklich zu sein mit dieser Entscheidung, und Andreas ist als Homosexueller besonders schweren Diskriminierungen ausgesetzt.

Was mich am meisten an Straßen von gestern begeistert hat, sind die Beschreibungen von Silvia Tennenbaum. Obwohl sie viele Handlungsfäden und Figuren in den Händen hält, gelingt es ihr, alle auf fantastische Art und Weise miteinander zu verweben. Besonders bedrückend sind die zunehmenden politischen und sozialen Veränderungen, die immer offensichtlicher werden, aber von der Familie Wertheim kaum wahrgenommen werden. Sehr lange fühlen sie sich nicht bedroht und können sich kaum vorstellen, selbst irgendwann betroffen zu sein. Dieses Nicht-sehen-wollen oder das Nicht-sehen-können, nicht in der Lage zu sein, die Bedrohung wahrzunehmen, es sich einfach nicht vorstellen können – all dies wird von Silvia Tennenbaum immer wieder zwischen den Zeilen beschrieben:

„Die Schüler des Goethe-Gymnasiums trennte weniger ihre Konfession als ihre gesellschaftliche Stellung: Es kam nicht so sehr darauf an, ob man Jude oder Nichtjude, Katholik oder Protestant war, als vielmehr darauf, ob man im Westend wohnte.“

Das war das, woran die Familie Werheim 1903 noch glauben wollte. Auch wenn es schon damals Menschen gab, die die Situation und drohende Zukunft kritischer gesehen haben. Besonders heraus sticht dabei Eva Süßkind, die Schwester von Caroline. Doch gehört, wurde sie nicht: „Alle Anwesenden schwiegen. Man sprach bei Tisch nicht von Revolution. Und schon gar nicht vor den Dienstboten!„. Auch Paul Leopold, ein Journalist, der mit Helene befreundet ist, ist sich der schmerzhaften Wirklichkeit bewusst:

„Ich beobachte. Das ist meine Aufgabe. Ich bin allein, und ich beobachte, und ich sehe die Gewalttätigkeit und den Haß. Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden soll. Ich schreie es in die Welt hinaus, aber niemand glaubt mir. Man sagt, meine Berichte seien hervorragend, aber sie ändern nichts. Sie werden gelesen, man spricht darüber, und die Mörder fahren fort, Deutschlands Zukunft zu planen.“

Die Angehörigen der Familie Wertheim verschließen die Augen vor der Wirklichkeit, vor der drohenden Katastrophe. Wobei ich gar nicht weiß, ob man sich damals wirklich vorstellen konnte, welches Ausmaß die Politik Hitlers annehmen würde. Doch ich habe schon den Eindruck, dass die Familie Wertheim bewusst eine Form der geistigen Flucht wählt, eine Flucht in Bücher, Musik und Konzerthäuser.

„Das einzige, was ihm jetzt noch Freude bereitete, waren Dinge wie Bücher und Musik, in die er sich genügend versenken konnte, um die schmerzliche Gegenwart zu vergessen.“

Familie Wertheim gehört zu den gutbürgerlichen Familien Frankfurts, ein Status, der vor allem dem klugen Geschäftsmann Eduard zu verdanken ist. Reisen nach Italien oder Travemünde sind mehrmals im Jahr möglich und werden immer wieder ausgiebig genossen. Doch all der Reichtum, all die finanziellen Möglichkeiten können die Familie Wertheim nicht vor dem schützen, was passiert. 1933 ist das Jahr, in dem sich die Situation für alle in der Familie zunehmend verschlechtert. Nicht allen Familienmitgliedern gelingt es, zu flüchten, nicht alle erkennen rechtzeitig, dass sie Deutschland lieber verlassen sollten. Andreas bleibt mit seiner Mutter Caroline zurück, auch Carolines Bruder Jonas gelingt es nicht, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Andere Familienmitglieder haben mehr Glück: Helene flieht mit ihrer Tochter Clara und ihrem Ehemann Manfred, einem Konzertpianisten, nach Amerika.

Am meisten berührt hat mich das Schicksal des Buchhändlers Jacob, der sich während der Kriegswirren in Lore verliebt. Lore ist seine erste wirkliche Partnerin, und er verbringt einige glückliche Jahre mit ihr. Beiden gelingt die Flucht nach Holland, doch dort verschwindet Jacob während eines Spaziergangs. Lore bleibt allein zurück. Sie sagt einen unendlich traurigen Satz, als sie Jacobs Sachen zusammenpackt:

„Sie glaubte nicht, dass sie irgend etwas von diesen Dingen jemals wiedersehen würde, aber sie erkannte zu ihrem Erstaunen, dass sie ihr nichts bedeuteten. Sie waren die Schale, nicht das Leben. Das hatte Jacob mitgenommen.“

Nach 1933 sind den Angehörigen der Familie Wertheim Dinge geschehen, sie sind Zuständen ausgesetzt, die sie sich nie haben vorstellen können. An einer Stelle sagt Benno, ein Neffe Carolines, dass man „uns mit den Wurzeln aus der Erde gerissen“ hat, in der sie aufgewachsen sind. Alle haben gewaltsam und gezwungenermaßen ihr Zuhause verloren, ihre Heimatstadt, ihr Heimatland, ihre Muttersprache.

Silvia Tennenbaum ist mit Straßen von gestern ein wunderbarer, ein großartiger Roman gelungen. Sie entwirft ein Panorama, das mehr als vierzig Jahre umfasst. Ihr gelingt es, die zunehmende Bedrohung und die Weigerung oder Unfähigkeit, diese Bedrohung wahrzunehmen, sehr nachvollziehbar zu beschreiben. Viele Passagen im Roman sind atmosphärisch sehr dicht, vor allem das letzte Drittel des Romans sticht dabei heraus. Ich habe zu fast allen Angehörigen der Familie Wertheim eine Beziehung aufgebaut, den einen fand ich sympathischer als den anderen, aber ich habe am Ende des Romans mit allen mitgelitten. An irgendeinem Punkt habe ich mich fast unfähig gefühlt, dass Buch aus der Hand zu legen: Ich musste einfach wissen, wie es weitergeht.

Silvia Tennenbaum entwirft das Porträt einer gutbürgerlichen Familie und deren schleichenden Abstieg. Ein großer Roman, ein wichtiger Roman und sicherlich auch ein sehr stark autobiographisch gefärbter Roman: Die Lebensdaten Claras stimmen mit denen von Silvia Tennenbaum exakt überein. Vergleiche mit Thomas Mann, auf die ich immer wieder gestoßen bin im Internet, sind sicherlich zu hoch gegriffen – dennoch ist Straßen von gestern ein fantastisches und empfehlenswertes Buch.

Silvia Tennenbaum
Straßen von gestern
Aus dem Englischen von Ulla de Herrera
Schöffling & Co., Frankfurt 2012, 656 Seiten

Die Rezension ist zuerst auf buzzaldrins Bücher erschienen.

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