»
.Literatur, Auto/biographie, Erinnerungsorte, Gedenkstätten

Jorge Semprún: Die große Reise

Eigentlich wollte ich die Vorstellung des Buches von Semprún [12] in etwa wie folgt beginnen: Das Buch handelt von den Erinnerungen eines jungen Mannes an eine lange Eisenbahnreise in einem überfüllten Waggon. Während dieser langen, langweiligen und unbequemen Reise kommen ihm Gedanken an seine Vergangenheit, die noch nicht reich an Jahren, jedoch an Ereignissen ist. Er erzählt diese Reise aus der Rückschau, sechzehn Jahre nachdem er sie getätigt hat, und so flicht er auch die Begebnisse ein, die sich am Ende der Reise, das inmitten Deutschlands lag, ereigneten.

Aber das würde dem Buch und dem Inhalt nicht gerecht werden. Also fange ich noch einmal von vorne an…

Mehr noch, es ist mir nach diesen langen Jahren freiwilligen Vergessens nicht nur möglich, … zu erzählen, ich muss es tun … nicht in meinem eigenen Namen, sondern im Namen der Dinge, die geschehen sind …

Die angesprochene Reise des Spaniers beginnt in Frankreich und führt in das Herz Deutschlands, in die Nähe eines der kulturellen Zentren Mitteleuropas, nach Buchenwald, einen Stadtteil Weimars. Sie findet in einem Viehwaggon statt, mit 119 Mitreisenden [1]. Kein Wasser, kein Essen, keine Toilette, keine Luft. Eine ineinandergepferchte Menschenmasse, die sich nur kollektiv bewegen kann. Der Junge aus Semur ist auf dieser Fahrt sein Gesprächspartner, ihm erzählt er aus seinem bisherigen Leben, aus seiner Nähe schöpft er Kraft. Der Junge stirbt bei der Ankunft in seinen Armen.

Semprún erzählt diese Geschichte aus der Rückschau. Sechzehn Jahre mussten vergehen, bis er imstande war, bis er die Notwendigkeit auch sah, diese Geschichte zu erzählen. Die ganzen Jahre, die er nach der Befreiung aus dem Lager lebte, musste er erst sein Leben wiederfinden, er wollte sich nicht durch die Lagerhaft definieren, wollte kein Veteran sein, kein Überlebender. Ich musste beim Lesen unwillkürlich daran denken, wie ich seinerzeit schwimmen gelernt hatte: Im offenen Meer, die Wellen waren mir zu hoch, zu stürmisch, also bin ich unter den Wellen geschwommen; ich konnte tauchen, bevor ich auch über Wasser schwimmen konnte und dessen Bewegungen aushielt. Und so kam mir auch Semprún vor in diesem Exkurs über das Vergessen, besser gesagt, das Verdrängen: Es braucht seine Zeit, bis man sicher genug ist, sich diesem Wellengang der Gefühle, des Erinnerns, des Nochmals-Durchlebens auszusetzen …

Was Semprún erzählt, ist eine Reflexion seines Lebens, angefangen von dem Moment, in dem er aus Spanien nach Frankreich ins Exil fliehen muss. Dort geht er zur Universität, schließt sich letztendlich der Resistance an, kämpft im Untergrund gegen die Nazis. Seine Gruppe wird ausgehoben, er wird interniert und abtransportiert nach Buchenwald. Dort verbringt er zwei Jahre, bis am 11. April 1945 das Lager durch die 3. US-Armee befreit wurde [2, 3]. Danach verbringen er und seine Kameraden noch einige Tage im Lager, erkunden das “Außen”, das sie, die eingesperrt waren, immer gesehen haben und von wo sie, die eingesperrt waren, auch immer gesehen worden sind. Sie fahren nach Frankreich zurück, und dort setzt ganz bewusst bei ihm die Distanzierung ein, er ist kein Franzose, er besteht auf sein Spaniersein (bekommt also ganz bürokratisch seinen Willkommensgruß der Franzosen nicht) und beschließt zu vergessen, die Erinnerung zu vergraben.

So ist auch dieses Buch weniger eine Schilderung dessen, was war, was im Lager vorgefunden wurde. Natürlich, auch dies kommt vor, aber es ist nicht das Hauptaugenmerk Semprúns. Ihm geht es um die Hintergründe, um das Nazisein an sich, um die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, solches zu verhindern, auszurotten. Und er erschrickt, erkennt in einem kurzen Moment, wie nah “Nazisein” ist: Nach der Befreiung gehen er und seine Kameraden in ein nahegelegenes Dorf, ins so sehnsüchtig vermisste “Außen” nach dem “Innen” des Lagers, vorgeblich in eine andere Welt also. Sie gehen dorthin, und Semprún sieht ein Haus, von dem aus das Lager wie ein Stadion ausgebreitet liegt. Er klopft an, niemand öffnet, er poltert und tritt gegen die Tür: “Aufmachen, los, aufmachen!”, und er erkennt, dass das Nazi-Jargon ist, “Los” ist das Lieblingswort der Nazischergen … Er ist nicht nur von innen nach außen gewechselt, sondern auch von machtlos nach mächtig, er gehört jetzt zu den Siegern, so wie er drei Tage zuvor noch zu den Todgeweihten gehört hat, und schon schlägt sich dies in seiner Sprache, seiner Handlung nieder …

Das Buch ist im Grunde eine einzige lange Gedankenodyssee, es hat keine Kapitel, keine Struktur. Ansatzlos wechselt der Autor von der Erzählung und Analyse von Geschehnissen in der Vergangenheit zu denen in der Zukunft (relativ zu seinem Lageraufenthalt), um sofort wieder aktuell auf seiner großen Reise zu sein, im Viehwaggon bei seinen Leidensgenossen, aneinandergepresst mit dem Jungen von Semur. Er ist zögerlich beim Formulieren, wägt ab, seziert seine Sprache, verfeinert immer mehr, um der Wahrheit nahezukommen.

Nach sechzehn Jahren muss Semprún erzählen, muss seine Geschichte, muss das Grauen aus Buchenwald offenlegen. Und doch: Es gibt einen Bruch. Die Ankunft des Zuges in Buchenwald trennt der Autor ab, es ist ein Kapitel “II” und er redet von sich in der dritten Person, nachdem er bis dahin der Ich-Erzähler war. Warum? Ist es immer noch zu schmerzhaft, davon zu reden? Geht es ihm immer noch zu nahe, muss er diese “dritte Person” dazwischen schalten, um die Erinnerung überhaupt aushalten zu können?

Ich war einmal mit meiner Kirchengemeinde in Buchenwald und habe die Gedenkstätte besucht. Im Grunde ahnt man das Grauen, das sich dort auf dem Ettersberg, knapp acht Kilometer vor den Toren von Weimar, abgespielt hat, nicht. Es ist ruhig dort, an einigen Stellen mit den Rasenflächen, den Blümchen, den alten Bäumen fast idyllisch. Man kommt die Blutstraße hochgefahren, aber das ist noch eine rein kognitive Erkenntnis. Für mich war es aber ein sehr intensiver Besuch. Zeitweise hatte ich das Gefühl, die Beschreibungen, die ich aus Büchern kenne, überblendeten sich mit dem Orten, an denen ich dort stand: Auf dem Carachoweg sah ich die SS mit ihren Knüppeln, ich hörte die Deportierten dort rennen und schreien, sah sie im Sachsengruß [8], im Krematorium ließen mich Bilder wie dieses nicht los … Ich sah den Appellplatz voller Häftlinge, der Witterung ungeschützt ausgesetzt, zählen und zählen und zählen … Im Hintergrund die Landschaft mit Dörfern, und keiner will etwas gewusst haben … obwohl eine riesige Logistik hinter dem Betrieb des Lagers gesteckt haben muss.

Wir haben lange mit unserem Betreuer dort (ich will das Wort “Führer” vermeiden) diskutiert: Wie kommen Menschen dazu, so etwas zu machen, andere Menschen zu quälen, zu schikanieren, zu töten, zum Spaß zu töten … Es gibt keine allgemein gültige Antwort, außer, dass wir alle nur eine dünne Schicht davon entfernt sind. Unter den “geeigneten” Bedingungen wären viele, die meisten vielleicht, fähig, für ein System, eine Idee, eine Religion, eine Überzeugung Verbrechen zu begehen, zu töten. Ich vielleicht auch. Und das macht mich unendlich traurig und wütend.

Facit: Ich werde noch etwas brauchen, um das Buch und erst recht den Besuch zu verarbeiten.

Jorge Semprún
Die große Reise
Suhrkamp Verlag, Erstauflage 1982, 244 Seiten

Jorge Semprún ist im Juni 2011 verstorben.

Links und Anmerkungen:

[1] Später sollte Semprún beobachten, dass in einen solchen Waggon noch mehr Menschen, 200 Juden, passen. Acht bis zehn Tage durch den härtesten Winter des Krieges gefahren, ohne Wasser und ohne Nahrung, fielen sie hartgefroren wie Baumstämme auf den Bahnsteig, nachdem bei der Ankunft in Buchenwald dann der Waggon geöffnet wurde …
[2] Webseite der Gedenkstätte Buchenwald: www.buchenwald.de. Ebenso diesen Wiki-Artikel zur Geschichte des Lagers: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Buchenwald.
[3] Vgl. auch Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen.
[4] Zur Geschichte des KZ Buchenwald: http://www.rolfschwarz.com/SCI/Buchenwald/buchenwald-dt.htm.
[5] Wiki-Artikel mit weiteren Links zu Ilse Koch.
[6] Dass die “Kommandeuse” tätowierte Menschenhaut zu Lampenschirmen gerben ließ, ist – soweit ich das im Internet recherchiert habe – wohl nicht gerichtsfest bewiesen, was immer das auch heißen mag …
[7] Zur Geschichte des Ehepaares Koch: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44447388.html.
[8] Z.B. hier, manchmal auch in der Hocke … stundenlang … Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass man das rein physisch aushalten kann …
[9] Fotostrecke aus Buchenwald.
[10] Einige Bilder von mir aus Buchenwald.
[11] Buchenwald war das erste Lager, das den Aliierten unversehrt und noch mit Inhaftierten in die Hände fiel. Die Nazis hatten es nicht geschafft, rechtzeitig alle mit sogenannten Todesmärschen zu “evakuieren”. Hier bestand also zum ersten Mal die Möglichkeit, ein solches Lager in seiner Funktion zu analysieren. Zudem war Buchenwald auch noch das größte Lager auf deutschem Boden und für die deutsche Rüstungsindustrie, die sich in der Nähe mit Werken angesiedelt hatte, wegen der Möglichkeit, für wenig Geld auf Arbeitssklaven zurückgreifen zu können [2], von großem Wert. Es ist auch das Musterlager, an dem Kogon die Strukturen und die Funktionsweise des SS-Staates analysiert. Das Buch, 1946 in der ersten Auflage erschienen und danach immer wieder neu aufgelegt, hat von seiner Gültigkeit bis heute nichts eingebüsst.
[12] Eine kleine Biographie von Jorge Semprún.

Die Besprechung wurde ursprünglich bei aus.gelesen veröffentlicht.

Advertisements

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Jorge Semprún: Die große Reise

  1. Ich habe von Semprún Schreiber oder Leben gelesen, das mich damals sehr beeindruckt hat. Semprúns Erzählstil ist hier ganz ähnlich: assoziativ, mit vielen Vor- und Rücksprüngen. Chronologisches Zentrum ist hier die Befreiung aus Buchenwald, aber immer wieder erzählt er auch vom französischen Widerstand zu Zeiten des Krieges oder vom Kommunismus, von Begegnungen, die sich ihm eingebrannt haben. Der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist die Frage, ob Semprún über seine Erfahrungen im Konzentrationslager schreiben soll, und lange Zeit glaubt er, das Schreiben würde das Leben ausschließen, es ihm verwehren, weshalb er sich bewusst dagegen entscheidet und fast zwei Jahrzehnte lang schweigt. Ein sehr wichtiges, auch bewegendes Buch über die Unmöglichkeit, das Erlebte in Worte zu fassen, aber zugleich auch über die Unmöglichkeit, es für immer zu verschweigen.

    Verfasst von caterina | 17. Juli 2012, 14:48

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: