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Tanja Grinberg: Jew.De.Ru

Das Jüdische Filmfestival Berlin & Potsdam 2012 endet am Sonntag, dem 17. Juli, mit zwei Filmvorstellungen im Kino Toni in Berlin Weißensee. Eine davon war der Dokumentarfilm Jew.De.Ru von Tanja Grinberg.

Bereits der Trailer machte neugierig, denn man schwankt doch zwischen Belustigung und Schock. Zu Beginn des Filmes werden drei Fragen gestellt: Was verbindet ihr mit dem Begriff „Juden“? Wie viel Juden leben heute in Deutschland? Was sind jüdische Kontingentflüchtlinge? Mit dem Wort „Jude“ assoziieren die Menschen meist nur Hitler und Holocaust. Die Zahl der in Deutschland lebenden Juden schwankt bei den Nachfragen zwischen selbstverständlichen null Prozent und mehreren Millionen. Was ein Kontingentflüchtling ist, weiß niemand.

Bereits hier fühlt sich der Zuschauer mit dem Fakt konfrontiert, dass im Geschichtsunterricht zwar oft über die Zeit des Holocaust gesprochen wird, aber oftmals nicht über die jüdische Geschichte und erst recht nicht über gelebte, jüdische Gegenwart. Und so wabert in so mancher Antwort der Befragten mit, dass alle Juden auf der Welt schon immer in Deutschland lebten und Hitler sie alle ermorden ließ. Wo soll es also noch Juden geben?

Jüdische Kontingentflüchtlinge aus der Sowjetunion

Zwischen 1991 und 2004 wanderten laut einer Statistik des Bundesverwaltungsamtes und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge rund 220.000 jüdische Personen nach Deutschland ein. Dabei handelt es sich vor allem um Menschen aus der (ehemaligen) Sowjetunion, die in ihrer Heimat ungleich gleich behandelt wurden. Jüdische Bürger sollten sich in der Sowjetunion vor allem assimilieren, was schließlich von allen Menschen gefordert wurde. Trotzdem hatten sie selbst bei vollständiger Anpassung nicht die gleichen Chancen wie andere Bürger, denn im Ausweis musste man sich als Jude outen.

Das hatte nicht nur zur Folge, dass man von dem einen oder anderen schlechter behandelt wurde, sondern es hatte existenzielle Folgen. An den Universitäten durften laut Filmaussagen nur ein Prozent Juden in einem Jahrgang studieren. War dieser Prozentsatz ausgeschöpft, fiel man automatisch durch die Prüfung. Auch andere Bildungseinrichtungen nahmen jüdische Personen nicht immer freiwillig und mit offenen Armen in Empfang. Auch deshalb entschlossen sich die Eltern der Protagonisten und die Eltern Tanja Grinbergs für die Auswanderung. Die Filmemacherin ist selbst ein jüdischer Kontingentflüchtling.

Eine höchst persönliche Abschlussarbeit

Tanja Grinberg wurde in Kiew geboren und ging dort zur Schule. 1993 wanderten ihre Eltern mit ihr als „Jüdischer Kontingentflüchtling“ nach Deutschland ein. In Stuttgart macht sie ihr Abitur, studierte anschließend Media Production und Media Communications und im Masterstudium Documentary Media an der Ryerson University in Toronto. Jew.De.Ru ist Ihre Bachelor-Abschlussarbeit gewesen, für die sie kein Etat hatte. Lange überlegte sie, über was sie etwas sagen möchte. Dass ihre eigene Geschichte so spannend ist, machte ihr erst ihre Mutter deutlich. So zog sie los und stellte die anfangs genannten Fragen Passanten, vor allem im süddeutschen Raum.

Es gab wohl teilweise so krasse Antworten, dass Grinberg sie rausschnitt. Bei einem Befragten hatte sie Angst davor, ihm zu sagen, dass sie selbst Jüdin sei. Irgendwann fragte sie sich selbst, in welchem Land sie denn lebt, denn noch immer gibt es eine klare Tendenz, Juden abzulehnen, sei es aus Unwissenheit oder jugendlichem Übermut, den man bei dem einen oder anderen Befragten annehmen kann. Dass es ein lebendiges, jüdisches Leben im Jetzt und Hier gibt, das nahmen außerdem die wenigsten an. Beides sollte davor warnen, sich nicht mit der Gegenwart bewusst auseinanderzusetzen – über die Grenzen des Holocaust im Geschichtsunterricht hinaus. Der Dokumentarfilm trägt im großen Maße dazu bei.

Identifikation über alle Grenzen

In ihrem Dokumentarfilm begleitet sie Ilia, Swetlana und Lena, die als Kinder und Jugendliche aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen. Tanja Grinberg kennt alle drei Darsteller seit vielen Jahren, was den Film und die Herangehensweise sehr persönlich macht. Alle vier verbindet die eine Geschichte: Ihre Eltern verließen die eigene Heimat, um den Kindern neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Nicht umsonst hat die junge Filmemacherin ihr Werk ihren Eltern gewidmet: „die ihre Welt aufgaben, um mir eine bessere zu schenken“. Die drei jungen Menschen erzählen von ihren Vorurteilen gegenüber Deutschland, der fehlenden Sprache, um sich zu erklären. Heute können sie zumindest andeuten, wie sie sich fühlen und als was sie sich fühlen, denn sie sind deutsch, russisch und jüdisch, was die Identifikation mit nur einer Kultur schwer macht.

Auffällig überdurchschnittlich

Heute sprechen sie Deutsch wie ihre Muttersprache und sind erfolgreiche Wissenschaftler, Historiker und Schriftsteller. Auch etwas, was Tanja Grinberg nach Fertigstellung des Films erlebte, war die Skepsis von der Seite jüdischer Freunde. Ein Freund bemängelte, dass der Film die jüdischen Kontingentflüchtlinge, die in dem Film gezeigt wurden, als durchweg erfolgreich darstellte. Grinberg fragte ihn zurück, wie viele seiner jüdischen Freunde denn Abitur gemacht und studiert hätten. Die Antwort war wohl: Bis auf einen, alle. Das entspricht auch der objektiven Wahrnehmung.

Laut einer Untersuchung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus 2007 („Soziodemographische Merkmale, Berufsstruktur und Verwandtschaftsnetzwerke jüdischer Zuwanderer“) verfügen jüdische Zuwanderer tatsächlich über ein „überdurchschnittlich hohes Niveau der Bildungs- und Berufsqualifikation“. Laut der Untersuchung hat ein sehr hoher Anteil im erwerbsfähigen Alter einen wissenschaftlichen Beruf erlernt und auch im Herkunftsland ausgeübt, soweit es möglich war. Vielleicht kann man diesen Fakt damit erklären, dass man seine Chancen erst nutzt, wenn man sich deren bewusst ist. So stehen Ilia, Swetlana und Lena für eine ganze Generation, die den Traum ihrer Eltern leben können: Freiheit.

JEW.DE.RU
Dokumentarfilm
Regie: Tanja Grinberg
D 2010, 51 Min.

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Über Frollein Wortstark

2004 bis 2010 Studium (Philosophie, Deutsche Philologie, AVL) an der FU, HU und Uni Bern. 2007 bis 2010 Fachjournalistikstudium. PR-Volontariat bis Juni 2011. Seit Juli 2011 freie Autorin und Texterin. Ihre Leidenschaften: Bücher, Fotografie und Essen- und in allem viel Farben.

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