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Literatur gehört zum Mobiliar in meinem Kopf – Lesung mit Ruth Klüger

Am 18. Juni war Ruth Klüger in Bremen und hat im Haus der Wissenschaft aus weiter leben und unterwegs verloren vorgelesen; organisiert wurde die Lesung vom IFKUD, dem Institut für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien. Besonders schön fand ich, dass – trotz Fußballs – der Andrang enorm war. Noch kurz vor Beginn der Lesung mussten weitere Stuhlreihen angebaut werden, und trotzdem saß während der Lesung ein großer Teil des Publikums immer noch auf dem Fußboden. Ich war überrascht und beeindruckt und natürlich habe ich mich auch für Ruth Klüger gefreut.

Ruth Klüger ist Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. In ihrem wohl bekanntesten Buch weiter leben beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend, die geprägt wurden durch die Kriegsjahre und ihren Aufenthalt in Auschwitz und Theresienstadt. 1944 gelang ihr die Flucht aus Auschwitz. Obwohl Ruth Klüger bereits 81 Jahre alt ist, macht sie einen sehr guten Eindruck – ihre lange Zeit als Universitätsprofessorin merkt man ihr immer noch an. Während der Lesung hat sie auf jede Frage souverän und professionell reagiert. Der Abend begann dann zunächst auch sehr unterhaltsam, da Ruth Klüger darum bat, die extra für sie aufgebaute Erhöhung vor dem Podium wieder abzubauen – man müsse zu seiner eigenen Größe stehen.

Die Lesung war in zwei Teile geteilt, nach jedem Teil hatte das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder das Gelesene zu kommentieren. Ruth Klüger hat als erstes eine Passage über den Tod ihrer Mutter gelesen, die im Jahr 2000 verstarb. Im Anschluss ist sie in der Chronologie zurückgesprungen und hat einen Abschnitt aus weiter leben gelesen, in dem es um die Ankunft in Auschwitz ging. Im Anschluss gab es für das Publikum das erste Mal die Gelegenheit, Fragen zu stellen, und diese wurde sehr ausgiebig genutzt.

Besonders interessant fand ich die Ausführungen von Ruth Klüger zu ihrer Zeit in Auschwitz, den Ort, den sie im Nachhinein als schwarzes Loch bezeichnet. In ihren Erinnerungen weiter leben hat Ruth Klüger versucht, aus der Perspektive zu schreiben, die sie als Kind hatte – als sie nach Auschwitz gekommen ist, war sie erst 12 Jahre alt. Die SS-Männer waren für sie damals Drahtpuppen, die nicht voneinander zu unterscheiden waren. Diese Wahrnehmung hat in ihren Augen dazu geführt, dass der Prozess und das Urteil gegen Eichmann ihr peinlich egal waren.

Ein weiteres zentrales Thema an diesem Abend war das Verhältnis von Ruth Klüger zu ihrer Mutter, das sehr schwierig gewesen ist. Sie berichtet, dass sie ihrer Mutter die Veröffentlichung von weiter leben verschwiegen hat. Erst spät fällt dieser das Buch durch Zufall in die Hände. Gesprochen haben sie nie wieder über das, was geschehen ist. Ihre Erinnerung weiter leben konnte Ruth Klüger erst nach dem Tod ihrer Mutter in der englischen Übersetzung beenden und veröffentlichen, vorher hat sie diese Übersetzungsarbeit immer wieder aufgeschoben.

Ruth Klüger berichtet von dem Moment, als sie in Auschwitz ankommen und ihre Mutter vorschlägt, sich umzubringen, da sie Auschwitz nie überleben würden. Das zwölfjährige Mädchen lehnt dies ab, die Mutter antwortet „na gut“. Gesprochen haben beide nie wieder darüber. Auch mit ihren eigenen Kindern hat Ruth Klüger nur wenig über ihre Erfahrungen gesprochen, sie merkt an, dass ihre beiden Söhne aber auch nie viel gefragt haben. Der einzige Teil, der leicht für sie zu erzählen war, waren die Episoden der Flucht, da dies etwas Aktives war. Für Ruth Klüger ist diese Sprachlosigkeit in jüdischen Familien nichts Ungewöhnliches – in jüdischen Familien spreche man entweder zu wenig oder zu viel über die Vergangenheit.

Im letzten Teil der Lesung liest Ruth Klüger einen Abschnitt vor, der sich um die Diskussion über Gedenkstätten und Mahnmale dreht – ein Abschnitt, der absichtlich „provokativ“ gewesen ist. Dementsprechend diskutiert das Publikum auch nach diesem Abschnitt sehr angeregt. Eine Zuhörerin fragt Ruth Klüger, wie sie zu den Stolpersteinen steht, die es in manchen Städten gibt – auch dazu kann es gespaltene Haltungen geben, und Ruth Klüger berichtet, dass das Jüdische Zentrum in München diese herausgerissen habe, da man nicht auf Tote treten dürfe. In dieser abschließenden Diskussion wird Ruth Klügers Abneigung gegen Gedenkstätten deutlich, sie spricht von Verkitschung und Konzentrationslager-Sentimentalität, über Schulklassen, die in ein KZ gezwungen werden, „schrecklich, schrecklich“ rufen und danach an die Würstchenbude rennen, um sich etwas zu essen zu kaufen.

Ich habe einen hochinteressanten Abend verlebt und hatte das große Glück, eine wirklich sehr beeindruckende Frau erleben zu dürfen. Eines ist deutlich geworden: Ruth Klüger hat eine eigene Meinung, die sicherlich polemisiert und der auch nicht alle zustimmen müssen, sie vertritt diese aber mit sehr viel Souveränität und Charme.

Herzlichen Dank an unsere Gastautorin mara für diesen Beitrag!

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