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.Literatur, Roman

Stephen Fry: Geschichte machen

Stephen Fry ist Cineasten sicher als Schauspieler bekannt, zum Beispiel aus Peter’s Friends oder als Oscar himself in Oscar Wilde. Das übrigens so perfekt, dass die leider eingegangene Wochenzeitung DieWoche damals titelte „Born to be Wilde“. Nun also Fry als Autor. Es geht um Zeitreisen, was ich gerne mag, vor allem wenn die Resultate diverser Eingriffe in die Vergangenheit intelligent erzählt werden. Wie in diesem Roman.

Michael Young, Doktorand der Geschichte in Cambridge, lernt den Physikprofessor Leo Zuckermann kennen. Gemeinsam versuchen sie, finstre Geschichte ungeschehen zu machen. Michaels Spezialgebiet sind zufällig die ersten Jahre Adolf Hitlers. Mit einem von Zuckermann entwickelten Apparat und vier unfruchtbar machenden Pillen kontaminieren sie den Brunnen in Braunau, an dem Klara Hitler immer ihr Wasser holt. Adolf Hitler wird nie geboren. Und nun? Alles gut?

Gemeinsam mit Michael entdecken die LeserInnen Stück für Stück die Welt ohne Hitler und werden ebenso unangenehm überrascht wie der Protagonist. Es findet sich ein intelligenterer Führer, der auf anderen Wegen, aber noch erfolgreicher seine „Ideale“ verwirklicht. Das Mittel dazu ist das Braunau-Wasser, das zwar Hitler verhinderte, aber neue „Strategien“ eröffnet.

Erzählt wird das Buch auf mehreren Ebenen. Einmal zeitlich: Michaels Gegenwart und die Anfänge Hitlers bzw. die Anfänge ohne Hitler. Zum Zweiten räumlich, in den „Paralleluniversen“ Gegenwart mit und Gegenwart ohne Hitler.

Geschichte machen ist nicht wirklich politisch und auf den ersten Blick weniger schockierend als viele andere Bücher oder Filme, die sich mit dem Dritten Reich befassen. Tatsächlich ist es ziemlich witzig geschrieben. Es geht nicht darum, wieder einmal die Scheußlichkeiten vor Augen zu führen mit aller Unzulänglichkeit, die solche Versuche notwendigerweise zeitigen müssen. Es ist ein gedankliches Experiment. Der Mensch an sich ist schlecht.

Homo homini lupus.

Stephen Fry
Geschichte machen
Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach
Aufbau, 2007, 497 Seiten

Wir danken Petra herzlich für diese Rezensionsnotiz! Sie wurde im “Virtuellen Literarischen Salon”, dem Newsletter von philea’s Blog, erstveröffentlicht.

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Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig http://phileablog.wordpress.com/

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