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Jürg Amann: Der Kommandant

Jürg Amann, der Schweizer Schriftsteller, dem Marcel Reich- Ranicki einmal „virtuose Beschränkung auf die genaue Beschreibung“ attestiert hat, überzeugte vor wenigen Monaten erst mit seinem kleinen Buch Die Reise zum Horizont. In knappen Kapiteln mit einer sehr nüchternen und unprätentiösen Sprache ging Jürg Amann dort einem tatsächlichen Geschehen nach, dem Absturz des Flugzeuges Fuerza Aerea Five Seven One der Luftwaffe der Uruguay am 13. Oktober 1972 in den Anden in eisiger Höhe und dem Überlebenskampf der Menschen, die erst Monate später gefunden wurden.

In dem Buch Der Kommandant hingegen hat er kein einziges Wort selbst verfasst. In einer editorischen Notiz am Ende des Buches schreibt er jedoch: „Angesichts der Wirklichkeit ist alles Erfinden obszön. Vor allem da, wo man die Wirklichkeit haben kann. Auch wenn sie immer wieder geleugnet wird“.

Kurz bevor ihm die schon 1958 einmal veröffentlichten Aufzeichnungen des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in die Hände gefallen seien, habe er, Amann, bei der Lektüre von Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten das schon so empfunden, einer affirmativen Einfühlung in einen NS-Täter in Form eines Romans.

Auf zunächst über dreihundert Seiten brachte Rudolf Höß seine Erfahrungen zwischen seiner Verhaftung durch die Briten und seiner Verurteilung zum Tod durch ein Krakauer Gericht in der Untersuchungshaft ohne ein einziges Zeichen von Reue zu Papier.

In einem langen Prozess, den Amann einen „dramaturgischen Prozess“ nennt, hat er den ursprünglichen Text von Rudolf Höß strukturiert, verknappt und ihn „auf seine Essenz hin zugespitzt“. Am Ende stand ein „Monodrama in sechzehn Stationen“, das Amann ursprünglich als Hörspiel oder für die Theaterbühne konzipiert hatte. Nun hat er es in einem Buch veröffentlicht, ein Buch, das man schnell gelesen hat und von dem man lange erschüttert bleibt.

Die naive und uneinsichtige Selbstdenunziation eines glühenden Nationalsozialisten, der über lange Jahre das größte Vernichtungslager geleitet hat, das die Menschheit kennt und in dem eine unvorstellbare Zahl von Juden, Zigeunern, politischen Häftlingen und „Asozialen“ erschossen, später dann systematisch vergast und verbrannt wurden, gibt einen unter die Haut gehenden Einruck von dem, was damals passiert ist.

Der Leser wird gezwungen, geradezu im Kopf eines Massenmörders für die Dauer seiner Lektüre eingesperrt, sich mit dem Monolog von Rudolf Höß auseinanderzusetzen. Da ist kein Abstand mehr möglich. Das Grauen und die Unmenschlichkeit solchen Denkens und Handelns werden unmittelbar.

Im Gedenken an die unzähligen, oft namenlos gebliebenen Opfer dieses Mannes.

Jürg Amann
Der Kommandant. Monolog. Nach den Aufzeichnungen des Rudolf Höß
dtv, 2012, 112 Seiten

Wir danken unserem Gastautor Winfried Stanzick für diese Rezension.

Eine weitere sehr lesenswerte Rezension gibt es bei buzzaldrins Bücher.

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Diskussionen

6 Gedanken zu “Jürg Amann: Der Kommandant

  1. Zufällig habe auch ich dieses Buch letzte Woche gelesen und bereits eine Rezension dazu verfasst. Ich finde es sehr interessant nun so kurz danach auch Deine Eindrücke dazu zu lesen. Wie in meiner Rezension dargelegt hatte ich Schwierigkeiten mit der editorischen Notiz und habe mich gefragt, von welcher Wirklichkeit Amann spricht. Von der verdrehten Wirklichkeit eines Massenmörders? Ist das wirklicher als die Fiktion von Jonathan Littell? Ich weiß es nicht. Ich mag Deinen Satz, dass der Leser nahezu gezwungen ist im Kopf eines Massenmörders eingesperrt zu sein. So erging es mir auch während der aufwühlenden Lektüre.

    Verfasst von buzzaldrinsblog | 10. Juni 2012, 11:42
    • Liebe mara, schönen Dank für deinen Kommentar. Die Frage, die du in deiner Rezension aufwirfst, finde ich extrem spannend, und ich hätte Einiges dazu zu sagen, komme aber leider gerade nicht zur Ruhe und bitte deshalb um ein paar Tage Geduld 😉 Liebe Grüße, caterina

      Verfasst von caterina | 10. Juni 2012, 12:19
    • Liebe Mara,

      vielen Dank für Deine Rückmeldung. Es ist fremd, sich so in den Kopf eines Menschen einsperren zu lassen, der so viele Menschen auf dem Gewissen hat. Dennoch war dieses Buch nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Holocaust und Hunderten von Büchern darüber auf eine widersprüchliche Weise erhellend.

      Verstehen kann ich das, was da geschehen ist, immer noch nicht. Deshalb hat mir jeder Satz dieses Buches weh getan.

      Winfried

      Verfasst von Winfried Stanzick | 20. Juni 2012, 08:03
  2. t. vom Enkel gibts in Kürze auch ein Buch. Die Vorschau ist schon sehr interessant.
    Thorsten
    http://www.belleville-verlag.de/scripts/buch.php?ID=558

    Verfasst von Thorsten Reinmann | 2. Januar 2013, 15:00
    • hallo Winfried,
      hab ich ganz vergessen, die Rezension des Buches ist sehr ausführlich..toll. Doch finde ich das original (der Kommandant in Auschwitz, Martin Broszat ) als Sachbuch immer noch als das informativere. Doch Hut ab vor deiner rezension…
      Thorsten

      Verfasst von Thorsten Reinmann | 2. Januar 2013, 15:12
  3. Lieber Thorsten,

    vielen Dank für die Blumen. Das eine ist eben eine Biographie, das andere der Versuch, etwas literarisch zu verstehen, was nicht verstanden werden kann.

    LG

    Winfried

    Verfasst von Winfried Stanzick | 7. Januar 2013, 15:51
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