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„Mehr Juden ins Kino“ – Jüdisches Filmfestival in Berlin & Potsdam 2012

„Mehr Juden ins Kino“- so lautet der Claim des diesjährigen Jüdischen Filmfestivals, das in Berlin und Potsdam zu Hause ist. Warum auch Nicht-Juden einen Besuch des Filmfestivals erwägen sollten, lässt die Top 5 der sehenswertesten Filme und Dokus erahnen. Die Eröffnungsgala ist bereits ausverkauft.

JEW.DE.RU

Dokumentarfilm, Regie: Tanja Grinberg, D 2010, 51 Min.
5. Juni, 18:00 Uhr, Filmmuseum Potsdam, und
 17. Juni, 18:00 Uhr, Kino Toni

Fragt man auf der Straße nach der ersten Assoziation mit dem Wort „Jude“, kommt wie selbstverständlich „Hitler“. Mit dem Wort „Jude“ assoziieren Deutsche meist nur Hitler und Holocaust. Bei der Frage nach der Zahl der Juden im gegenwärtigen Deutschland gehen hingegen die Antworten ganz verschiedene Wege. Von zehn Prozent der gesamten Bevölkerung bis hin zu gar keinen jüdischen Bürgern ist alles an Antworten vertreten. Was ein Kontingentflüchtling ist, weiß niemand. Tanja Grinberg hat mit Jew.De.Ru einen hochinformativen Dokumentarfilm über das Jüdischsein in Deutschland und die politischen und gesellschaftlichen Umstände der jüdischen Kontingentflüchtlinge gedreht. Sie begleitete Ilia, Swetlana und Lena, die als Kinder und Jugendliche aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen. Alle drei haben sich heute eingelebt und fanden in der zweiten Heimat mehr zu ihrer jüdischen Identität und Kultur als in ihrer Kindheit in der Sowjetunion. Die Generation ihrer Eltern dagegen fremdelt mit Deutschland bis heute. Ein spannender Dokumentarfilm, der dazu anregt, sich mit jüdischer Gegenwart auseinanderzusetzen.

MENDELSOHN’S INCESSANT VISIONS

Dokumentarfilm, Regie: Dravi Dor, IL 2011, 70 Min., OF dUT
DEUTSCHLANDPREMIERE
6. Juni, 20:00 Uhr, Filmmuseum Potsdam
; 7. Juni, 19:00 Uhr, Kino Arsenal
, sowie 17. Juni, 20:00 Uhr, Eiszeit Kino

Der Dokumentarfilm Mendelsohn’s Incessant Visions zeichnet liebevoll und detailreich das Laben eines fast vergessenen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Die kleinen Skizzen, die Erich Mendelsohn seiner Verlobten und späteren Ehefrau, der Cellistin Luise schickte, erinnerten eher an den deutschen Expressionismus als an Architektur. Aber Erich Mendelsohn wurde zu einem ungewöhnlichen Architekten mit seinem Einsteinturm in Potsdam, dem Universum Kino, der heutigen Schaubühne oder der Hutfabrik in Luckenwalde. Mit Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius gründete er die Gruppe Der Ring. Schließlich musste er als Jude flüchten und zuletzt verschlug es ihn in die USA. Nachdem er Berlin architektonisch geprägt hatte, trug er in den USA in seiner beratenden Tätigkeit für die US-Regierung zur Zerstörung bei. In dem Porträt von Regisseur Dravi Dor wird Mendelsohns vielseitiges Leben, eine schwierige Liebe und ein gespaltenes Verhältnis zur Heimat herausgearbeitet.

LIFE IN STILLS

Dokumentarfilm, Regie: Tamar Tal, IL 2011, 58 Min., OF dUT
BERLINER PREMIERE
9. Juni, 21:00 Uhr, Kino Arsenal

Miriam Weissenstein ist schwer zu händeln. Die energische 96-jährige Jüdin lebt in Tel Aviv, wo sie das Vermächtnis ihres 1992 verstorbenen Mannes Rudi Weissenstein verwaltet. Das fotografische Werk von Rudi Weissenstein besteht aus über einer Million Fotos. Den Fotoladen, der 1940 eröffnet wurde, führt Miriam zusammen mit ihrem Enkel Ben. Der scheint oft mit dem Eigenwillen der alten Dame überfordert, es ist aber auch eine große Nähe zwischen Großmutter und Enkel zu spüren. In ihrer sehr bewegenden Dokumentation rückt die Regisseurin Tamar Tal vor allem diese enge Beziehung zwischen Ben und seiner Großmutter in den Mittelpunkt. Die 2011 gestorbene Miriam ist der tragisch-komische rote Faden der Geschichte, die ihren Anfang vor vielen Jahrzehnten nahm und von einem geduldigen Enkel weitergelebt wird.

THE HONEYMOON SUITE

Kurzfilm, Regie: Sam Leifer, UK 2010,12 Min., OF
15. Juni, 21:00 Uhr, Kino Arsenal

Kurz, knapp und herrlich frisch ist der Kurzfilm The Honeymoon Suite von Sam Leifer. Dabei wird ein frisch verheiratetes orthodoxes jüdisches Ehepaar gezeigt, das nun in seinem Schlafzimmer sitzt und nicht weiß, was zu tun ist. Sie zeigt ihm gleich einmal, wo der Hammer hängt, und schlägt als Gesprächsthema Balzac und Zola vor, ihm ist es hochpeinlich, dass seine Angetraute ihm beim Pinkeln zuhören kann. Da hilft nur Alkohol. Ein unverkrampfter Blick auf die ersten Stunden einer arrangierten Ehe, über die man vielleicht als Ehepaar Jahre später lachend zurückblickt.

Special zum 65. Geburtstag von Henry Hübchen

Schauspieler Henry Hübchen ist gleich in zwei Filmen auf dem Jüdischen Filmfestival zu sehen. Zum einen in der Literaturverfilmung von Jurek Becker und in dem Familienportrait Alles auf Zucker von Dani Levy.

JAKOB DER LÜGNER

Spielfilm, Regie: Frank Bayer, DDR 1975, 100 Min.
7. Juni, 18:00 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Gast: Henry Hübchen

Jakob der Lügner war die einzige Filmproduktion der DDR, die jemals für den Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Film nominiert wurde. Der Film orientiert sich stark an dem Roman von Jurek Becker. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jakob, der versucht sein Leben im Warschauer Ghetto zu retten. An einem Abend missachtet Jakob die Ausgangssperre und wird deshalb zu den deutschen Offizieren gerufen. Dort erfährt er durch einen Zufall, dass möglicherweise die Befreiung nahe ist. Um den vielen gebrochenen Menschen im Warschauer Ghetto Hoffnung und Kraft zu geben, behauptet er, ein Radio zu besitzen, in dem er sich über den Vormarsch der Befreier informiert. Ein Radio zu besitzen war streng verboten, und man musste mit dem Tod als Bestrafung rechnen. So wird Jakob zum Messias und Hoffnungsträger, der zum Lügner wird, um Menschen Mut zu schenken. Sein Freund Mischa wird von Henry Hübchen gespielt.

ALLES AUF ZUCKER

Spielfilm, Regie: Dani Levy, D 2005, 95 Min.
7. Juni, 20:00 Uhr, Filmmuseum Potsdam

Gast: Henry Hübchen

Das Ehepaar Zucker ist eine ganz normale ostdeutsche Familie. Nur Vater Zucker, Jaeckie Zucker, gespielt von Henry Hübchen, spielt zu gern Billard und verzockt dabei das Haushaltsgeld. Dass die Familie einen jüdischen Ursprung hat, spielt keine Rolle, bis die Familie, um an eine Erbschaft zu kommen, eine siebentägige Totenwache abhalten muss. Zur Totenwache und Überwachung kommt die orthodoxe Verwandtschaft aus Amerika zu Besuch. Jaeckie Zucker verspricht seiner Frau, in den nächsten Tagen ein braver jüdischer Ehemann zu sein, er will aber ein hochdotiertes Billardturnier gewinnen. Die selbstironische Farce über das Jüdischein im heutigen Deutschland räumte beim Deutschen Filmpreis ab und schafft einen leichten und „unorthodoxen“ Zugang zum gegenwärtigen jüdischen Leben.

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Über Frollein Wortstark

2004 bis 2010 Studium (Philosophie, Deutsche Philologie, AVL) an der FU, HU und Uni Bern. 2007 bis 2010 Fachjournalistikstudium. PR-Volontariat bis Juni 2011. Seit Juli 2011 freie Autorin und Texterin. Ihre Leidenschaften: Bücher, Fotografie und Essen- und in allem viel Farben.

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