»
.Literatur, Roman

Ulrike Kolb: Yoram

Carla, studentenbewegte junge Frau der „Unter dem Pflaster liegt der Strand“-Epoche, reist nach Israel, um das dortige Kindererziehungssystem im Kibbuz zu studieren, denn – so nicht nur ihre Überzeugung – die kleinbürgerliche Familie ist am Ende und die Erziehung der Kinder muss weg von Strenge und Bevormundung hin zu einer liebevollen und lernintensiven Form.

Ob dies die antiautoritäre Erziehung letztlich geleistet hat, wäre eine andere Frage. Jedenfalls wird sie im Kibbuz ihres ideologischen Ansatzes und ihrer Blauäugigkeit wegen ein wenig belächelt und auch angegangen, weil „... Leute aus Deutschland auftreten, als wollten sie prüfen, dass der Holocaust nicht umsonst gewesen ist und die Juden endlich so sind, wie die Deutschen sie haben wollten“ [sinngemäß zitiert]. An einer Stelle lässt Kolb einen Kibbuzim sagen, dass die Erziehung eines neuen Menschen eben auch in Israel nicht gelungen sei, damit müsse man sich abfinden.

Aber diese Frage verblasst schließlich gegen die Tatsache, dass Carla Yoram kennenlernt, einen jungen, frisch diplomierten Architekten, der den Tod seines Vaters noch verwinden muss und sich in den Kibbuz zurückgezogen hat. Endlose Gespräche folgen in lauen Nächten, umflossen von warmen Whiskey… Es passiert, was passieren muss.

Eine Deutsche und ein Israeli, eine Frau aus dem Land der Täter und ein Mann aus dem Land der Opfer, verlieben sich ineinander, versprechen sich, dass sie sich von „dem“ nicht anfechten lassen, dass, wenn ihre Liebe in die Brüche geht, sie kaputt geht aus denselben Gründen wie bei anderen Paaren, aber nicht aus „diesem“ Grund…

Aus dieser Grundkonstellation heraus entwickelt Kolb ihren Roman konsequent in zwei Richtungen: In eingeflochtenen Rückblenden und Rückblicken rollt sie einerseits die Vergangenheit auf und offenbart die Familienschicksale der beiden. Auf der anderen Seite verfolgt und beschreibt sie das Leben ihrer beiden Hauptpersonen über Jahrzehnte hinweg.

Schritt für Schritt tritt deutlicher hervor, wie das Dritte Reich die Schicksale der Familien Sonnenschein und Leonhard (der beiden Elternlinien Yorams) zerstörte. Aliza, die Mutter Yorams, sagt an einer Stelle voller bitterem Sarkasmus, dass die beiden Familien sozusagen zum Kaffetrinken nach Litzmannstadt verabredet wurden [1]. Sie selbst, die früher Elisabeth hieß, wurde früh in ein Kibbuz geschickt, sie leidet noch immer unter einem starken Fluchttrauma. Zwar lebt sie wieder in Frankfurt, in das sie trotz ihres Schwures, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren, ihrem Mann zuliebe umzog, aber die Wohnung in Tel Aviv behält sie, auch nach dessen Tod. Sie gibt ihr Sicherheit und ist eine stets verfügbare Rückzugsmöglichkeit für sie, so wie jetzt auch für Carla und Yoram. Dessen Vater arbeitete als Rechtsanwalt, sein Bemühen war es, Wiedergutmachungsansprüche durchzusetzen. Ein oftmals frustrierender Versuch, denn die, die damals da waren, sind auch heute oft noch da… Seinem Sohn verbot er daher, Jura zu studieren, dieser sollte diese Erfahrung nicht machen.

Ist das Schicksal von Yorams Familie auch vielleicht nicht in allen Einzelheiten bekannt, so ist von Carlas Eltern nach dem Krieg eine Brandmauer errichtet worden, die den Zugang zu den Geschehnissen in der Zeit des Krieges weitgehend verhinderte. Wohl ist bekannt, dass der Vater als Wehrmachtsarzt im Osten tätig war, ein Pokal aus einem Reitwettbewerb von 1942 ist in der Familie vorhanden, ohne dass dies aber hinterfragt wird. Der liebevolle Vater stirbt dann an Krebs, er war seiner Tochter Carla näher als die Mutter, aber Carla selbst erinnert sich auch an negative Gefühle dem Vater gegenüber, wenn dieser sich zum Beispiel mit seinem Gesicht dem ihren näherte. Als die Mutter durch einen Unfall stirbt (Carla und Yoram sind schon lange verheiratet zu diesem Zeitpunkt), findet Carla in der Wohnung eine Schachtel mit Sachen ihres Vater, Bildern aus seiner Kriegszeit, Bildern mit einem lachenden Vater vor Toten…

„Wir sind mittendrin. ‚Es‘ ist Gegenwart, wird immer Gegenwart bleiben.“

Yoram und Carla heiraten. Natürlich – beide begegnen in den jeweilen Freundeskreisen des anderen einer gewissen Skepsis, genauso in den Familien. Man ist befangen und auch gefangen in Vorurteilen. Selbst (oder gerade?) in lockeren Freundesrunden tauchen antisemitische Ansichten auf, wie die der Urheberschaft des Mossad für den 11. September… Wütender Protest und das Aufkündigen der Freundschaften folgt auf solche Äußerungen. Die Familie wächst, Vered wird geboren, man wohnt in Frankfurt, wo Yoram in einem Büro arbeitet, nach vielen Jahren wagt er dann den Sprung in die Selbstständigkeit und geht nach Berlin. Vered fühlt sich in dieser gemischten Atmosphäre mehr als Jüdin denn als Christin, sie konvertiert auch offiziell zum Judentum, eine selbstbewusste junge Frau, die nach dem Scheitern einer Beziehung zusammenbricht.

Sind die beiden, Carla und Yoram, glücklich? Es wird nicht klar, zwischen den Zeilen sind Andeutungen über Streitereien, es könnte sein, dass Yoram eine Geliebte hat, er ist oft unterwegs und Carla dann allein. Es wird viel telefoniert zwischen den Familienmitgliedern. An einer Stelle lässt Kolb Carla sagen, dass der Gedanke, von Yoram verlassen zu werden, schmerzt, als würde ihr die Haut vom Fleisch gezogen. Wie Yoram empfindet, verrät Kolb nicht. Zweifel hat er, Selbstzweifel, Fragen. Manchmal – vor allem in den ersten Zeiten – flieht er, verschwindet für ein paar Tage, zieht sich zurück, ficht innere Kämpfe…

Mit dem Fund der Bilder des Vaters durch Carla [2] bringt Kolb die beiden Handlungsstränge zusammen: Die Vergangenheit bricht mit ungeahnter Vehemenz in die Gegenwart ein, das Bild, das sich Carla von ihrem Vater gemacht hat, bekommt Risse. Fragen, die bis dato nie gestellt wurden, nie vorhanden waren, tauchen auf… Sie recherchiert und stellt fest, dass ihr Vater z.B. von Auschwitz gewusst haben muss, er war Gast der Solahütte [3]. Carla besucht Auschwitz, sie liest alles, was sie über das Thema Shoa in die Hände bekommen kann, und langsam, aber sicher löst sich ihre Welt auf, alle Sicherheiten verschwimmen und ihre Weltsicht wird buchstäblich grau. Am Ende stehen der Zusammenbruch und die Aussprache mit Yoram…

„Wir sind mittendrin. ‚Es‘ ist Gegenwart, wird immer Gegenwart bleiben.“

Diese Erkenntnis durchzuckt Carla bei ihrer Suche nach Wahrheit. Die Tinte, mit der in Auschwitz tätowiert wurde, war von Pelikan, die gleiche wie heute. Die Kleider, die damals getragen wurden, sind auch heute wieder zu sehen, Menschen, die damals Verantwortung trugen, sind noch da… So verfolgt uns die Vergangenheit durch ihre Alltäglichkeiten, sie lässt uns nicht los, sie ist Teil unserer Gegenwart.

„Es“: Wen würde dieses „Es“ nicht an das „Eigentliche“ von Iris Hanika erinnern [4]? Dieses so schwer Benennbare, von aller Verschleierung, allem Missbrauch Befreite, die Quintessenz des Unfassbaren? Wenn es die Tinte noch gibt und die Kleidermode wieder, wenn die Menschen noch auf den Ämtern sind, die damals da waren: dann ist prinzipiell auch das Böse wieder möglich, noch vorhanden, schläft nur und kann wieder erwachen.

Juden und Deutsche, Opfer und Täter: In Yoram und Carla fokussieren diese beiden Antipoden einer nicht auflösbaren Beziehung, die durch die Tat geschaffen worden ist. Denn das Opfer erwartet vom Täter Reue, Wiedergutmachung, Anerkennung der Schuld, und der Täter vom Opfer die Anerkennung seiner Bemühungen, wenn nicht sogar Vergebung. Die beiden Protagonisten wissen um die Schwierigkeit dieses Prozesses, sie spüren sie, Yoram (als Bild für die Opferseite) mehr noch als Carla, deswegen das Versprechen, ihre Beziehung nicht daran scheitern zu lassen, sondern an „normalen“ Gründen, wie sie andere Paare auch haben. Bei Carla tritt ihre Zugehörigkeit zur Täterseite mit voller Wucht erst ins Bewusstsein, als sie nicht mehr ausschließen kann, es vielleicht sogar wahrscheinlich ist, dass ihr eigener Vater am Morden beteiligt war… Kolb lässt ein wenig offen, wie die Beziehung der beiden dieses neue Wissen verkraftet, deutet aber an, dass sie auch dies verkraftet…

… Mit dieser Aussprache der beiden lässt Kolb den Hauptteil ihres Romanes enden. Den Hauptteil, weil diesem ein langer Epilog folgt, der mit der Beerdigung Alizas beginnt und in dem Vered zu Wort kommt, nachdem die Geschichte bis dahin aus der Sicht Carlas erzählt worden ist. Das Verhältnis der jüdischen Oma zu ihrer Enkelin war in Teilen enger als das zu ihrer Schwiegertochter, manches, was sie dieser (und auch dem Sohn) nicht erzählte, erzählte sie der Enkelin. So fügt der Epilog die Erinnerungen Vereds an ihre Oma und ihr eigenes 26-jähriges Leben, die im Hauptteil oft fragmentarisch als Episoden geschildert werden, zusammen, lässt einen neuen Blickwinkel auf Ereignisse zu, die vorher rätselhaft waren, für uns – aber auch für Yoram und Carla. Insbesondere das Schicksal ihres jüngeren Bruders Albert belastete Aliza ein Leben lang auch mit Schuldbewusstsein, denn damals, als sie als Jugendliche nach Palästina ging, konnte sie ihn nicht mitnehmen… Mit dem Brief Alberts aus Litzmannstadt schließt der Roman endgültig.

Yoram ist ein sehr intensives Leseerlebnis, das das komplizierte Verhältnis Israel – Deutschland, Juden – Deutsche auf eine persönliche Ebene zweier Menschen, eines Paares, das zusammen durchs Leben gehen will, herunterbricht. Denn die Versuchung ist groß, die beiden Figuren auch als Bilder für die Staaten zu nehmen, viel des Geschriebenen ließe/lässt sich in diesem Bild interpretieren. Das Buch beschreibt aber auch den Versuch, unter diesen Bedingungen eine ganz normale Beziehung, eine ganz normale Ehe zu führen. Fast möchte man diesen beiden sehr sympathischen Figuren wünschen, dass ihre Eheprobleme die üblichen sind, berufliche Probleme, Seitensprünge, Lebensmittelkrise und was es sonst noch gibt… Sympathisch, weil es Kolb gelingt, sie so zu zeichnen: farbig, voller Charakter und Leben, wobei Carla als Ich-Erzählerin naturgemäß vielleicht etwas mehr von diesen Eigenschaften abbekommt als Yoram. Überhaupt kommt den Frauenfiguren mit Carla, Aliza, Vered und auch Carlas Mutter gegenüber den Männerfiguren mehr Gewicht zu… Aber das ist nur wirklich höchstens noch ein Grund mehr, diesen Roman zu lesen… 😉

Links und Anmerkungen:

[1] Wem diese Anspielung im Moment nichts sagt, dem sei dieses Buch empfohlen: Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź.
[2] … was ich im Übrigen für einen gedanklichen Fehler halte, denn nach Kolb hatte Carlas Mutter alles getan, die Zeit des Krieges aus ihrem Leben abzutrennen, und da sollte sie in ihrer eigenen Wohnung diese Schachtel übersehen haben?
[3] Einem Erholungsheim der Offiziere aus dem nahen Auschwitz (siehe hier).
[4] Iris Hanika: Das Eigentliche.

Ulrike Kolb
Yoram
dtv, 304 Seiten, 2012 (Erstveröffentlichung 2009)

Dieser Beitrag wird zeitgleich bei aus.gelesen veröffentlicht

Advertisements

Diskussionen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: