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.Literatur, Auto/biographie, Roman

Amir Gutfreund: Unser Holocaust

«Die Zeit verläuft nur für all jene schnurgerade, die nachts schlafen können»

Es sind die sechziger Jahre, die Nachbarskinder Amir und Effi wachsen in einer Vorortsiedlung von Haifa auf, die von Holocaust-Überlebenden bevölkert ist. Kein Wunder, dass auf dem Leben hier eine bedrückende Schwere lastet, die auch Amir und Effi spüren, ohne dass sie begreifen, wo ihr Ursprung liegt. Amirs Großvater Lolek hat den anderen Alten des Viertels verboten, in Gegenwart der Kinder über ihre Erlebnisse zu reden, doch sobald er fort ist, werden die Geschichten trotzdem erzählt, von dort – als sei der Holocaust, den die Erwachsenen immer nur «den Krieg» nennen, ein ferner Ort. In keinem Fall aber Vergangenheit.

Hier im Viertel hat der Holocaust nie aufgehört, die Bewohner tun nichts anderes als «Leichenkarren» zu ziehen, auch viele Jahre später noch. «Fahle Gestalten, die des Nachts etwas suchten, die in überhitzten Häusern beieinander hockten, die fragten: ‹Was gibt’s Neues?›, und antworteten: ‹Man lebt…›, lauter Notlügen, lauter Rettungsanker.» Das Leben hier ist eine Fassade, eine leere Hülle, die man mit den üblichen und auch notwendigen Dingen füllt – neue Arbeit, neue Ehen, neue Kinder. Die Menschen haben ihre Körper in dieses staubige Land gezerrt, sie schlafen und essen und atmen – angekommen sind sie dennoch nicht. «Es hatten nur von Muschelschalen umschlossene Erinnerungen überlebt.»

Man könnte meinen, dies sei ein trauriger Ort zum Aufwachsen, all das Schweigen und Seufzen und das Weinen in der Nacht, all die verrückten und kauzigen Alten, die nach so vielen Jahren noch immer aus dem Fenster blicken und nach den Verschollenen rufen. Und doch: Amir und Effi «verlebten eine wunderbare Kindheit im Schatten ihrer Schrecken». Eine Kindheit voller eigentümlicher Gesetze und Verbote. Das «Verdichtungsgesetz» etwa besagt, dass man es mit der Verwandtschaft nicht allzu genau nehmen darf, Lücken in der Familie werden mit Nachbarn und Bekannten gefüllt, die fortan «Großvater» oder «Onkel» heißen.

Und dann ist da das Verbot, Fragen zu stellen, und damit einhergehend die Notwendigkeit, «das Alter zu erreichen». Die Kinder sind auf sich allein gestellt, niemand ist willens, ihnen Erklärungen zu liefern für das, was sie täglich an Sonderbarem zu hören und zu sehen bekommen. Dass der «Holocaust» hinter all dem steckt, wissen sie. Aber in welcher Verbindung steht dieser «familieninterne», «verborgene» Holocaust zu den sechs Millionen, derer die Schule Jahr für Jahr in einer Schweigeminute gedenkt, in der Effi immer in glucksendes Lachen ausbricht? Amir und Effi sind zwölf, als sie beschließen, all die Geschichten der Alten zu sammeln und zu entschlüsseln, um endlich, endlich zu verstehen.

Bruchstückhaft sind diese Geschichten, zeitlich und räumlich diffus: «die Zeit verläuft nur für all jene schnurgerade, die nachts schlafen können». Die Fragmente aneinanderzufügen, gelingt Amir und Effi nicht, was bleibt, ist ein «Kaleidoskop», in dem die Bilder wieder und wieder zerfallen und immer neue Muster ergeben, aber kein sinnvolles Ganzes. Dieses Scheitern lässt Amir nicht mehr los, auch nicht, als er längst erwachsen ist. Nun endlich kann er «dokumentieren», kann die Geschichten seiner «Großväter» und seiner Eltern, die bereit sind zu erzählen, aufschreiben. Kann darüber hinaus die Lebensläufe der Täter studieren, die nie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden.

Doch der erwachsene Amir begibt sich nicht nur auf die Suche nach der Vergangenheit, ihm stellt sich auch die Frage nach der Zukunft, denn umso mehr er begreift, desto größer werden sein Entsetzen und seine Furcht. Was ist, wenn so etwas noch einmal geschieht? Wer wäre Opfer, wer Täter, wer würde wegschauen, wer Widerstand leisten? Ja: Auf welcher Seite stünde man selbst? Der Holocaust wird zu einer regelrechten Obsession für Amir: «Ich erziehe meinen Sohn Jariv dazu, stark zu sein, leiden zu können, durchzuhalten. Anat pult ihm die Kerne aus der Tomate. Ich rege mich auf, sie auch: ‹Jariv ist von uns beiden, deine Hälfte kannst du in Buchenwald großziehen, meine schicke ich in Miras Kindergarten!›».

Der studierte Mathematiker Amir Gutfreund, selbst Sohn von Holocaust-Überlebenden, greift in seinem Debütroman viele Motive aus David Grossmans Meisterwerk Stichwort: Liebe auf. Auch hier versucht ein kindlicher Protagonist vergebens, die rätselhafte Welt der Überlebenden zu durchdringen, und Jahre später begegnen wir einem obsessiven Mann, der die Shoah nicht als Vergangenheit, sondern als eine immer präsente Bedrohung sieht, der sich zur Härte erzieht und sich schwertut, seinen so ängstlichen, zögerlichen Sohn (der ebenfalls Jariv heißt) zu lieben. Für ihn scheint das Wissen darüber, wozu der Mensch in der Lage ist, nur einen Schluss zuzulassen: Man muss sämtliche Verbindungen (zu Personen, zu Orten, zu sich selbst) von vornherein trennen, nur so bleibt einem jeglicher Schmerz erspart.

Dass genau das Gegenteil der Fall ist, dass also Liebe und der Glaube an die Menschheit (die Menschlichkeit) der Schlüssel sind, finden beide Protagonisten jeder auf seine Weise heraus. Grossman schildert diesen Prozess auf ungleich fantasievollere, vielschichtigere und tiefgründigere Weise. Der Vergleich zu Stichwort: Liebe liegt nahe, und doch muss Amir Gutfreunds Unser Holocaust ihm nicht standhalten, um ein ausgesprochen lesenswertes Buch zu sein. Mit Feingefühl und – im wunderbaren ersten Kapitel über Amirs und Effis Kindheit in der Vorortsiedlung Haifas – auch mit einer Leichtigkeit, die ungewöhnlich ist für dieses Thema und die leider im zweiten und dritten Teil abhanden kommt, erzählt der Autor davon, wie die Shoa auch zur Erfahrung der nachfolgenden Generationen wird: keine direkte, sondern eine in Form von Leerstellen gewissermaßen vererbte Erfahrung, die aber nicht minder identitätsstiftend ist.

Amir Gutfreund
Unser Holocaust
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Berlin Verlag, 2003, 633 Seiten

Die Rezension ist zeitgleich auf SchöneSeiten erschienen.

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