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.Literatur, Auto/biographie, Roman

Adriana Altaras: Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie

Adriana Altaras steht eine schwere Aufgabe bevor: Ihre Eltern sind kurz hintereinander gestorben, ihre Wohnung steht leer und der elterliche Nachlass wartet darauf, geordnet zu werden. Offenbar ist das der Punkt, an dem Adriana beschließt, die Lebensgeschichte ihrer Eltern, deren Bedeutung für ihr eigenes Leben sie bisher nur ausschnittweise begriffen hatte, aufzuschreiben.

Eingebettet in ihren Lebensalltag mit einem nichtjüdischen Mann, der viel Verständnis aufbringt für die Neurosen der Nachkommen der Holocaust-Überlebenden, mit den Kindern, diversen Freunden und ihrem Beruf als Schauspielerin und Regisseurin, rekapituliert Adriana Altaras das Leben ihrer Eltern.

Das Sichten der Hinterlassenschaften ihrer Eltern, die jede Kleinigkeit in ihrer Wohnung aufgehoben hatten, vergegenwärtigt Adriana Altaras nicht nur das Leben des Vaters und der Mutter, sondern konfrontiert die deutsche Jüdin auch mit ihrem eigenen Jüdischsein und ebenso mit einer Zeit, in der es lebensgefährlich war, ein Jude zu sein.

Altaras schreibt über ihren 1918 in Split geborenen Vater Jakob, der als Medizinstudent in  Italien das Dritte Reich überlebte und dabei den Mut hatte, vierzig jüdische Kinder aus Kroatien vor dem Transport in ein Vernichtungslager zu retten. Nach dem Krieg ist Jakob Altaras in der jugoslawischen Parteihierarchie sehr weit aufgestiegen, fiel aber 1964 als Jude in Ungnade und wurde aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Über Zürich floh er nach Deutschland, wo er als Arzt tätig war und später als Professor für Radiologie an der Universität eine Lebensstellung erhielt. In Gießen gründete er eine jüdische Gemeinde und erreichte, dass die Synagoge wieder aufgebaut wurde. Sein Traum war es, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland zu werden und dort mit den Zuständen, die er immer wieder kritisierte, aufzuräumen.

In seiner zweiten Ehe war er mit Thea Altaras verheiratet, einer Architektin, die für ihre Forschungen und Veröffentlichungen zur jüdischen Architektur in Hessen bekannt wurde. Als Tochter dieses Paares ist Adriana Altaras aufgewachsen. Die Fotos vor allem sind es, die sie zurückführen in eine teilweise unbekannte Vergangenheit ihrer Eltern: „Ich weiß genau, warum ich keine alten Fotos mag. Geschichten, die nicht einmal im Traum zu verdauen sind„.

Wie die Autorin diese große Geschichte und die damit verbundenen zahllosen kleinen Geschichten erzählt, ist äußerst unterhaltsam. Denn Altaras schreibt mit einem bewundernswerten Humor, mit dem sie ihre eigene jüdische Identität in Deutschland zwar reflektiert, ohne sie jedoch permanent vor sich her zu tragen. Ich habe viele Bücher von Autoren gelesen, die als Kinder von Überlebenden schreibend versuchten, etwas zu bewältigen von der unendlichen Trauer und Last, die die Eltern ihnen gewissermaßen vererbten – vor allem dadurch, dass sie schwiegen. Besonders hingewiesen sei hier auf das jüngste Buch von Lizzie Doron, Das Schweigen meiner Mutter. Keines aber hat mich so fasziniert, stellenweise begeistert wie diese „Geschichte meiner strapaziösen Familie“.

Es gelingt Altaras, die innerjüdischen Auseinandersetzungen in Deutschland geschickt zwischen den Zeilen zu kommentieren. Außerdem vermittelt sie auch nichtjüdischen Lesern das Lebensgefühl einer Frau mit einer solchen Lebensgeschichte im Rücken.

Wir danken unserem Gastautor Winfried Stanzick für diese Rezension.

Adriana Altaras
Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie
Kiepenheuer & Witsch 2011, 272 Seiten

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Adriana Altaras: Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie

  1. Hallo Herr Stanzick, vielen herzlichen Dank für diese schöne Rezension! Ich habe schon einiges über dieses Buch gelesen, aber irgendwie konnten mich die Besprechungen immer nicht ganz restlos überzeugen. Was sich da bei mir so sperrt, weiß ich leider auch nicht so ganz … irgendwie hatte der Roman bisher auf mich eher einen etwas trivialen, vielleicht unliterarischen Eindruck gemacht. Ihre Besprechung hat mich nun aber doch sehr neugierig gemacht und ich wieder mir „Titos Brille“ spätestens dann kaufen, wenn es endlich als Taschenbuch erscheinen wird.

    Freundliche Grüße
    Mara

    Verfasst von buzzaldrinsblog | 10. März 2012, 13:40
  2. Guten Tag, Mara,

    vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Trivial und unliterarisch ist der Roman ganz und gar nicht. Wenn man sich, vielleicht auch angeregt durch andere Bücher der letzten Jahrzehnte, für jüdisches Leben in Deutschland interessiert, ist das Buch ein große und reiche Quelle.

    Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

    Winfried Stanzick

    Verfasst von Winfried Stanzick | 12. März 2012, 13:06
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