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Wibke Bruhns: Meines Vaters Land

Familiengeschichten von der Kaiserzeit bis zum Dritten Reich gibt es viele, aber nur wenige sind so gut belegt wie die von den Klamroths. Wibke Bruhns ist ihrer eigenen Familiengeschichte auf die Spur gegangen und hat sich die Frage gestellt, wie involviert ihre Familie wirklich in die Verbrechen des Dritten Reiches war.

Bruhns Aufzeichnung der Familiengeschichte ist zugleich eine Suche nach ihrem Vater. Dieser wurde 1944 in Plötzensee im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli auf Hitler exekutiert. Sie war damals erst sechs Jahre und hat kaum Erinnerungen an ihn. In der Familie war der Vater ein Tabuthema – nicht nur wegen seiner seltsamen Rolle während des Krieges, sondern auch noch aus anderen Gründen, auf die Bruhns erst bei ihrer Recherche stößt.

Bruhns Buch beruht auf Fakten. Die Klamroths waren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine wohlhabende Industriellenfamilie, die ein Familienarchiv geführt hat. Dementsprechend kann Bruhns auf viele Briefe und Fotos zurückgreifen und die Geschichte ihres Vaters von seiner Geburt an rekonstruieren. Zwischen die historischen Passagen schiebt sie immer wieder eigene Kommentare ein. Je näher sie dem Ende ihres Vaters kommt, desto schwieriger wird das Aufschreiben für sie – denn sie merkt, dass ihr Vater doch mehr ins Dritte Reich verstrickt war, als sie geglaubt hatte.

Bruhns versucht nicht einfach, die Vergangenheit im Bezug auf das Dritte Reich und den Antisemitismus zu durchleuchten, sondern sie zeichnet auch die Lebensstationen ihres Vaters mit großer Sorgfalt nach. Es ist dabei erstaunlich, wie eine eigentlich weltoffene Familie wie die Klamroths doch vom preußischen Militarismus geprägt ist – und wie schließlich auch Antisemitismus eine Rolle spielt. Vieles muss leider aber auch vage bleiben, da nicht mehr alle Dokumente existieren.

Meines Vaters Land – schon der Titel verdeutlicht die Distanz, die Bruhns zu ihrem Vater hat. Und trotzdem akzeptiert sie ihn am Ende, erkämpft sie sich eine Vaterfigur durch das Schreiben. Auch wenn Teile der Geschichte im Dunkeln bleiben, versucht sie die ganze Zeit offen und kritisch-selbstreflexiv ein distanziertes Bild zu gewinnen. Das macht dieses Buch auch so lesenswert: Die Kombination aus historischen Dokumenten und dem ganz subjektiven Umgang mit ihnen.

Auch wenn dieses Buch nicht direkt das Leben einer jüdischen Familie nachzeichnet, so gibt es doch ein genaues und unverblümtes Stimmungsbild der damaligen Zeit und zeigt, dass Ideologien des Dritten Reiches auch von gebildeten Leuten unhinterfragt übernommen wurden.

Wibke Bruhns
Meines Vaters Land
Econ Verlag, 2004, 386 Seiten

Herzlichen Dank an unsere Gastrezensentin Friederike für diese Besprechung! Friederikes Blog ist der „Blauraum„.

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