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Erinnerungsorte, Friedhöfe

Jüdischer Friedhof Weißensee Berlin

Da, wo Chamottefabriken stehn
– Motorgebrumm –
da kannst du einen Friedhof sehn,
mit Mauern drum.
Jedweder hat hier seine Welt:
ein Feld.
Und so ein Feld heißt irgendwie:
O oder I …
Sie kamen hierher aus den Betten,
aus Kellern, Wagen und Toiletten,
und manche aus der Charité
nach Weißensee,
nach Weißensee.

Chamottefabriken findet man heute nicht mehr in Weißensee, Motorgebrumm umso mehr. Die Mauern um den größten noch bestehenden jüdischen Friedhof Europas stehen auch noch heute auf festem Grund. Wenn man an einem kalten Wintertag einen Spaziergang nach Weißensee macht, nehmen die vielen tausende Grabsteine die volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Über die Herbert-Baum-Straße, welche nach dem jüdischen Widerstandskämpfer gegen die faschistische Diktatur benannt wurde, gelangt man auf das parkähnliche Anwesen. Weiden, Pappeln, Linden und Eichen sind das Zuhause von vielen tierischen Bewohnern wie z.B. Greifvögeln und Füchsen. Im Sommer kann man durch den Efeu, der den Friedhof im Griff hat und die Armengräber fast völlig überrankt, fast vergessen, wo man sich befindet.

Als der Friedhof 1880 eingeweiht wurde, lag Weißensee noch außerhalb von Berlin. Dass die Anlage mit 40 ha Grundstück mehr als 100 Jahre später versteckt im dichten Großstadtdschungel liegt, konnte damals wohl auch Kurt Tucholsky, der dem Friedhof 1925 ein Gedicht widmete, nicht ahnen. Wie konnte der Friedhof zu einem solchen Umfang anwachsen? Die jüdische Religion sieht es vor, dass die Gräber für immer bestehen bleiben und nicht wie bei anderen Friedhöfen nach einer gewissen Zeit, oft nach höchstens 30 Jahren, eingeebnet und neu vergeben werden. So wächst der Jüdische Friedhof, der von Hugo Licht geplant und gestaltet wurde, an. Auf den 115.000 Gräbern finden sich auch die Namen der Verleger Samuel Fischer und Rudolf Mosse, des Hertie-Gründers Hermann Tietz oder des Schriftstellers und Politikers Stefan Heym. Die Grabstätte für Albert Mendel wurde von Walter Gropius gestaltet.

Dass der Friedhof den Zweiten Weltkrieg fast vollkommen unbeschadet überstanden hat, grenzt im ersten Augenblick an ein Wunder. Im zweiten Augenblick ist es fast logisch, denn: diese Juden hier waren schon tot und für Nazi-Deutschland keine Gefahr mehr.

Während an den Außenmauern und entlang den breiten Hauptgängen die riesigen Mausoleen und Grabstätten stehen, die sich die reichere und prominente jüdische Gesellschaft Ende der 19. Jahrhunderts und noch Anfang des 20. Jahrhunderts gesichert hatten, findet man in der Mitte der Anlage die Gräber der Juden, die kurz vor dem Beginn von Hitler-Deutschland gestorben sind. Eine klaffende Lücke zwischen den Jahrgängen ’32 und Ende der 50er Jahre deutet mit einem Fingerzeig auf die deutsche Geschichte. Es gab zumindest offiziell nur noch wenig Juden, die in Berlin begraben werden konnten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Friedhof zusehends an Bedeutung. In West-Berlin gründete sich eine westdeutsche jüdische Gemeinde. Der Friedhof in Weißensee wurde nur noch von der kleinen Ost-Berliner Gemeinde genutzt. Da es aber kaum Hinterbliebene gab und Denkmalschutz in der DDR nicht großgeschrieben wurde, verfielen in dieser Zeit viele Gräber. Zudem sollte eine große Umgehungsstraße, die schon lange geplant war, quer durch den Friedhof realisiert werden. Der vorgesehene Grünstreifen auf dem Friedhofsgelände gehörte aus diesem Grund nicht der jüdischen Gemeinde und dort wurde auch nicht bestattet. Nach Protesten, vor allem durch Heinz Galinski, dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin, wurde der Plan jedoch nicht weiter verfolgt. Nun werden auch in diesem Teil des Friedhofs Beerdigungen durchgeführt.

Im vorderen Bereich der Anlage findet man überwiegend Gräber von osteuropäischen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Wieder eine bittere Wahrheit: Es gibt in dieser Generation einfach keine in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Juden. Mit den neuen, manchmal in kyrillisch geschriebenen Namen hielten auch neue Sitten Einzug. Schön ist die Tradition, dass man nach jedem Besuch einer jüdischen Grabstätte einen Stein auf den Rand des Grabes legt. Im Winter überblickt man ganze Grabfelder, auf denen die Steine als stumme Zeugen fungieren. Und wenn man einige Schritte lang gar keine Steine sichtet, sagt das auch viel. Auf den neueren Gräbern findet man nun aber auch Blumengestecke, Sträuße und Grabkerzen. Auch ein jüdischer Friedhof geht mit der Zeit. So findet man viele Besucher, die sich im Sommer von der berückenden und kühlenden Atmosphäre verlocken lassen. Im Winter geht man mit stechendem Atem durch die Reihen und liest unzählige Namen mit unerzählten Geschichten.

Kurt Tucholskys Grab findet man übrigens nicht in Weißensee. Er starb in Schweden, und in seinem Todesjahr 1935 wäre eine Übersetzung wohl grundsätzlich unmöglich gewesen.

Da, wo ich oft gewesen bin,
zwecks Trauerei,
da kommst du hin, da komm ich hin,
wenns mal vorbei.
Du liebst. Du reist. Du freust dich, du –
Feld U –
Es wartet in absentia
Feld A.
Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P – in Weißensee –
in Weißensee.

Wer nicht die Möglichkeit hat, den Jüdischen Friedhof in Weißensee zu besuchen, kann sich den beeindruckenden Dokumentarfilm von Britta Wauer anschauen, der den Panorama Publikumspreis bei den 61. Internationalen Filmfestspielen Berlin 2011 erhielt: www.imhimmelunterdererde.de.

Herzlichen Dank an unsere Gastautorin Frollein Wortstark für diesen Beitrag!

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Über Frollein Wortstark

2004 bis 2010 Studium (Philosophie, Deutsche Philologie, AVL) an der FU, HU und Uni Bern. 2007 bis 2010 Fachjournalistikstudium. PR-Volontariat bis Juni 2011. Seit Juli 2011 freie Autorin und Texterin. Ihre Leidenschaften: Bücher, Fotografie und Essen- und in allem viel Farben.

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Jüdischer Friedhof Weißensee Berlin

  1. ein sehr interessanter blog, ich werde nicht zum letzten mal da sein

    Verfasst von Marie | 23. Mai 2013, 11:56

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