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.Literatur, Roman

Yishai Sarid: Limassol

Dieser Roman des ehemaligen israelischen Nachrichtenoffiziers und heutigen Rechtsanwaltes Yishai Sarid führt den von der ersten Seite an gebannten Leser hinein in eine Welt, in der der Terror und die Gewalt alltäglich geworden sind. In einer im Verlauf des Buches immer bedrückender werdenden Geschichte begleitet er seine Protagonisten einen Sommer lang von Jerusalem über Tel Aviv bis nach Limassol auf Zypern.

Der Ich-Erzähler, ein israelischer Geheimdienstler, ist seit Jahren auf die Aufdeckung von Selbstmordattentaten spezialisiert. Seine Schilderungen des Innenlebens und der Methoden des israelischen Geheimdienstapparates sind harter Tobak. Denn er und seine Kollegen wollen sich um keinen Preis an die Gewalt ihrer Gegner anpassen („Für Juden gelten Menschenrechte“, sagt sein orthodox-gläubiger Chef einmal) und haben dennoch oftmals keine andere Möglichkeit, wollen sie Attentate verhindern. Das, was vor Jahren als „Szenario der tickenden Bombe“ zeitweise die Folterdebatte unter den Juristen nach 9/11 bestimmte, ist in Israel alltägliche Normalität. Das besprochene Buch ist ein literarisches Zeugnis der einzigen Demokratie im Nahen Osten und seiner reichen Kultur. Das Ausmaß an Korruption, an Gewalt und Verzweiflung ist hier auch nicht größer als etwa in anderen westlichen Ländern.

Der Erzähler erhält eines Tages einen Geheimauftrag. Über die Schriftstellerin Daphna soll er den Kontakt zu einem todkranken Dichter im Gazastreifen herstellen, dessen Sohn wahrscheinlich einen verheerenden Anschlag plant. Er gibt sich als Investmentbanker aus, der für ein eigenes Buch bei Daphna sozusagen Stunden in Literatur nehmen will. Mit jedem Besuch bei ihr fühlt er sich mehr zu der beeindruckenden Schriftstellerin hingezogen und gerät über seinen Auftrag mehr und mehr in Zweifel. Dennoch gelingt es ihm, sich das Vertrauen des alten Dichters zu erschleichen, der seinem radikalen Sohn vorschwärmt, endlich einmal einen Juden kennen gelernt zu haben, dem man vertrauen könne – was die israelischen Geheimdienstler in der Abhörzentrale zu Lachstürmen hinreißt. Als die Handlung sich im zypriotischen Limassol zuspitzt, steht der Erzähler vor der schwersten Entscheidung seines Lebens…

Eine der wichtigsten Botschaften des Romans ist, dass der Terrorismus denen, die ihn bekämpfen, schon längst seine Logik aufgezwungen hat. Doch das war nicht immer so: Besonders die Figur Daphna beschwört frühere Zeiten herauf, in denen Israelis nach Gaza an den Strand fahren konnten oder palästinensische Dichter in Tel Aviv Lesungen veranstalteten. „Eines Tages fallen die Zäune, und wir werden vereint sein“, sagt Daphna zum Ich-Erzähler, was auf diesen nicht ohne Eindruck bleibt. Übrigens auch nicht auf den von diesem Buch beeindruckten Rezensenten.

Yishai Sarid
Limassol
Piper 2011, 208 S.

Wir danken unserem Gastrezensenten Winfried Stanzick für diese Besprechung.

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