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.Literatur, Auto/biographie, Roman

Georges Perec: W oder Die Kindheitserinnerung

W oder Die Kindheitserinnerung: Schon der Titel – der Buchstabe «W», im Französischen «double v», sowie die beiden durch die Konjunktion «oder» verbundenen Komponenten – verweist auf die Zweiteilung des Textes. Das Buch vereint zwei Geschichten, die sich in sehr kurzen Kapiteln abwechseln und scheinbar keinen Bezug zueinander haben. Auf der einen Seite die ‚autobiographische’ Erzählung des Autors Georges Perec, der von sich behauptet, keine Erinnerung an seine Kindheit zu haben, und der diese verlorene Kindheit anhand von Fotografien, Dokumenten und den wenigen Erinnerungen, die ihm geblieben sind oder die nun während des Schreibens zurückkehren, zu rekonstruieren versucht. Auf der anderen – ‚fiktiven’ – Seite die Reise des Erzählers Gaspard Winckler nach Feuerland, wo er auf der Insel W eine Gesellschaft entdeckt, die sich ganz und gar dem Sport verschrieben hat. Wenn bisher die Wörter ‚Autobiographie’ und ‚Fiktion’ in Anführungszeichen standen, dann liegt dies daran, dass es sich lediglich um eine grobe Unterscheidung handelt, die bei näherer Betrachtung nicht standhält.

Georges Perec wurde 1936 als Kind jüdisch-polnischer Eltern in Paris geboren. 1940 starb sein Vater Icek Peretz, der zu Beginn des Zweiten Weltkrieges freiwillig der französischen Armee beigetreten war. Ein Jahr später beschloss dessen Frau Cyrla, den gerade einmal fünfjährigen Georges mit einem Transport des Roten Kreuzes in die freie Zone zu seinem Onkel und seiner Tante zu schicken, wo er getauft wurde, den französierten Namen Perec annahm und eine katholische Schule besuchte. Nach dem Krieg wurde er vom Onkel adoptiert, seine Mutter war 1943 nach Auschwitz deportiert worden: Ihr Tod durchzieht wie ein Leitmotiv nicht nur W oder Die Kindheitserinnerung, sondern Perecs gesamtes Werk. Die Geschichte W schrieb er zum ersten Mal mit dreizehn, nun fügt er sie in seine Autobiographie ein, damit sie die «zerrissenen Fäden» seiner Erinnerungen ersetzt.

Paradoxerweise intensiver und auch bewusster als in der autobiographischen Erzählung wird der Holocaust in der Parallelgeschichte um die Insel W thematisiert, obgleich er mit keinem einzigen Wort Erwähnung findet, sondern auf bemerkenswerte Weise suggeriert wird. Das gesamte Leben auf der Insel ist geprägt vom Streben nach dem olympischen Ideal, es geht um die Verherrlichung des Körpers und des Triumphes, um die Herausbildung nicht von Menschen, sondern von Athleten. Schon bald erweist sich diese Idealgesellschaft jedoch als eine albtraumhafte Realität, in der Grausamkeit und Willkür herrschen – eine Realität, die mit fortschreitender Schilderung immer mehr die Züge eines Konzentrations- und Vernichtungslagers annimmt: «Das Gesetz ist unerbittlich und unvorhersehbar, niemand kann es kennen, aber Unkenntnis schützt vor Strafe nicht»*. Die fiktive Gesellschaft W wird so zu einer außerordentlichen und drastischen Allegorie für jene Geschichte (im Sinne von Menschheitsgeschichte), die dem Autor Georges Perec seine Eltern und seine Kindheit nahm.

Der Text ist aber auch in einem anderen Sinne zweigeteilt: Während Perecs Mutter in der ersten Hälfte sehr wohl in den Kindheitserinnerungen des Autors erscheint, wird sie im zweiten Teil mit keinem Wort mehr erwähnt. Und doch ist sie auch hier präsent, wird heraufbeschworen durch den Staat W, der nichts anderes ist als das Vernichtungslager Auschwitz – der Grund für ihre Abwesenheit. Diese Zäsur, das Verschwinden der Mutter, wird symbolisiert durch das Auslassungszeichen «…», das die zwei Hälften des Textes voneinander trennt. Der erste Teil endet mit einem in Kursiv gesetzten Kapitel über Winckler, der zweite beginnt mit der Schilderung von W, auch diese in Kursiv: Das Prinzip des Alternierens ist also unterbrochen, die Auslassung – das fehlende autobiographische Kapitel – enthält das Verschwinden der Mutter, ihre Deportation nach Auschwitz. Um diese Leerstelle herum sind die beiden Teile der Textes geschrieben: «Mein Familienname lautet Peretz. Er kommt in der Bibel vor. Im Hebräischen bedeutet er ‹Loch›».

Gewiss, dies ist kein Text, den man abends vorm Schlafengehen liest, und zunächst mag man irritiert sein, da man nicht begreift, worauf die fiktive Geschichte um das Volk W hinaus will, welche Bedeutung sie hat und weshalb sie in Perecs Kindheitserinnerungen eingebettet ist. Erst wenn man sich mit der Biographie und dem Werk des Autors eingehend auseinandersetzt, entfaltet W oder Die Kindheitserinnerung, das lange Zeit vergriffen war und nun erfreulicherweise in einer Neuauflage bei diaphanes erscheint, seine ganze beklemmende Wirkung. Es ist der Versuch, das Undarstellbare darstellbar zu machen: Indem der Schriftsteller das Trauma – den Verlust der Eltern im Besonderen und die Gräuel des Krieges im Allgemeinen – in eine Metapher umwandelt, wird es (be)greifbar, sagbar, schreibbar. Und über den Vorgang des Schreibens, des Festhaltens geht es in das individuelle und zugleich in das kulturelle Gedächtnis über.

* Die Übersetzungen aus dem Französischen stammen von mir.

Georges Perec
W oder Die Kindheitserinnerung
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
diaphanes, März 2012, 176 Seiten

Die Rezension ist zeitgleich auf SchöneSeiten erschienen.

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Diskussionen

8 Gedanken zu “Georges Perec: W oder Die Kindheitserinnerung

  1. Das hier: „Es ist der Versuch, das Undarstellbare darstellbar zu machen: Indem der Schriftsteller das Trauma – den Verlust der Eltern im Besonderen und die Gräuel des Krieges im Allgemeinen – in eine Metapher umwandelt, wird es (be)greifbar, sagbar, schreibbar.“ hat soeben an meine „Ein-Buch-das-ich-lesen-muss-Synapse“ appelliert. Ist gleich notiert und erinnert mich ein bisschen an Grossmans Episode mit dem Lachsschwarm in „Stichwort:Liebe“ und auch an die Kinder des Herzens und ihre Geschichte.

    Verfasst von synaesthetisch | 19. Januar 2012, 11:19
    • Ja, lies es unbedingt. Wenn man nur den Text betrachtet und nicht seinen tieferen Sinn, der an Perecs Biographie gekoppelt ist, mag er etwas eigenartig wirken und zunächst keinen besonderen Reiz haben (die eingebettete Fiktion stammt wie gesagt ursprünglich aus der Feder eines Kindes). Aber meine fünf Zeilen zu Perecs Hintergrund dürften schon genügen, um die Genialität des Textes zu erkennen. Abgesehen davon, dass die Metapher in der zweiten Hälfte zum Ende hin immer deutlicher wird und am Ende keine Zweifel mehr darüber lässt, welche Welt hier in Wirklichkeit dargestellt wird. Beeindruckend!
      Die Lachsschwarmszene in Grossmans Roman hat – da gebe ich dir recht – eine ganz ähnliche Funktion, nur ist sie unendlich viel kryptischer. Ich muss zugeben, dass ich mit dem Kapitel bei der ersten Lektüre nicht viel anfangen konnte; erst als ich Sekundärtexte und Bruno Schulz‘ Erzählungen dazu gelesen habe, begriff ich (halbwegs) den Sinn dieser Episode. Und natürlich geht es hier in der Lachsschwarmepisode nicht darum, den Holocaust zu erzählen, sondern zu erproben, wie man den Holocaust erzählen kann. Ein Metadiskurs gewissermaßen – keine Darstellung von etwas, sondern eine Überlegung über die Darstellung selbst. Und Bruno Schulz‘ phantastisches Erzählen ist ein Teil der Antwort, eine Basis, die Grossman erweitert und überwindet…

      Verfasst von caterina | 20. Januar 2012, 00:11
      • Hast du die „Zimtläden“ also gelesen?
        Grossman spielt ohnehin gerne mit den verschiedenen Ebenen, das ist in „Eine Frau flieht…“ auch so, wenngleich wieder auf eine ganz andere Weise. Dort ist einer der Protagonisten selbst ein begnadeter Geschichtenerfinder und -Erzähler, der sich mögliche Existenzformen in der Phantasie erschafft, die dann teilweise auch die Realität beeinflussen. Und die weibliche Hauptperson will die Realität ändern, indem sie ihre Biographie erzählt und damit wahrer macht – und sie zugleich neu entdeckt und konstruiert. Das ist am Anfang immer schrecklich kryptisch und verworren, aber wenn man das Prinzip verstanden hat, einfach genial!

        Verfasst von Syn-ästhetisch | 23. Januar 2012, 15:47
        • Ja, habe die Zimtläden gelesen: Nachdem Schulz mir immer wieder begegnete (auf Anhieb fallen mir drei „Holocaust-Autoren“ ein, die sich im Zuge ihrer Schreibarbeit mit ihm befassten oder ihn sogar explizit zitierten: neben Grossman auch Foer und Cynthia Ozick), dachte ich, es wäre an der Zeit, seine Texte zu entdecken, um die anderen besser zu begreifen. Leider hatten die Erzählungen nicht diesselbe Wirkung auf mich wie offenbar auf die erwähnten Schriftsteller, vielleicht habe ich sie zu flüchtig gelesen…
          Bezüglich Grossman gebe ich dir recht, auch in seinem Erstlingswerk Das Lächeln des Lammes gibt es dieses Spiel mit den Ebenen und Erzählstimmen (auch hier ist beispielsweise ein Geschichtenerfinder dabei), dieselben Ereignisse werden aus verschiedenen Perspektiven wiedergegeben, so dass sie sich Stück für Stück wie in einem Puzzle zusammensetzen. Stimmt, das ist mühsam, aber hat man sich erst mal einen Weg gebahnt, ist es eine ungemeine Bereicherung. Auf die fliehende Frau freue ich mich sehr…

          Verfasst von caterina | 23. Januar 2012, 21:26
          • Das ist auch der Grund, weshalb ich bisher die Zimläden nicht gelesen habe: aus Angst vor der Enttäuschung. Von Grossman habe ich noch den Kindheitserfinder hier liegen, der ist dann als nächstes dran…

            Verfasst von synaesthetisch | 31. Januar 2012, 10:20
  2. Danke für diesen sehr informativen Text, zu dem Du auch gleich den Schlüssel mitlieferst. Bisher wusste ich nicht besonders viel von Perec, obwohl ich „Ein Mann der schläft“ gelesen und die Verfilmung gesehen habe (wie ich schon mal schrieb). Darüber hatte ich damals auch viel nachgedacht, wobei mir der von Dir besprochene Text doch komplexer erscheint. Die Begegnung mit Bruno Schulz ist für mich nicht leicht zu beschreiben, insbesondere als Ganzes. In einzelnen Kapiteln konnte mich die Sprache sehr begeistern, an anderer Stelle konnte ich nicht viel mit dem Inhalt anfangen. Die Neuübersetzung habe ich im Regal stehen, irgendwann gibt es also eine weitere Auseinandersetzung. Vielleicht gesellt sich zum schlafenden Mann auch mal ein weiterer Perec. Neugierig gemacht hast Du mich.

    Bei Arte gab es ein filmisches Aufeinandertreffen von „Ein Mann der schläft“ und „Taxi Driver“.
    http://www.arte.tv/de/3893512,CmC=3887522.html
    Irgendwie hat Perecs Film etwas Hypnotisches, Meditatives. Aber vielleicht liegt das auch nur an der Erzählstimme. Ich könnte ihn mir schon wieder ansehen.

    Verfasst von wortlandschaften | 4. März 2012, 17:38
    • Lieber wortlandschaften, hab Dank für deinen wie immer sehr anregenden Kommentar.
      Bei Bruno Schulz erging es mir wie dir. Einige Passagen lasen sich ganz wunderbar, aber im Ganzen blieb ich doch etwas ratlos zurück, vor allem angesichts der Tatsache, dass Schulz‘ kleines Werk offenbar so großartige Schriftsteller wie Foer und Grossman inspirierte. Ich denke, dass ich es mit etwas Abstand – in ein paar Jahren – nochmals versuchen werde.
      Von Perec möchte ich unbedingt noch Das Leben Gebrauchsanweisung lesen, außerdem Anton Voyls Fortgang, das – auf einer tieferen Ebene – ebenfalls das Verschwinden der Mutter thematisiert, und zwar durch eine hochspannende formale Besonderheit.
      Danke auch für den Hinweis auf den Taxi-Driver-Perec-Remix: sehr, sehr schön. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass Perec auch einen Film gemacht hat…

      Verfasst von caterina | 11. März 2012, 14:41
      • Liebe Caterina,

        Dir auch herzlichen Dank für die Erwähnung und den Link zu Anton Voyls Fortgang. Das könnte eine sehr ungewöhnliche und spannende Leseerfahrung werden. Ich habe es mir schon notiert und werde es demnächst mal aus der Bibliothek ausleihen. Nun weiß ich auch, was ein Leipogramm ist.

        Viele Grüße!

        Verfasst von wortlandschaften | 12. März 2012, 00:00
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