»
.Literatur, Roman

Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe

Dies ist eine sehr schöne und bemerkenswerte Geschichte, sprachlich überzeugend (am Ende fast experimentell) mit einer überraschenden Wende und einem wunderbar melancholischen Ende. Dabei geht es natürlich nicht um eine historische Spurensuche, während die Geschichte der Liebe im Allgemeinen erforscht wird. Es geht eher um die Geschichte einer Liebe. Einer ganz besonderen. Und eigentlich ist die Autorin gar nicht die Autorin der Geschichte der Liebe, sondern einer der Protagonisten, Leo Gursky, der als junger Mann in den 1930er Jahren in Polen das Buch schrieb und es seiner großen Liebe Alma widmete. Sie verlieren sich in den Kriegswirren, obwohl sie beide später in die Staaten emigrieren. Auch das Buch geht verloren und macht seine eigene Reise.

Mittlerweile ist Leo ein einsamer, alter Mann in New York, der verrückte Dinge tut, um „gesehen“ zu werden. Noch immer besitzt er die Gabe, sich Dinge so eindringlich vorzustellen, dass sie wahr zu sein scheinen. Auch für den Leser. Wirklichkeit und Illusion vermischen sich.

Die zweite Hauptfigur ist Alma, nicht Leos große Liebe von damals, sondern ein junges Mädchen, dessen Eltern sie nach der Hauptfigur eines spanischen Buchs genannt haben. Alma hat mit ganz anderen Dingen zu kämpfen, mit den kleinen Katastrophen, die das Leben in einer modernen Gesellschaft mit sich bringt, wenn man auf dem Weg ist, erwachsen zu werden. Ihr Vater ist tot, ihr Mutter wird eigen und ihr Bruder ist sowieso schon ziemlich eigen, u.a. hält er sich für den Messias. Ihrem Tagebuch vertraut Alma ihre Geschichte an – wieder eine Niederschrift der Geschichte einer Alma und wieder eine Geschichte des Überlebens. Im übertragenen Sinne macht sich Alma bereit, in der Wildnis zu überleben, denn sie hat von ihrem Vater dessen Liebe zur Natur geerbt und unterwirft sich allerlei Experimenten, um auf sich gestellt im Nirgendwo zurechtzukommen. Eine Erfahrung, die ihr Leo bereits voraus hat. Schließlich macht sich Alma auf die Suche dem Verfasser des Buchs und nach Alma.

Nicole Krauss
Die Geschichte der Liebe
Rowohlt, 2005, 346 S.

Erstveröffentlichung der Rezension im „Virtuellen Literarischen Salon“, dem Newsletter von philea’s Blog.

Weitere Leseeindrücke der Geschichte der Liebe findet ihr bei aus.gelesen und syn-ästhetisch.

Advertisements

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig http://phileablog.wordpress.com/

Diskussionen

6 Gedanken zu “Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe

  1. Ein wunderschönes Buch war das, nicht nur über die Liebe, sondern auch über das Schreiben.

    Verfasst von muetzenfalterin | 28. Dezember 2011, 14:10
    • Danke für die schöne Rezension, die mir dieses Buch, was ich schon vor einigen Jahren gelesen habe, noch einmal in Erinnerung gerufen hat!
      „Die Geschichte der Liebe“ ist wirklich ein tolles, ein tief berührendes Buch. Leider ist Nicole Krauss in ihren anderen Büchern nicht mehr an dieses Niveau herangekommen. Vor allem „Das große Haus“, das ich zu Jahresbeginn gelesen habe, hat mich sehr enttäuscht zurückgelassen …

      Verfasst von maragiese | 29. Dezember 2011, 14:05
      • Ja, liebe Mara, so grandios wie Die Geschichte der Liebe fand ich es auch nicht. Ich war nicht völlig enttäuscht, aber eben auch nicht so begeistert. Ein bisschen wie bei Siri Hustvedt, sie fällt mir als weiteres Beispiel ein, wei ich ihr Was ich liebte ebenfalls einfach großartig fand. Der Rest ist okay, manchmal sehr okay, aber nie wieder so wunderbar wie eben das Eine.

        Verfasst von Petra Gust-Kazakos | 4. Januar 2012, 02:35
    • Das stimmt, liebe Mützenfalterin.

      Verfasst von Petra Gust-Kazakos | 4. Januar 2012, 02:30
  2. Liebe Muetzenfalterin, liebe Mara, habt Dank fuer eure Kommentare. Wie Petra und ihr habe auch ich dieses Buch geliebt, so sehr, dass es sich bis heute unter meinen zehn liebsten Buechern befindet. Die anderen Romane von Nicole Krauss habe ich leider noch nicht gelesen, beide stehen aber auf meiner Wunschliste. Zum Grossen Haus habe ich viele Feuilletonstimmen gelesen, die doch sehr unterschiedlich ausfielen, aber die meisten waren sich einig, dass es nicht an die Groesse von der Geschichte der Liebe heranreicht. Reinschauen moechte ich trotzdem, allein deshalb, weil Frau Krauss so wundervoll poetische und unendlich melancholische Saetze schreibt, fuer die es sich lohnt, ueber den etwas zu konstruierten Inhalt hinwegzuschauen.

    Verfasst von caterina | 3. Januar 2012, 12:44
  3. Liebe Caterina, liebe Petra,
    ich habe „Das große Haus“ sowie „Kommt ein Mann ins Zimmer“ gelesen und beide konnten mich weder überzeugen, noch begeistern. Der Vergleich mit Siri Hustvedt trifft in der Tat zu – zumindest gibt es auf jeden Fall Ähnlichkeiten. Wobei mir die anderen Bücher von Siri Hustvedt dann doch noch ein wenig besser gefallen.
    Ich habe – als ich noch in er Büchereule aktiv war – eine Rezension zu „Das große Haus“ geschrieben und kann dir nur abraten, Caterina. Zumindest würde ich mir nicht unbedingt das teure Hardcover kaufen, sondern dann doch lieber auf die Taschenbuchausgabe warten 🙂

    Verfasst von maragiese | 4. Januar 2012, 22:52
%d Bloggern gefällt das: