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.Literatur, Roman

Philip Roth: Nemesis

Nemesis, der neue Roman des großen amerikanischen Schriftstellers Philip Roth, der schon lange den Literaturnobelpreis verdient hätte, ihn aber wohl nie erhalten wird, sticht unter seinen letzten Büchern heraus. Zunächst ist man nämlich versucht, den Roman für ein bisher unveröffentlichtes Frühwerk zu halten, besonders deshalb, weil die Handlung in den Jahren 1944/45 spielt und es um ein Geschehen in Newark geht.  Und dennoch ist es nach Roths einen eigenen Aussagen der letzte, abschließende Teil einer Reihe, die er selbst Nemeses nennt, eine Reihe, die mit Jedermann (2006) begann und dann im jährlichen Rhythmus um Exit Ghost, Empörung und zuletzt Die Demütigung (2009) ergänzt wurde.

In dieser Reihe beleuchtet Roth die Themenkomplexe Sterben, Altern, Krankheit, Unglück und Schuld im Großen wie im Kleinen. Gemeinsam ist allen Romanen die unverwechselbare und in ihrer Ausweglosigkeit stellenweise schwer zu ertragende Art Roths, die sein Schreiben so besonders macht. In Jedermann kämpft sein namenloser Protagonist gegen die Hinfälligkeit, in Exit Ghost verschwindet Roths jahrzehntelanges Alter Ego Nathan Zuckerman für immer von der literarischen Bühne. Und auch in den beiden letzten Romanen Empörung und Die Demütigung leiden die Hauptpersonen unendlich an ihrer zu Ende gehenden Existenz und ihren Aporien.

Der Protagonist von Nemesis, Bucky Cantor, ist zu Beginn des Romans noch durchaus hoffnungsvoll, hat er diese leidende Existenz doch noch vor sich. Während seine Freunde, darunter auch viele Juden wie Bucky selbst, in Übersee gegen Nazideutschland kämpfen, ist er wegen eines Augenleidens vom Militärdienst befreit. Das macht ihm schwer zu schaffen, denn auch er hat von den Gräueln der Nazis gehört und kann nun nichts dagegen unternehmen. Doch auch zu Hause wird der Pädagoge und Sportler mit einem besonderen Kampf und ebenso ausgeprägten Problemen konfrontiert. Bucky Cantor muss mit ansehen, wie in seiner Heimatstadt Newark immer mehr ihm zum Feriensport anvertraute jüdische Jungen an Kinderlähmung erkranken. Etliche von ihnen sterben. Die Stadt ist in Panik, Roths fiktive Schilderung (es gab 1944 keine solche Epidemie in Newark) hat zeitweise alttestamentarische Dimensionen.

Bucky flieht aus seinem Job in ein sicher geglaubtes jüdisches Ferienlager, wo auch seine Freundin Marcia Steinberg arbeitet. Als auch dort nach einiger Zeit Polio ausbricht, fällt der Verdacht auf Bucky. Eine sofort angeordnete Untersuchung bestätigt den grausamen Verdacht – Bucky ist an Polio erkrankt und schon im Krankenhaus wendet sich Bucky von seiner Umwelt ab. Auch nach seiner Heilung widersteht der nun behinderte Cantor allen Versuchen der ihn liebenden Marcia, an der Beziehung festzuhalten.

Wie eine Art moderner Hiob sucht er die Schuld nur bei sich und hadert mit einem Gott, an den er nach wie vor glaubt, dem er aber vorwirft, grausam zu sein. Weil die ganze Geschichte sozusagen parallel zu dem furchtbaren Geschehen in den Vernichtungslagern der Nazis spielt, ist man versucht, hier vorschnell Parallelen erkennen zu wollen. Doch führen diese nicht weiter – offenbar geht es Roth hier weniger um einen dezidiert jüdischen Konflikt, sondern eher um einen Generationswechsel zwischen den Vätern, die noch vorbehaltlos glaubten, und dem vom Leben enttäuschten Bucky, der zu Zweifeln beginnt.

Schon ziemlich am Anfang des Buches ist deutlich, dass es da einen Ich-Erzähler gibt, der aber lange anonym bleibt. Es ist Arnie Mesnikoff, ein  jüdischer Junge, der der als überzeugter Atheist dargestellt wird und zu Buckys Feriensportgruppe in Newark gehörte. Er erkrankte ebenfalls an Polio. Als er Bucky Cantor lange zeit später wieder trifft, kann er ihm zwar seine Geschichte entlocken, um sie der Nachwelt zu erzählen, aus seinem Teufelskreis von Schuld und Selbstanklage kann er ihn aber nicht erlösen. Während Bucky weiter mit Gott hadert und zu keiner Lösung gelangt, ist der Atheist Arnie ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden, der behindertengerechte Wohnungen baut – offenbar hat er die Krankheit als Chance begriffen.

Der Roman ist spannend erzählt, sein Thema spricht an und bewegt. Ein  Mann, der sich Nemesis, der Rachegöttin, und ihrem Wirken ausgesetzt sieht, kommt anders als Hiob im Alten Testament aus dem Hadern mit Gott und aus der Hybris nicht heraus. Selbst die Liebe anderer Menschen kann ihn nicht retten, eine hoffnungslose Figur, der doch eine so hoffnungsvolle Zukunft offen stand. Nemesis ist einer der wenigen Romane aus dem Erzählwerk von Philip Roth, in dem insbesondere die problematische Sexualität von in die Jahre gekommenen Männern keine Rolle spielt. Auch das hat zu meinem Lesegenuss beigetragen.

 Wie in vielen seiner Werke spielt Philip Roth in Nemesis durchaus auf seinen jüdischen Familienhintergrund an. Trotzdem halte ich ihn nicht für einen betont  jüdischen Autoren. Sein Thema ist die gesamte amerikanische Gesellschaft, und vielleicht weil er selbst einen jüdischen Hintergrund hat, stattet er viele seiner Protagonisten mit einem ebensolchen aus. In der Regel ist das jüdische Herkommen und die gelebte Religion in seinen Romanen von geringer Bedeutung. Roths jüdische Protagonisten beteiligen sich an keinerlei innerjüdischen Debatten oder gar religiös-politischen Auseinandersetzungen, etwa über die Politik und die Bedeutung Israels, wie dies die Figuren in Howard Jacobsons Roman Die Finkler-Frage tun.

Wir danken unserem Gastautor Winfried Stanzick für diese Rezension.

Philip Roth
Nemesis
Hanser 2011, 222 Seiten

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Philip Roth: Nemesis

  1. Ich habe „Nemesis“ schon am Anfang des Jahres, kurz nach Erscheinen des Romans, gelesen und war begeistert. Mit der Hauptfigur Bucky hat Philip Roth einen so anderen Charakter geschaffen, als in seinen anderen Romanen. Die Frage nach Schuld und Verantwortung die Bucky umtreibt, wird von Roth sehr faszinierend beschrieben.
    Auch der Kniff, dass die ganze Geschichte von einem Ich-Erzähler erzählt wird, wurde toll umgesetzt – ich habe länger gebraucht, um zu verstehen, aus welcher Perspektive erzählt wird.

    Ein wirklich großartiger, wenn nicht einer der besten Romane von Philip Roth …

    Verfasst von maragiese | 17. November 2011, 11:18
    • Liebe(r) Maragiese,

      vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich stimme Dir zu, dass dieses Buch eines der besten von Philip Roth ist. Zu Beginn der Lektüre Anfang 2011 dachte ich tatsächlich, es sei ein bisher unveröffentliches Buch aus seiner ersten Schaffensperiode. Bei seiner Produktivität wird uns spätestens im Frühjahr 2012 bei Hanser ein neues Buch präsentiert werden. Sicher wirst auch Du dann zu den ersten Lesern zählen.

      Beste Grüße

      Winfried

      Verfasst von Winfried Stanzick | 24. November 2011, 17:09
      • Hallo Winfried,

        ich kann nicht genug kriegen von Büchern von Philip Roth, von daher kann ich ein neues auch kaum abwarten … Leider ist – bisher zumindest – noch nichts angekündigt. Aber Hoffen darf ja trotzdem erlaubt sein!

        Ich freue mich aber sehr, dass du meinen Eindruck teilst, dass „Nemesis“ zu den besten Büchern Roths gehört. Von einigen anderen Lesern habe ich immer wieder die Rückmeldung bekommen, dass er in seinem Alterswerk stark nachgelassen habe – diesen Eindruck hat er bei mir aber spätestens mit „Nemesis“ widerlegt!

        Liebe Grüße
        Mara

        Verfasst von maragiese | 26. November 2011, 13:15
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