»
.Literatur, Roman

Howard Jacobson: Die Finkler-Frage

Howard Jacobson, der Autor des in England 2010 mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Romans Die Finkler-Frage, stammt aus einer jüdischen Familie und fühlt sich gewissen jüdischen Traditionen und mit der Geschichte der Juden verbunden. In Die Finkler-Frage taucht er tief hinein in das jüdische Leben in England und erzählt eine Geschichte, die lustig und ernst zugleich ist, voller Tragikomik steckt. Der Roman erfasst einen nicht näher genannten Zeitraum von einigen Jahren mit etlichen Rückblicken aus der Sicht seiner drei männlichen Protagonisten, zwei davon Juden und einer, der es gerne sein möchte.

Da ist der aus der CSSR stammende Jude Libor Sevcik, fast neunzig Jahre alt und ehemaliger BBC-Journalist. Er war über vierzig Jahre mit seiner Frau Malkie verheiratet, die für ihn eine glänzende Karriere als Konzertpianistin aufgab. Als Malkie nach unheilbarer Krankheit stirbt, bricht für Libor eine Welt zusammen, die er dadurch aufrechtzuerhalten sucht, dass er Schuberts „Impromptus“ spielen lernt. Vor ihrem Tod hatten die beiden mit dem Gedanken gespielt,  gemeinsam vom Bitchie Head zu springen,  „aber Malkie meinte, ich sei zu leicht, also würde ich bestimmt nicht gleichzeitig mit ihr im Meer landen. Und ihr gefiel die Vorstellung nicht, im Wasser auf mich warten zu müssen“. Das Buch ist auf über 400 Seiten voll von solchem Humor.

Der zweite Protagonist ist der Jude Sam (Samuel) Finkler, ein erfolgreicher und in den Medien permanent präsenter Philosoph, der aber große Probleme mit der israelischen Staatspolitik hat und sich deshalb schämt, ein Jude zu sein. Mit anderen, denen es ähnlich geht, gründet er die sogenannten ASCHandjiddn, unter denen es aber wiederum die heftigsten Auseinandersetzungen um Detailfragen gibt. Nie sind sie sich einig und selten gefeit vor unwillkommener Zustimmung von Antisemiten – als die sie sich übrigens fast täglich selbst gegenseitig beschimpfen. Sam Finkler ist verheiratet mit Tyler, die für ihn zum Judentum konvertiert und über seine antijüdischen Aktivitäten entsetzt ist.

Sam Finkler ist mit dem dritten im Bunde, Julian Treslove, über viele Jahre in die Schule gegangen und beide sind nach wie vor befreundet. Auch deshalb, weil Julian über viele Jahre bei der BBC gearbeitet hat, wo sich, wie er findet, unverhältnismäßig viele Juden tummeln. Doch die waren es nicht, die zum Ende seiner dortigen Tätigkeit als Journalist führten. Mittlerweile verdient er sein Geld bei einer Agentur, die ihn als Doppelgänger berühmter Personen vermietet. Treslove hat irgendwann mit der schon von ihrer Krankheit gezeichneten Tyler eine sexuelle Affäre und ist ganz enttäuscht, als er erfährt, dass sie gar keine „richtige“ Jüdin ist.

Der Roman beginnt mit einer Szene, die das Leben von Julian Treslove verändern wird. In einer Einfahrt wird er von einer Frau überfallen und ausgeraubt, und, je länger je mehr, ist er sich sicher, dass diese Frau zu ihm gesagt hat: „Du Jud.“  Seit langem fühlt sich Julian Treslove, der in zahllosen Beziehungen immer schnell gescheitert ist und auch als Vater zweier Söhne nicht gerade überzeugt, wieder glücklich. Endlich glaubt er, dazuzugehören. Er fragt sich, was wohl seine beiden Freunde Finkler und Libor zu seinem Bedürfnis sagen werden, ein Jude zu sein – Juden, die alles dafür gäben, keine zu sein.

Howard Jacobson schildert mit vielen ironischen Stilmitteln sowohl die innerjüdischen Debatten um Identität, Israel, die Palästinenser, den Holocaust und „den HERRN“ als auch  die Sehnsucht nach dem Jüdischsein, die er an der Person Tresloves und anderen, dem Judentum zugetanen Figuren festmacht. Da hören wir von skurrilen Debatten im Kreise der ASCHandjiddn, lesen über die Frage, ob die jüdische Sitte der Beschneidung das sexuelle Verlangen nun  steigert oder hemmt, einen jüdischen Blogger, der durch manuelle Stimulation seine entfernte Vorhaut wieder hochziehen will, und immer wieder köstliche Dialoge, die oft in nichts anderem bestehen als in Fragen und Gegenfragen.

Die Finkler-Frage, so nennt Julian Treslove für sich die Frage nach seinem Jüdischsein, ist ein unterhaltsamer Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen will. Der Roman ist ein interessanter Beitrag zu einer sowohl innerjüdischen als auch gesamtgesellschaftlichen Debatte zu dem ewigen Thema „Israel und die Palästinenser“. Aber er ist auch – ganz unpolitisch – ein bewegender und tragikomischer Roman über das Leben dreier Männer, über den Sex und das Altwerden und letztlich über den Tod.

Ich wünsche dem Roman in Deutschland einen großen Erfolg.

[Wir danken unserem Gastautor Winfried Stanzick für diese Rezension.]

Howard Jacobson
Die Finkler-Frage
DVA, 448 Seiten

Advertisements

Diskussionen

7 Gedanken zu “Howard Jacobson: Die Finkler-Frage

  1. Hallo! Vielen Dank für diese Rezension. Ich habe mir Howard Jacobsons“The Finkler-Question“ im August in England gekauft und mit größtem Interesse gelesen. Die beiden folgenden Zitate finde ich für deutsche nichtjüdische Leser (wie mich) besonders wichtig:

    – Libor knew that Finkler hated Jewishisms. Mauscheln, he called it, the hated secret language of the Jews, the Yiddishing that drove German Jews mad in the days when they thought the Germans would love them more for playing down their Jewishness.

    – „What do you say to St. Paul, itching with a Jewishness he couldn’t scratch away until he’d turned half the world against it?“
    „I say thank you, Paul, for widening the argument.“
    „You call that widening? Strait is the date, remember.“
    „That’s Jesus, not Paul.“
    „That’s Jesus as reported by Jews already systematically Paulised. He couldn’t take us on in the flesh so he extolled the spirit.“

    Auch ich wünsche dem Roman in Deutschland viel Erfolg. LG E.K.

    Verfasst von ekattwinkel | 7. November 2011, 00:12
  2. Hallo ekattwinkel, vielen Dank für deinen Kommentar und die aufschlussreichen Zitate. Du hast in deinem anderen Kommentar zu Lizzie Doron ein eigenes Blog erwähnt… Schreibst du Rezensionen? Magst du vielleicht den Link verraten? Da du dich ja offenbar auch mit dem einen oder anderen Buch zur jüdischen Identität befasst, würde ich gerne mal was von dir lesen. Und vielleicht hast du ja sogar Lust, hier auf diesem Gemeinschaftsblog was zu veröffentlichen; wir freuen uns über die Beiträge und Sichtweisen anderer.

    Verfasst von caterina | 11. November 2011, 20:37
    • Hallo Caterina,

      da ich einige Zeit im Krankenhaus war, leider erst jetzt eine Antwort. Also, ich blogge (sofern ich nicht verreist oder krank bin) täglich unter
      http://antijudaismusfrei.wordpress.com/

      Unter „zum Blog“ und „zur Person“ findest du etliche Informationen über mich und mein Anliegen. Gewiss, gelegentlich schreibe ich über Bücher jüdischer Autoren, ein Beispiel:
      http://antijudaismusfrei.wordpress.com/?s=The+Chosen

      Also, wenn du schon fragst, Lust zur Mitarbeit hätte ich schon. Ich halte meine Blogbeiträge sehr kurz, kann aber auch mehr schreiben.

      Schreibt mir – ich sehe, Ihr seid einnganzes Team – ob ihr an meiner Mitarbeit interessiert seid.
      Liebe Grüße
      Eleonore

      Verfasst von ekattwinkel | 30. November 2011, 19:28
      • Hallo Eleonore,
        es freut mich sehr, dass du generell an einer Mitarbeit interessiert bist. Ich habe gerade schon mal einen Blick auf dein Blog geworfen, dein Anliegen scheint mir gut zu unserem Projekt zu passen.
        Die Jüdischen Lebenswelten haben keine rein literarische Ausrichtung (auch wenn wir selbst häufig über Literatur schreiben, weil es einfach das ist, was wir gelernt haben und was wir lieben), das heißt konkret: Es müssen nicht immer Buchrezensionen sein, auch Artikel zu Politik, Geschichte, Religion, Kunst, Persönlichkeiten, Erinnerungsorte usw. veröffentlichen wir gerne, sofern sie sich irgendwie mit dem Thema jüdische Identität auseinandersetzen.
        Ich schaue mir jetzt noch mal genauer dein Blog an und werde auch die anderen von der Redaktion bitten, dasselbe zu tun, und dann melden wir uns nochmal bei dir via Mail.
        Lieben Gruß,
        caterina

        Verfasst von caterina | 30. November 2011, 20:37

Trackbacks/Pingbacks

  1. Pingback: Philip Roth: Nemesis « Jüdische Lebenswelten - 13. November 2011

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: