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.Literatur, Roman

Marina Lewycka: Das Leben kleben

Marina Lewycka ist eine britische Schriftstellerin, die 1946 in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren wurde, später aber dann nach mit der Familie nach Großbritannien zog. 2005 veröffentlichte sie ihren Erstling, die Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch, in dem sie die Kunst beherrschte, Tragisches und Skurriles zu einer sehr unterhaltsamen, aber nie oberflächlichen Geschichte über Flüchtlingsschicksale (und die Ukraine natürlich) zusammenzufügen.

Nun also Klebstoffe. Mit diesem Thema verdient sich Georgie Sinclair als Redakteurin ihr Geld, das sie jetzt, nachdem sich ihr Mann nach einem Streit um Kleinigkeiten aus dem Staub gemacht hat, auch nötig hat. Die nun frisch Alleinerziehende trifft eines Abends an der Mülltonne auf eine verschrobene alte Frau mit ihren Katzen, der Beginn ihrer Bekanntschaft mit Naomi Shapiro.

Die Bekanntschaft der beiden Frauen intensiviert sich derart, dass Mrs Shapiro Georgie im Krankenhaus als ihre nächste Verwandte angibt. Das Krankenhaus vermutet (nicht ganz zu Unrecht) auf Grund des Zustandes, den die alte Dame nach ihrer Einlieferung nach einem Sturz aufwies, dass diese am jenseitigen Rand der Verwahrlosung lebe. Wie Lewycka diese Zustände beschreibt, ist bei aller Tragik schon ziemlich witzig und drastisch, man kann die Zweifel des Krankenhauses durchaus nachvollziehen.

Das eingeschaltete Sozialamt will Mrs Shapiro aus ihrem alten, großen Haus in ein Altenheim umsiedeln. Zur gleichen Zeit tauchen Immobilienhaie auf, die das Haus schon mal unter die Lupe nehmen. Man ahnt Schlimmes, so wie Georgie, die von der alten Dame um Hilfe gebeten wird. Und Georgie hilft, auch wenn ihr im Zuge der Hilfe hie und da die Hormone durchgehen und sie ab und an zur teilzeit-schamlosen Frau mutiert. Jedenfalls gelingt es ihr, langsam die Geschichte, die hinter Mrs Shapiro und dem Haus steht, zu erfahren, eine Geschichte, die ein großes Geheimnis enthält.

Georgie gewinnt Verbündete im Kampf gegen das Sozialamt und die Immo-Haie: ein Schwadron skurriler, liebenswerter Gestalten: Chaim und Mr. Ali, dann noch die beiden Nichtsnutze, Mrs Baddiel und Nathan, ihren Chef bei der Redaktion. Und wie könnte dieser Truppe das, was sie vorhat, nämlich das Haus zu retten und Mrs Shapiro glücklich zu machen, misslingen?

Als wäre dieser Trubel für Georgie noch nicht genug, muss sie sich auch noch entscheiden, ob sie ihre Ehe kleben, sprich: retten soll, oder ob sie Rip, ihren Mann, endgültig zum Mond schießt. Dass ihr Sohn Ben auf einmal zum endzeitgläubigen Nerd wird, der in allem und jeden ein Zeichen des nahen Untergangs sieht, heitert sie auch nicht wirklich auf….

Soweit die turbulente Handlung. Was steht aber dahinter an „Moral“?

Die traurige Geschichte von Mrs Shapiro geht bis zur Verfolgung der Juden im Dritten Reich zurück, wobei es Lewycka nicht um den Holocaust an sich geht, sondern eher um die Zeit danach, nämlich die Gründung Israels 1948. Denn auch die Juden, die seinerzeit nach dem neuen Israel kamen, kamen nicht in eine leeres Land, auch wenn es sich für sie so darstellte. Die Frage: wer war vorher hier, wer hat hier gelebt bis letztes Jahr, wurde (und wird immer noch) verdrängt. Dabei ist die Antwort in fast jeder Nachrichtensendung zu finden: Palästinenser, so wie Mr. Ali, lebten dort, liebten dort, arbeiteten dort… Verjagt, ausgeraubt, auf der Flucht verhungert und verdurstet, so schildert Lewycka das Schicksal dieser Menschen um 1948 in der Geschichte, die sie Mr. Ali in den Mund legt. Als offizielle Zahl registrierte das UNO-Hilfswerk für Palästina bis Oktober 1948 bereits über 650.000 Flüchtlinge, Keim für Konflikte und Kriege, deren Lösung noch heute nicht absehbar sind…

Chaim und Mr. Ali, die jetzt zusammen in Mrs Shapiros Haus werkeln, raufen sich buchstäblich zusammen. Es ist ein hoffnungsvolles Bild, das Lewycka hier malt: das alte, verfallene Haus, das von beiden gemeinsam aufgebaut wird, die beiden, die nach dem Raufen begonnen haben, miteinander zu streiten, zu reden, dann auch sich zu verstehen, den Standpunkt des anderen zu akzeptieren und letztlich: mit dem anderen zusammen in einem Haus/Land zu leben. Natürlich schießen sie noch verbale Pfeile aufeinander ab („Ihr Araber wählt euch immer die schlechtesten Anführer“ – „Was sollen wir machen, die guten werden von euch Juden ja immer ins Gefängnis geworfen!“), aber es eskaliert nicht mehr. Beide haben sich unter dem gemeinsamen Dach eingerichtet.

Dass Lewycka die Kunst beherrscht, schwierige und tragische Themen in eine unterhaltsame, aber nicht oberflächliche Geschichte zu packen, beweist sie auch mit diesem Buch.

Als erster weiterführender Link zum Buchthema ist vielleicht dieser Aufsatz der bpb über die Gründungsgeschichte Israels ein Einstieg.

Die Besprechung ist eine bearbeitete Version der zuerst bei aus.gelesen veröffentlichten Buchvorstellung.

Marina Lewycka
Das Leben kleben
dtv 2010, Tb, 460 Seiten

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Marina Lewycka: Das Leben kleben

  1. Hallo lieber flattersatz,
    dass sich Frau Lewycka schwierigen historisch-politischen Fragestellungen stellt, indem sie auf heitere Weise individuelle Lebensgeschichten erzählt, ist eine völlig legitime, spannende, oft anregende Vorgehensweise. Unter diesem Gesichtspunkt ist ihr Werk sicherlich interessant.
    Allerdings habe ich die Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch gelesen und fand sie – unabhängig von jeder ‚moralischen‘ Aussage – einfach nur ärgerlich: flach gezeichnete Figuren voller Stereotypen und eine unfassbar triviale Handlung, die alles andere als witzig ist. Die Bezugnahme auf historische Begebenheiten schien mir wie ein kläglicher Versuch, dem Text eine Daseinberechtigung zu geben – vergebens, denn in Zusammenhang mit der dünnen Geschichte wurden selbst diese Passagen unglaubwürdig. Insgesamt eine große Enttäuschung, nachdem das Buch von der Presse so hochgelobt wurde.
    Interessant, dass du mit Das Leben kleben eine völlig andere Erfahrung gemacht hast.

    Verfasst von caterina | 16. Oktober 2011, 12:23

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