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.Literatur, Roman

Julya Rabinowich: Spaltkopf

Ein Riss quer mitten durch Körper und Seele

Um mein Gesicht nicht ständig zu verlieren, blicke ich in meinen Taschenspiegel. Manchmal bis zu dreißig Mal am Tag. Überall und immer blicke ich in den Spiegel. Und immer verfolgt mich das Gefühl, dahinter noch ein Augenpaar zu erkennen, das seinen Blick in ruhiger Konzentration auf mich gerichtet hat.
… Ich blicke in den Spiegel in den Pupillen meiner Liebhaber, ich blicke in die Zeitungen, ich suche mich in den Werken in Kunstmuseen, in den Fotos meiner Verwandten, im Spiegel der Glasfläche der Bar. Wie schade, dass ich dabei weder den Liebhaber noch die Kunstwerke, die Verwandtschaft oder die Bar wahrnehme, obwohl ich mich nicht in ihnen finde.

Julya Rabinowichs Debütroman Spaltkopf, zuerst 2008 bei edition exil erschienen und nun vom Wiener Verlag Deuticke neu herausgegeben, erzählt die Geschichte von Mischka, Tochter russisch-jüdischer Künstlereltern aus Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, die ihrem Staat gegenüber nicht die nötige Ehrerbietung und Treue erbringen können. Dass sie «vom Zweifel angekränkelt» sind, davon weiß und begreift ihre Tochter Mischka nichts, als sie mit sieben ein Flugzeug besteigt und glaubt, mit der Familie den Urlaub in Litauen zu verbringen. Doch nicht in Litauen landen sie, sondern in Wien: ihrem neuen Zuhause.

Das Mädchen, das mit russischen Märchen und Mythen aufgewachsen ist, sieht sich nun mit der Konsumgesellschaft der westlichen Welt konfrontiert, aber es bedarf nicht viel – einer Barbie-Puppe –, um es von den Verheißungen der neuen Heimat zu überzeugen. Das Mädchen fügt sich schnell ein in das Lebensmuster, das ihm die Wiener Jugend vorlebt. Mischka verlässt das Kindesalter, entdeckt sich selbst, ihren Körper, ihre Möglichkeiten, rebelliert gegen Traditionen und Denkweisen, jene ihrer engstirnigen russischen Heimat, aber letztlich auch gegen jene der neuen Heimat, sucht sich einen eigenen Platz im Leben – jenseits der Grenze, die zwischen Ost und West verläuft. Ein Platz, der nicht einfach zu finden ist, Mischka schwankt hin und her, kann das Alte nicht vollkommen zurücklassen und das Neue nicht uneingeschränkt in sich aufnehmen, ist wie entzweigerissen, nirgendwo richtig zugehörig.

In ihrem Kopf spukt der Spaltkopf, eine Gruselgestalt, die ihr in den Geschichten ihrer russischen Kindheit begegnete. Nur dass der Spaltkopf lebendig ist und bleibt, auch als Mischka ihre Heimat längst verlassen hat und neue Mythen sie umgeben. Der Spaltkopf ist nicht einfach eine Geschichte, er lebt in ihr, begleitet sie auf ihrem holprigen, von Entwurzelung und Unsicherheiten geprägten Lebensweg. Mischka hat als Kind, als Jugendliche und auch noch als junge Erwachsene – als sie heiratet, ohne zu lieben, und eine Tochter bekommt – einen «Riss quer mittendurch». Unfähig, mit dieser inneren Zerrissenheit umzugehen, führt sie ein wildes Leben, pfeift auf Konventionen, verbraucht sich selbst. «Wenn ich die Wahl zwischen zwei Stühlen habe, nehme ich das Nagelbrett.»

Rabinowichs Sprache ist reich an Bildern und Pointen, ja gar übersättigt: Nahezu jeder Satz erstaunt, bewegt zum Lachen oder verstört. Dieser Umgang mit der Sprache hat etwas Extremes, ist erfrischend kreativ, über zweihundert Seiten aber auch erschöpfend, weil zu gehetzt, zu gezwungen. Ein wenig Ruhe hätte der Erzählung gut getan, eine Atempause, in der Autorin, Erzählerin und Leser gleichermaßen innehalten können; stattdessen folgen die Effekte Schlag auf Schlag. Und so wie die Sprache sind auch die Figuren extrem in ihrem Handeln und Denken, allen voran die Ich-Erzählerin, die widersprüchliche Entscheidungen trifft und in einer noch widersprüchlicheren Gefühlswelt lebt, die mal schauderlich kalt, mal aufbrausend und leidenschaftlich ist. Aber genau hierin besteht der Sinn – ja, der Reiz – von Spaltkopf, das Zwiespältige der eigenen Gedanken und Gefühle, das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Welten, zwei Lebensweisen, zwei Gedächtnissen.

Immer wieder schieben sich Passagen in Kursiv zwischen die Kapitel. Es sind rätselhafte Passagen, deren Sinn sich nicht sofort erschließt. Sie sind kryptisch und etwas bemüht poetisch. Doch die Auflösung ist umso überzeugender, denn wer in diesen Einschüben spricht, ist der Spaltkopf selbst: Es ist seine Stimme, die uns erzählt, dass Mischka nicht die erste ist, deren Inneres gespalten ist, ihrer Mutter ging es nicht anders, doch angefangen hat es bei der Großmutter, deren tragische Geschichte erst zum Ende hin Gewicht erhält. Während Mischka vor allem den Ost-West-Kontrast in sich trägt, muss sich die Großmutter mit ihrer jüdischen Herkunft auseinandersetzen, die ihr als junge Frau zum Verhängnis wird. Mischka wächst ohne ein jüdisches Bewusstsein auf, als Kind fragt sie sich, was das Jüdischsein überhaupt ausmacht. Wie bei allem, was die großen Fragen des Lebens betrifft, tappt sie im Dunkeln, die Erwachsenen erklären ihr nichts, lassen sie mit ihrem Unverständnis, mit den vielen Rätseln, die ihre Existenz umhüllen, allein zurück. «Jeder kämpf für sich und im Stillen.»

Über drei Generationen von Frauen wird die Frage nach der Identität verhandelt, die zu definieren alles andere als einfach ist, vor allem wenn man sich an der Schnittstelle scheinbar unvereinbarer Kulturen, Ideologien und Religionen, gegenläufiger Traditionen und Werte befindet. Julya Rabinowich nähert sich diesem komplexen Thema nicht behutsam an, sondern gewissermaßen mit dem Vorschlaghammer: schonungslos, zerstörerisch, schmerzvoll. Sie legt eine zerrissene, kaputte Seele frei, zerschmettert mit unerbittlichen Worten auch die letzte schützende Hülle und setzt ihr Innerstes den gierigen Blicken der Umstehenden aus. Die Geschichte von Mischka schwankt zwischen Zynismus und Melancholie, Ekel und Entzücken; hart und sanft zugleich erzählt sie von der Entdeckung der Welt und der Entdeckung des Selbst.

Julya Rabinowich
Spaltkopf
Deuticke, 2011, 203 S.

Die Rezension ist zeitgleich bei caterina|seneva erschienen.
Nachtrag: Eine aufschlussreiche Besprechung
gibt es auch bei Syn-ästhetisch.

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Über caterina

www.schoeneseiten.net

Diskussionen

3 Gedanken zu “Julya Rabinowich: Spaltkopf

  1. Mich hat schon der Titel des Buches und das stimmungsvolle Cover zum Buch greifen lassen. Noch ist es eingeschweißt und wartet auf meine Augen und Hände, deine Besprechung aber hat mich nochmal in meiner Wahl bestätigt und die Vorfreude – die ja bekanntlich die schönste ist – steigen lassen 😀

    Verfasst von synaesthetisch | 4. Oktober 2011, 21:01
  2. Das Cover finde ich auch sehr gelungen, gerade der stahlblau verwaschene Hintergrund hat es mir angetan, ähnelt den Farben meiner Kleidung 🙂
    Ich habe übrigens auch ihre Herznovelle gelesen (groooßartiges Cover: http://files.hanser.de/zsolnay/pics/978-3-552-06158-3_2112719-65.jpg), die Story finde ich hier allerdings etwas zu abgefahren und eigen, ich blieb nach der Lektüre etwas perplex zurück, mehr noch als beim Spaltkopf – und schon der hat das Talent, dem Leser vor den Kopf zu stoßen. Es ist auf jeden Fall eine Leseerfahrung, die gegen den Einheitsbrei geht.

    Verfasst von caterina | 4. Oktober 2011, 21:19

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