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.Literatur, Roman

Amanda Sthers: Schweine züchten in Nazareth

Kann man vor seinen Gefühlen fliehen? Ist es eine Alternative, Schweine in Israel zu züchten, statt sein Leben als erfolgreicher Kardiologe in Paris zu verbringen? Dürfen Ehefrauen keine Nervensägen sein und müssen Kinder immer so werden, wie es die Eltern wollen? So viele Fragen, doch dazu gibt es nur eine Antwort : Lesen Sie Schweine züchten in Nazareth von Amanda Sthers!

Amanda Sthers, ihr richtiger Name ist Amanda Queféllec-Maruani, wurde am 18. April 1978 in Paris geboren. Ihre Mutter stammt aus der Bretagne, ist Anwältin und katholisch. Sie tritt extra zum jüdischen Glauben über, um den Vater von Amanda Sthers, einen jüdisch-tunesischen Psychiater, heiraten zu können. Amanda Sthers selbst hat zwei Kinder von ihrem ersten Mann, dem Sänger Patrick Bruel, und lebt inzwischen in einer neuen Partnerschaft mit dem Sänger Sinclair, mit dem sie auch gemeinsame berufliche Projekte verfolgt. Amanda Sthers schreibt Chansons, Romane und Theaterstücke, wie zum Beispiel Le Vieux Juif blonde, durch das sie 2006 richtig berühmt wurde. Der aktuell nun in deutscher Übersetzung veröffentlichte Roman Schweine züchten in Nazareth erschien bereits in Frankreich 2010 unter dem Titel Les Terres saintes.

Selbst wenn man kein Schweinefleisch isst, da es den Cholesterinspiegel ungünstig beeinflussen würde und man sich gleichzeitig in einem Land befindet, das mit dem Schwein aus rein religiösen Gründen so seine Probleme hat, kann eine Schweinezucht trotzdem die perfekte Methode sein, um ein ganz neues Leben zu beginnen und somit den familiären Problemen zu entfliehen.

Und genau zu diesem Schritt entscheidet sich Harry Rosenmerck, einer der Protagonisten dieses sehr exzentrischen Romans. Er ist Kardiologe, geschieden und hat zwei erwachsene Kinder. Harry beschließt, trotz der vehementen Kritik von Rabbi Moshe Cattan, Schweine in Nazareth zu züchten. Harry beachtet sämtliche Vorschriften und  Bedingungen: Die Schweine dürfen den Boden des heiligen Landes auf keinen Fall berühren und werden deshalb in Ställen mit einer sogenannten Pfahlkonstruktion gehalten. Harrys Schweine werden zu Speck verarbeitet, welchen er dann an ein Restaurant in Tel Aviv liefert. Laut Harrys Recherchen könnte man sie aber auch zur Terrorismusbekämpfung einsetzen, wobei man Schweineblut abgefüllt in die städtischen Busse hängt, so dass die Terroristen bei einem Anschlag mit diesem Blut beschmutzt werden und dadurch unrein sind und von jeglicher Aufnahme ins Paradies nur noch träumen können. Doch Rabbi Moshe ist in jeglicher Hinsicht schockiert. Es entwickelt sich zwischen diesen beiden Herren ein sowohl politischer als auch emotionaler Schlagabtausch in Form eines Briefwechsels:

«Lieber Herr Rosenmerck,

ich sehe, dass ich Sie mit meiner Bitte, sich zu waschen, gekränkt habe. Erlauben Sie mir bitte, mich dafür zu entschuldigen. Ich will Sie nicht deshalb in die Jeschiwa einladen, um Ihnen Ihre Tefillin anzulegen. Unsere Religion, wie Sie sehr wohl wissen, zeichnet sich nicht durch Bekehrungseifer aus, vor allem nicht gegenüber Menschen, die bereits Juden sind. (Sind Sie es tatsächlich, wenn Sie nicht beschnitten sind? Mit dieser Frage muss ich mich noch auseinandersetzen.)

Besuchen Sie mich, Herr Rosenmerck. Ich kann nicht zu Ihnen kommen. Es ist mir nicht gestattet, mit der Schweinerasse in Kontakt zu treten.

Mit freundlichen Grüssen, Moshe Cattan, Rabbi von Nazareth»

Aber nicht nur Harry und Rabbi Moshe führen einen kuriosen und lebhaften Briefwechsel, auch die anderen Mitglieder der Familie Rosenmerck tauschen sich in dieser Form aus, oder treffender formuliert: Sie beschimpfen und kränken sich gegenseitig mit Briefen und Mails.

Harry ist nämlich seit dem Outing seines Sohnes David verstummt.  Er redet nicht mehr mit ihm bzw. antwortet nie, obwohl David unermüdlich Briefe an seinen Vater schreibt, in denen er um dessen Liebe und Aufmerksamkeit bettelt, die durch seine Liebesbeziehung mit einem Mann vollkommen abhanden gekommen sind. David ist ein in Paris gefeierter Theaterautor und widmet seinem Vater extra ein Theaterstück mit dem Titel Schweine züchten in Nazareth.

Annabelle ist Harrys Tochter. Sie lebt in New York und ist ständig in viel zu alte Männer verliebt, die sich nie für sie von ihrer Frau trennen würden. Sie durchlebt einen dauerhaften bzw. immer wiederkehrenden Liebeskummer und macht deshalb seit Jahren eine Therapie. Doch durch einen Besuch bei ihrem Vater in Israel entdeckt sie ganz neue Seiten an sich.

Und dann gibt es noch Monique Duchêne, die Ex-Frau von Harry Rosenmerck, die ständig an Annabelle herummäkelt und endlich hofft, dass sie einen Mann bekommt, den sie verdient. Monique sieht eigentlich nur die Intelligenz ihrer Tochter und interessiert sich nicht wirklich dafür, was in ihrem Herzen vorgeht. Sie ist keine Mutter, die trösten kann, denn dazu ist sie selbst viel zu neurotisch. Doch auch sie schreibt ihrem Ex-Mann immer wieder Briefe, weil sie ihn wahrscheinlich doch noch ein wenig liebt, weil er der Vater ihrer Kinder ist und weil sie plötzlich sehr krank wird…

Schweine züchten in Nazareth ist eine höchst vergnügliche, aber gleichzeitig auch melancholische Geschichte um eine irgendwie verrückte und trotzdem nicht ganz unrealistische Familie. Der Roman hat sehr viele autobiographische Züge, denn wie Amanda Sthers Mutter tritt auch Monique für Harry extra zum jüdischen Glauben über. Amanda Sthers gelingt es mit ihrer Briefroman-Technik ein Feuerwerk an guten und schlechten Gefühlen so raffiniert und authentisch zu präsentieren, als wäre sie der Regisseur eines Films oder Theaterstücks. Alle Protagonisten beschimpfen sich, streiten sich, lieben sich und versuchen sich zu versöhnen. Den Rahmen für diese skurrile und teilweise extrem komische Geschichte bildet die trotz aller Probleme entstehende und reifende Freundschaft zwischen dem Rabbi Moshe und Harry. Denn auch hier geht es um Versöhnung und Anerkennung.

Amanda Sthers hat ein fantastisches Gespür für die Psyche der Menschen. Sie kann glänzend mit der Sprache umgehen, spielt mit Ironie und lakonischen Redewendungen und verleiht dadurch ihren Briefen eine bewusst gesteuerte Direktheit, die diesen Roman so unglaublich lebendig und trotz aller Tragik unterhaltsam macht. Amanda Sthers gibt uns aber auch gesellschaftskritische und politische Einblicke in das Land Israel und öffnet mit ihrem wunderbaren Humor neue Türen bezüglich Freundschaft und Aussöhnung.

Schweine züchten in Nazareth ist eine äußerst geistreiche und bewegende Liebesgeschichte, bei der man sich wünscht, dass sie nie enden würde! Ein Roman, der berührt, aufklärt, Glück verbreitet, lautes Lachen auslöst und zum Nachdenken anregt. Kurzum: ein wunderbares Buch von einer sehr begabten Autorin!

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