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Manès Sperber: Die Wasserträger Gottes

Manès Sperber entstammt dem osteuropäischen, chassidischen Judentum. 1905 in Galizien, in Zabłotów, geboren, legt er in der Trilogie All das Vergangene… seine autobiographischen Erinnerungen vor, deren erste 13 Jahre das Bändchen Die Wasserträger Gottes [6] umfasst.

Er wird im „Städtel“ [2] groß, hier sind die Juden eine „… gefestigte autonome Gemeinschaft mit einer eigenartigen Kultur – dies inmitten von Armut und Hässlichkeit, und eingekreist von Feinden des jüdischen Glaubens...“. Er selbst ist Kind einer relativ wohlhabenden Familie, um ihn herum aber herrscht Armut, jedoch nicht Armseligkeit, so betont er. Das tägliche Leben ist bestimmt von den Regeln des Glaubens, von der gegenseitigen Hilfe der Menschen. Von jemandem, der verhungert ist, so eine Geschichte, die im Städtel erzählt wird, sagt der Rabbi, der davon erfährt, dass dieser Mensch nicht gestorben sei, weil er nichts zu essen hatte, sondern weil er zu stolz war, um Brot zu bitten, das jederzeit mit ihm geteilt worden wäre… Es herrscht die Hoffnung auf die allzeit mögliche Ankunft des Messias [3] und der Glaube daran, dass die Härte des Lebens eine Prüfung Gottes für sein Volk ist und dass es, so schlimm wie es ist, kaum noch schlimmer kommen kann, sondern es – im Gegenteil – jetzt nur noch besser werden kann.

Das Studium der Schrift ist wichtig, schon mit drei Jahren fängt der Junge an zu lernen, wird unterrichtet, lernt auswendig und fängt an, die Lieder mitzusingen. Überhaupt die Gesänge, die alten Weisen, die das ganze Leben begleiten, immerzu werden sie angestimmt, unbewusst teilweise, es scheint mir fast ein kontemplativer Akt des inneren Monologs mit der Gottheit zu sein. Manès ist ein kluges, aufgewecktes Kind und der Vater, den er innig liebt, fordert ihn, traut ihm viel zu. So wird der Junge in einer steten Atmosphäre der Anspannung groß, die in ihm ein Gefühl der Minderwertigkeit, der Entwertung hervorruft  – verstärkt durch die Überzeugung der eigenen (körperlichen) Hässlichkeit. Gelobt wird selten in der Familie, was nichts mit fehlender Liebe zu tun hat, sondern mit der Angst, durch Lob und Anerkennung im Kind ein Eingebildetsein hervorzurufen. Der Junge erkennt dies: „Ihr wollt, daß ich so klug sein soll, daß alle anderen es merken, aber so blöde bleibe, als einziger nicht zu wissen, daß ich gescheit bin„.

1914 beginnt der erste Weltkrieg. Galizien ist nahe an der Front, so bleibt auch Zabłotów von den Kämpfen nicht verschont. Natürlich glaubt man nicht, dass der Krieg lange dauert, schnell wird Russland, wird der Zar besiegt sein. Doch es kommt anders, die Familie muss mit den anderen Einwohnern das Städtel verlassen, sie finden Unterschlupf in einer Siedlung abseits aller Wege, kommen zurück und müssen letztlich endgültig fliehen. 1916 treffen sie in Wien ein. Hier ist die einst (relativ) wohlhabende Familie Flüchtling wie viele andere auch, sie verarmen, nein, verelenden sogar. Der Vater hat Probleme, eine Arbeit zu finden, denn am Samstag (Sabbath), damals noch Werktag, verbietet ihm sein Glaube zu arbeiten…

Auch die Kindheit von Manès Sperber ist beendet. Zwar berauscht er sich für einige Zeit an Wien, dem Traumziel seiner Kindheit, dessen Pracht und Macht, jedoch holt ihn das Leben schnell ein. Er muss in eine normale Schule gehen, ist aber von seiner bisherigen Ausbildung den Mitschüler weit voraus, er muss eigenes Geld verdienen und er erlebt die politischen Entwicklungen zumindest am Rande mit. 1917 ist in Russland die Revolution ausgebrochen und der Zar gestürzt worden. Viel Hoffnung wird in dieses Ereignis investiert, auch in Wien gibt es revolutionäre Umtriebe, von denen der Junge (er ist ja kaum 12 oder 13 Jahre alt) am Rande gestreift wird.

Bedeutend ist sein Kontakt mit der Jugendorganisation HaSchomer HaTzair [4]. Ihm, dem schon in frühen Jahren Glaubenszweifel gekommen sind, bietet sich hier eine Möglichkeit, dem Galuth-Judentum zu entkommen, auch wenn „… das Militärische … [ihm]… zwider … [war], aber wie alle anderen begriff [er], daß es darum ging, uns dem Galuth-Judentum zu entreißen. Wir wollten nicht mehr, nie mehr als Schicksal akzeptieren, von den Feinden nicht nur gehaßt, sondern auch verachtet zu werden, wir sollten uns niemals mehr beugen, sondern dem Feind mit hochgerecktem Rücken begegnen.“ Diese Einstellung der jungen Leute entfremdete sie langsam aber sicher von den Älteren, den Eltern…

Sperbers autobiographische Erinnerungen sind sehr dicht, sehr intensiv. Kaum ein Abschnitt, über den nachzudenken sich nicht lohnt. Er geht sehr analytisch vor, hinterfragt sehr viel. So thematisiert er nicht nur, an was er sich erinnert, sondern häufig auch, warum gerade dieses oder jenes in seinem Gedächtnis haften geblieben ist, während anderes verloren gegangen sein muss. Welchen Einfluss hat die Erziehung seiner Eltern auf ihn gehabt, warum teilt er nicht alle seine Gedanken und Gefühle mit ihnen, obwohl er doch ein liebevolles Elternhaus hat. Das sind durchaus Fragen, in denen man sich selbst wieder erkennen und aus deren Analyse man auch für sich selbst Einsichten schöpfen kann. Genauso interessant sind die Ausführungen zu den Lebensumständen in Wien, sowohl hinsichtlich der politischen als auch der wirtschaftlichen Aspekte gegen Ende des Ersten Weltkrieges.

Im ersten Teil dieses auf drei Kapitel aufgeteilten Bändchens Die Wasserträger Gottes [5] konzentriert sich Sperber auf das jüdische Leben im Städtel, die Prinzipien, auf denen es aufgebaut war, aber auch seine alltägliche Praxis. Joscher z.B., die Gerechtigkeit, ist so ein fundamentales Prinzip, die Gleichheit der Menschen vor Gott, das besonders die Reichen und Mächtigen oft beugen und so den Armen und Hilflosen Unrecht tun. Es ist eine Fülle auch sehr detaillierter und fundierter Informationen aus einer nicht mehr existenten, untergegangenen, vernichteten Kulturform des Judentums.

Der zweite Teil des Buches behandelt die ersten Kriegsjahre mit der zeitweiligen Flucht aus dem Kampfgebiet bis zur endgültigen Flucht nach Wien. Das Leben dort ist Inhalt des dritten Kapitels der Wasserträger…

Facit: ein sehr dichtes Buch voller kluger Gedanken, das geradezu mikroskopisch genaue Einblicke in das galizische Judentum eines Städtels Anfang des 20. Jahrhunderts gibt und mit den Umbrüchen und Wirren am Ende des Ersten Weltkriegs endet.

Anmerkungen und Links:

[1] Wiki-Artikel zu Manès Sperber.
[2] Hier sind verschiedene Schreibweisen möglich, vgl. den entsprechenden Wiki-Artikel.
[3] Sperber schildert Episoden, in denen Bewohner des Städtels auf den nahen Hügel rennen, um ins Land zu schauen und die Ankunft des Messias nicht zu verpassen, könnte er doch gerade in dieser Stunde erscheinen…
[4] Wiki-Artikel zu HaSchomer HaTzair bzw. Schomer, wie sie im Buch bezeichnet wird.
[5] Dem Knaben schien, dass die Wasserträger, die den ganzen Tag lang mit ihren Wassereimer herumliefen, um den Menschen Wasser zu bringen, doch viel verdienen müssten… doch man sagte ihm, das sei eine so einfache und primitive Tätigkeit, dass jeder sie ausüben könne und man daher für geringen Lohn das Wasser trage. Für Sperber sind also die Juden die Wasserträger Gottes, den ganzen Tag, das ganze Leben nur darauf ausgerichtet, ihm zu dienen, doch welchen Lohn…?
[6] Hier kann man Sperber für ein paar Minuten bei einer Autorenlesung hören.

Manès Sperber
Die Wasserträger Gottes
All das Vergangene…
Erstveröffentlichung 1974

Diese Buchvorstellung ist eine überarbeitete Version der zuerst bei aus.gelesen hochgeladenen Rezension.

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