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.Literatur, Roman

Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich …

„Geschichten werden nicht erfunden, sie werden vererbt.“ Der alte Mann sprach mit leiser, aber fester Stimme. „Es ist gefährlich, Geschichten zu erfinden. Wenn sie gut sind, werden sie am Ende Wirklichkeit und nach einer Weile werden sie überliefert, und dann ist es egal, ob sie erfunden wurden, denn es wird immer jemanden geben, der sie erlebt hat.“

So spricht der ehemalige Bandoneon-Spieler Samuel Warschauer, der kurz darauf in einem Altenheim in Buenos Aires stirbt. Der junge Mann, ein angehender Journalist, aus dessen Perspektive der Roman erzählt ist, hat keine Gelegenheit mehr, Warschauer eingehender nach der Geschichte des jiddischen Theaters zu fragen. Doch er muss weiter recherchieren, schließlich hat er sich das jiddische Theater als Thema für seine Abschlussarbeit gewählt. Also macht er sich mit Hilfe der Hinterlassenschaft Warschauers, einem Schuhkarton voller alter Theaterprogramme, selbst auf die Suche.

„Wie kann ein junger Mann, der nicht einmal Jude ist, sich für diese Dinge interessieren… Das jiddische Theater ist tot, nicht einmal die Juden interessieren sich noch dafür.“ Mein Professor an der Journalistenschule redete auf mich ein, ich solle mir ein weniger exotisches Thema für meine Abschlussarbeit suchen. Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Ich würde nicht anführen, dass ich zwar unbestreitbar einen italienischen Nachnamen hatte, meine Mutter aber Finkelstein hieß […]

Und obwohl der junge Mann jenen Satz, dass das jiddische Theater tot sei, noch öfter hören wird, hält ihn das nicht von seinen Recherchen ab. Ein Stück namens Der moldawische Zuhälter führt ihn auf die Spur mehrerer wahrer Geschichten. Zuhälter und Prostituierte, Tango und Exil, Armut und Sehnsucht sind ihre Protagonisten. Der junge Mann erfährt Geschichten, die wahr sind, und solche, die wahr sein sollten und am Ende, wie Warschauer gesagt hat, Wirklichkeit werden.

Eine faszinierende Spurensuche jüdischen Lebens in Buenos Aires und sehr empfehlenswert!

Edgardo Cozarinsky
Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich …

Verlag Klaus Wagenbach, 2007, 124 S.

Erstveröffentlichung der Rezension im „Virtuellen Literarischen Salon“, dem Newsletter von philea’s Blog.

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Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig http://phileablog.wordpress.com/

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