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Lena Gorelik: Lieber Mischa: … Du bist ein Jude.

Die Juden nehmen sich bekanntlich selbst gerne auf die Schippe, das zeigt Lena Gorelik in ihrem Werk mit dem unendlich langen Titel. Habt ihr was zu Schreiben? Nein, dann solltet ihr euch lieber jetzt Stift und Papier holen und notiert euch bitte: Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.

Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein langer Brief, den die junge Autorin an ihren Sohn Mischa schreibt. Auf den vielen Seiten erzählt sie ihm auf sehr menschliche, lebensfrohe Weise alles über das Judentum und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Die einzelnen Kapitel teilen sich in verschiedenste Themen auf, die die Juden von allen Seiten beleuchten. Weil sie die Angewohnheit haben, stets zu kommentieren, tauchen auf jeder Seite links oder rechts Anmerkungen der Autorin auf, die ich automatisch lese und die das ohnehin vorhandene Lächeln untermalen. Ich schmunzele häufig, eigentlich ständig. Hab ich das schon erwähnt?

Gleich zu Beginn setzt uns Lena Gorelik die Top Ten der antisemitischen Vorurteile vor die Linse und schreibt, warum sie wahr sind. Zum Beispiel die Hakennase. Die Autorin selbst gibt freimütig zu:

„Grundsätzlich gilt: Alles , worüber Juden Witze machen, trifft zu. Meine Nase sieht eindeutig sonderbar aus.“

Oder Punkt 7:

„Juden sind verschlagen, hinterlistig und gerissen: Gerissen schon. Hinterlistig nicht. Gerissen mussten die Juden sein, um zu überleben.“

Das sitzt erst einmal. Schlagartig habe ich das schwere Schicksal der Juden vor Augen, schaue in den Himmel und muss mich erst mal sammeln. Dann geht es gleich weiter mit einem kurzen typischen Dialog, den ich nicht unter den Tisch fallen lassen möchte:

„Ich hätte gern das Fischbrötchen!“ bestellt ein Jude. „Das ist aber Schinken, nicht Fisch!“, antwortet der Verkäufer. „Habe ich Sie gefragt, wie der Fisch heißt?“

Voilà, plötzlich gesellt er sich zu uns, der jüdische Humor. Lena Gorelik reflektiert ihr Volk so authentisch und klärt Nichtwissende wie mich sehr unterhaltsam auf. Ich weiß jetzt einiges über das Judentum, so dass ich noch mehr wissen möchte. Ab sofort sage ich nicht mehr Sabbat, wie es im Duden steht, sondern Schabbat, „der Duden ist kein Jude“, heißt es da in einem Kommentar. Die Autorin rechnet aber auch ordentlich mit den Konvertiten und Philosemiten ab. Vor allem die Konvertiten kann Lena Gorelik gar nicht leiden. Für diesen Gedanken schämt sich die Autorin schon ein bisschen. Laut ihrer Aussage könnten Konvertiten zwar alles über die Religion lernen, doch den fest verankerten jüdischen Humor hat man oder man hat ihn nicht.

„Man kann die Gabe besitzen, ihn zu lieben und zu besitzen – aber wer die hat, tritt natürlich nicht zum Judentum über.“

Es schlottern mir manchmal schon die Knie, wenn ich die junge Mutter plappern höre, weil sie tatsächlich alles ausspricht, was sie denkt. Nein, sie ist nicht frech, einfach nur sehr ehrlich. Der kleine Mischa darf sich über so eine Mama wirklich freuen. Obwohl sie ihm die jüdische Welt ganz nah heranholt, betont sie immer wieder, dass ihr vor allem sein Glück wichtig ist. Ob er nun später eine jüdische oder eine nichtjüdische Freundin haben wird, stellt sie ihm frei wie so vieles. Lena Gorelik ist eine Jüdin mit einem weltoffenen Herzen in der Brust, der man gerne zuhört.

Das Buch macht glücklich. Es ist eine liebevolle Hommage an eine Religion, die sehr menschlich und alles andere als missionarisch ist. Und sie ist eine exzellente Einführung in das Judentum, die unwahrscheinlich bereichert, vor allem durch die Weisheit, die sich durch die 192 Seiten zieht. Und was hat das nun mit Woody Allen zu tun? Ganz einfach: Weil hier in gebündelter Form so viel jüdischer Witz drin steckt, dass ich vor Lachen gehüpft bin und ich immer wieder an den Regisseur denken musste. Es ist der spezielle Humor, wie wir ihn von den Juden kennen, ironisch, klug und weise.

Lena Gorelik
Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.
März 2011, 192 Seiten, 18,- €.
Graf Verlag.

Die Erstveröffentlichung der Besprechung erfolgte bei klappentexterin.

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