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Ereignisse, Hintergründe

„… die Versuchspersonen brüllen, wenn sie sehr frieren…“

Dr. S. Rascher München, den 17. Februar 1945
SS-Hauptsturmführer

An den Reichsführer SS
und Chef der Deutschen Polizei
Herrn Heinrich Himmler
Berlin SW 11
Prinz-Albrecht-Str. 8

Hochverehrter Reichsführer!

In der Anlage überreiche ich, in kurze Form gebracht, eine Zusammenstellung der Resultate, welche bei den Erwärmungsversuchen an ausgekühlten Menschen durch animalische Wärme gewonnen wurden.

Zur Zeit arbeite ich daran, durch Menschenversuche nachzuweisen, daß Menschen, welche durch trockene Kälte ausgekühlt wurden, ebenso schnell wieder erwärmt werden können als solche, welche durch Verweilen im kalten Wasser auskühlten. Der Reichsarzt-SS, SS-Gruppenführer Dr. Grawitz, bezweifelte diese Möglichkeit allerdings stärkstens und meinte, daß ich dies erst durch 100 Versuche beweisen müsse. Bis jetzt habe ich etwa 30 Menschen unbekleidet im Freien innerhalb von 9-14 Stunden auf 27°-29° abgekühlt. Nach einer Zeit, welche einem Transport von einer Stunde entsprach, habe ich die Versuchspersonen in ein heißes Vollbad gelegt. Bis jetzt war in jedem Fall, trotz teilweise weißgefrorener Hände und Füße, der Patient innerhalb längstens einer Stunde wieder völlig aufgewärmt. Bei einigem Versuchspersonen trat am Tag nach dem Versuch eine geringe Mattigkeit mit leichtem Temperaturanstieg auf. Tödlichen Ausgang dieser außerordentlich schnellen Erwärmung konnte ich noch nicht beobachten. Die von Ihnen, hochverehrter Reichsführer, befohlene Aufwärmung durch Sauna konnte ich noch nicht durchführen, da im Dezember und Januar für Versuche im Freien zu warmes Wetter war und jetzt Lagersperre wegen Typhus ist und ich daher die Versuchspersonen nicht in die SS-Sauna bringen darf. Ich habe mich mehrmals impfen lassen und führe die Versuche im Lager, trotz Typhus im Lager, selber weiter durch. Am einfachsten wäre es, wenn ich, bald zur Waffen-SS überstellt, mit Neff nach Auschwitz fahren würde und dort die Frage der Wiedererwärmung an Land Erfrorener schnell in einem großen Reihenversuch klären würde. Auschwitz ist für einen derartigen Reihenversuch in jeder Beziehung besser geeignet als Dachau, da es dort kälter ist und durch die Größe des Geländes im Lager selbst weniger Aufsehen erregt wird (die Versuchspersonen brüllen, wenn sie sehr frieren).

Wenn es, hochverehrter Reichsführer, in Ihrem Sinne ist, diese für das Landheer wichtigen Versuche in Auschwitz (oder Lubin oder sonst einem Lager im Osten) beschleunigt durchzuführen, so bitte ich gehorsamst, mir bald einen entsprechenden Befehl zu geben, damit die letzte Winterkälte noch genützt werden kann.

Mit gehorsamen Grüßen
bin ich in aufrichtiger Dankbarkeit
mit Heil Hitler
Ihr, Ihnen stets ergebener
S. Rascher

zitiert nach:

Max von der Grün: Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich, Sammlung Luchterhand, 1981, S. 229/30

Sind die Verbrechen der Nazis schon unter „normalen“ Gesichtspunkten unfassbar, so ist es noch unfassbarer, wie und dass sich Ärzte in den Dienst dieses Regimes stellten. Obiger Brief ist ja nur ein Beispiel für die abartige Einstellung, mit der manche Ärzte Menschen als Versuchstiere benutzten.

Versuchsobjekte für diese Kälteversuche, für Versuche in der Unterdruckkammer, für die Entwicklung von Impfstoffen und Gegenmitteln zu chemischen Kampfstoffen oder als Forschungsobjekte zum Nachweis der Überlegenheit der arischen Rasse – eine schreckliche Übersicht findet man z.B. im entsprechenden Artikel der Wiki zum Nürnberger Ärzteprozess.

Es ist mir natürlich unmöglich – und ich will das auch gar nicht – die Geschichte dieser Menschenversuche der Mengeles, Raschers, Hirts u.a. aufzuarbeiten. Der Brief oben zeigt – glaube ich – schon genug. Deshalb jetzt nur noch ein paar ergänzende Links zum Thema:

Der Reichsführer-SS koordinierte einen großen Teil der Versuche in der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, in deren Rahmen auch die „Versuche“ Raschers abliefen. In der SZ ist 2006 ein Übersichtsartikel zum Thema erschienen: „Die Perversion des Heilens„. Ein weiterer, empfehlenswerter Übersichtsartikel stammt von der Medizinjournalistin Evelyn Hauenstein: „Ärzte im Dritten Reich„. Und immer als Nachschlagewerk zu empfehlen ist das Standardwerk zum Thema Ärzte im Dritten Reich: The Nazi Doctors von Robert J. Lifton.

Dieser arte-Film dokumentiert, dass es Menschenversuche auch heute noch gibt… Mengeles Erben.

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Diskussionen

3 Gedanken zu “„… die Versuchspersonen brüllen, wenn sie sehr frieren…“

  1. Rascher verdankte zu diesem Zeitpunkt (Feb/45) Himmler sein Weiterleben. Ich weiß nicht ob seine Frau, Karoline Diehl, zu diesem Zeipunkt bereits inhaftiert oder schon hingerichtet war.
    Ca. 2 Monate später wurde er (auf Himmlers Befehl) durch die SS erschossen

    Ich zitiere aus Wikipedia

    Schnipp

    Im März 1944[19] wurden Rascher und seine Frau verhaftet. Frau Rascher hatte die vierte Schwangerschaft vorgetäuscht und am Münchener Hauptbahnhof einen Säugling entführt. Die Polizei ermittelte rasch die Entführerin. Auch bei den anderen drei Kindern bestand nun der Verdacht, sie könnten keine leiblichen Kinder sein.

    1943 war Julie Muschler bei einem gemeinsamen Bergausflug mit dem Ehepaar Rascher „verschwunden“. Als 1944 Muschlers Leiche aufgefunden wurde, gerieten beide Raschers, mit denen sie einst in der gemeinsamen Wohnung gelebt hatte, unter Mordverdacht.

    Rascher wurde nicht geglaubt, er könne als Arzt die vorgetäuschte Schwangerschaft seiner Frau nicht bemerkt haben. Seine Ehefrau wurde ins KZ Ravensbrück verbracht, wo sie nach einem missglückten Fluchtversuch gehängt wurde.[20] Rascher selbst kam zunächst ins KZ Buchenwald. Himmler sorgte für die Entlassung seines Günstlings; wegen erdrückender Beweise musste dieser jedoch wieder inhaftiert werden. Zu Ende des Krieges wurde er ins KZ Dachau verlegt und kam dort in den Bunker. Am 24. April, drei Tage vor der Befreiung des Lagers, exekutierte die SS Rascher durch einen Genickschuss.[21]

    Schnapp

    Verfasst von Wurzelimperator | 23. September 2011, 13:54
  2. Im Februar 1944 führte Rascher keine Abkühlungs/Wiedererwärmungsversuche mehr durch. Er hatte sie schon im Mai 1943 zugunsten der Polygal-Versuche aufgegeben. Vorbild für Raschers Abkühlungs/Wiedererwärmungsversuche waren die Versuche, die der US-amerikanische Arzt Temple Fay in der Jahren 1938-1940 durchgeführt hatte. Das sagte Becker-Freyseng im Nürnberger Ärzteprozeß aus. Details finden Sie in meiner Rascher-Biographie „Der Untergang des Hauses Rascher“ (bei Amazon).

    Verfasst von Hubert Rehm | 23. Oktober 2012, 17:02

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