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.Literatur, Roman

Benjamin Stein: Die Leinwand

Die Leinwand von Benjamin Stein ist ein ungewöhnliches und fesselndes Buch, das um die Frage nach der Verlässlichkeit der Identität und  der Erinnerung kreist. Es ist ein Buch, das hinter jedem einzelnen Buchdeckel eine eigene Geschichte versteckt. Doch in der Mitte kommt es zur Konfrontation der beiden Erzähler.

Die eine Geschichte erzählt aus der Perspektive von Amnon Zichroni. Er wird sehr streng jüdisch erzogen, erkennt im Laufe seiner Jugend seine besondere Begabung, „Erinnerungen anderer Menschen“ nachzuerleben, und bringt diese dann auch in seinem Studium der Psychologie und Psychiatrie ein. Als Pychoanalytiker lässt er sich in Zürich nieder und trifft dort auf den Geigenbauer Minsky. Zichroni überredet ihn, seine traumatischen Kindheitserinnerungen im NS-Vernichtungslager schreibenderweise zu verarbeiten. Jedoch erscheint kurz darauf ein Buch, in dem der Journalist Jan Wechsler behauptet, dass dies alles erfunden sei.

Die andere Geschichte aus der Perspektive von Jan Wechsler beginnt mit dem Auftauchen eines mysteriösen Koffers. Wechsler wächst in der DDR auf, ist auch Jude und erlebt strenge Regeln in seinem damaligen jüdischen Viertel in Ostberlin. Es wird ihm eines Tages ein Koffer zugestellt, den er bei seiner angeblich letzten Israel-Reise verloren haben soll. Er kann sich jedoch an nichts erinnern. Doch nachdem er den Koffer öffnet, entdeckt er ein Buch mit dem Titel Maskeraden von Jan Wechsler und ist total verwirrt. Er reist deshalb nach Israel, wird jedoch auf dem Flughafen in Gewahrsam genommen und verhört, da sein damaliger Gastgeber Zichroni als vermisst gilt.

Zwei Personen und zwei Leben, die sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Sie sind Juden, sie wachsen mit wenig Freiheiten auf und für jeden von ihnen ist ein Buch von unglaublicher Bedeutung. Für Zichroni war es Das Bildnis des Dorian Grey von Oscar Wilde und für Wechsler George Orwells 1984. Wegen dieser Parallelen stellen sich hier die Fragen: Wer ist Wer? Was ist Erinnerung, was ist Wahrheit? Der Leser wird in ein Labyrinth geführt, doch wo ist der Ausgang?

Ein sehr spannender und anspruchsvoller Roman, der den Leser sofort in seinen Bann zieht. Ein Buch, das auf sehr informative, aber unglaublich amüsante Weise Einblicke in das jüdische Leben gibt. Ein Werk, das den Leser fordert und gleichzeitig auf sehr niveauvolle Art unterhält.

Diese Rezension ist zuerst beim Durchleser erschienen.

Benjamin Stein
Die Leindwand
C. H. Beck Verlag 2010, 212 S.

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