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.Literatur, Roman

Charles Lewinsky: Melnitz

Ein großartiger Roman ist diese jüdische Familiensaga aus der Schweiz. Sie beginnt 1871 mit dem Ehepaar Golde und Salomon Meijer. Salomon ist Viehhändler und damit recht erfolgreich. Mimi, die einzige Tochter, liebäugelt mit dem gesellschaftlichen Aufstieg, ist oberflächlich und am liebsten mit sich selbst beschäftigt. Ihre Konversationen schmückt sie gern mit französischen Ausdrücken, um zu zeigen, dass sie etwas Besseres ist. Das zweite Mädchen im Hause ist Chanele, ein angenommenes Kind. Ihre Mutter starb bei der Geburt und der Vater wurde darüber verrückt. Eines Abends steht ein Fremder vor der Tür, Janki Meijer, ein entfernter Verwandter, und bringt allerlei Wirbel in den geordneten Haushalt, besonders in das Gefühlsleben von Mimi und Chanele.

1893 sind Mimi und Chanele verheiratet, es geht aufwärts mit der Familie, doch das Schächtverbot richtet die gutgehende koschere Metzgerei von Pinchas (Mimis Ehemann) zugrunde. Golde ist inzwischen gestorben und Salomon beschäftigt sich mit der Gematriah (mystische Buchstabenauslegung) mehr, als gut für ihn ist. Eines Abends steht wieder ein Fremder vor der Tür, Zalman Kamionker, ein Delegierter der Jewish Cloak Worker Union aus New York. Und – wie schon einmal mit der Ankunft eines Fremden geschehen – wird auch er frischen Wind in die Familie Meijer bringen.

Die Zeit schreitet fort, 1913, 1937, 1945 sind die weiteren Stationen auf dem Zeitstrahl, an denen der Erzähler Halt macht und vom Leben der Meijers erzählt, von dem Versuch, sich durch Konvertieren den Schikanen zu entziehen, von Liebe, Schmerz und Tod. Es könnte eine normale Familiensaga mit den üblichen Schicksalen sein, doch es ist viel mehr als das: Am Beispiel der weitverzweigten Familie Meijer werden die vielen Mechanismen der Gewalt und Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung gezeigt, in der Schweiz, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Russland, Deutschland und Frankreich. Immer wieder und gerade in den dunkelsten Stunden taucht Onkel Melnitz auf. Eigentlich ist er schon lange tot, doch ‚immer, wenn er gestorben war, kam er wieder zurück‘. Wer ist dieser Untote, dieser mahnende Geist, dieses jüdische Gedächtnis? Immer hat Onkel Melnitz alles schon vorher gewusst und hat sie alle gewarnt – ‚einmal Jude, immer Jude‘ – aber keiner wollte auf ihn hören.

Das Buch ist sehr gut geschrieben, erstaunlich oft witzig und immer bewegend. Ich finde es sehr empfehlenswert.

Charles Lewinsky
Melnitz
dtv, 2007, 765 S.

Erstveröffentlichung der Rezension im „Virtuellen Literarischen Salon“, dem Newsletter von Philea’s Blog.

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Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig http://phileablog.wordpress.com/

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