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.Literatur, Roman

Jessica Durlacher: Die Tochter

tochter1Die Geschichte dieses Buches zieht sich über gut  zwei Jahrzehnte hin. Als junge Menschen lernen sich Max und Sabine im Amsterdamer Anne-Frank-Haus [1] kennen. Dort spricht Sabine Max an, was dieser als aufdringlich empfindet. Aber schon bald lernen sich die beiden näher kennen, eine Liebe entwickelt sich.

Was wie eine profane Liebesgeschichte leise beginnt, ist in Wahrheit ein eindringliches, vielschichtiges Buch über Verrat,  Schuld und Sühne, über Verantwortung, über Trauer und Traumata einzelner Menschen, aber auch ganzer Familien.

Die Geschichte hinter der Liebesgeschichte beginnt im 2. Weltkrieg, sie handelt davon, wie eine jüdische Familie in den Niederlanden vor der Deportation versteckt wird und dann durch Verrat auseinandergerissen und in Lager „gebracht“ wird. Sie handelt davon, wie Juden mit diesem Schicksal, soweit sie es überlebt haben, umgehen, wie sie es verschweigen, in der Seele vergraben, wie andere es überspielen oder geradezu zwanghaft erforschen und erfahren wollen. So eine ist Sabine, die Max, in dessen Familie über das Familienschicksal kaum gesprochen wird, mit ihrer nicht endenen wollenden Fragerei und Sucherei gehörig nervt.

Durlacher erzählt ihr Buch aus der Sicht und durch Max, der dem Verhalten von Sabine oft ratlos gegenüber steht. Selbst unsicher und sich seiner Absichten kaum bewusst, weiß er nicht damit umzugehen. Und dann auf einmal ist Sabine von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden.

Nach 15 Jahren dann trifft Max, mittlerweile Verleger, Sabine (ihrerseits mittlerweile eine bekannte, in den USA lebende Fotografin) durch einen Zufall in der Begleitung eines älteren Mannes, Sam (eine Größe im Showbiz von Hollywood), wieder. Mit Sam verbindet ihn gleich große Sympathie, schnell verabreden sie, das Buch, das Sam seit langem schreibt, zu veröffentlichen. Mit Sabine trifft er sich, ohne dass sie ihm ihr Verhalten von früher erklärt. Ihre Liebe aber ist nach 15 Jahren wieder aufgewacht und lebendig.

Ein paar Wochen nach diesem kurzen Treffen fliegt Max über Weihnachten in die Staaten, um mit Sam das Buch zu besprechen, in Wahrheit natürlich, um Sabine zu treffen. Und nach kurzer, heftig geliebter Zeit verschwindet Sabine wieder spurlos.

Langsam, ganz langsam, über die Biographie von Sam, findet Max aber Anhaltspunkte, mit denen er das Rätsel um Sabine aufdröseln kann, und diese Auflösung, das Schicksal, ist tragischer, verwobener, dunkler, als er es sich je vorgestellt hat. Es ist der lange, lange Schatten eines Verrates, der nach Jahrzehnten noch das Leben vieler Menschen verdunkelt und im Griff hält, und jetzt endlich versteht Max Sabine und jetzt endlich, nach Jahrzehnten des Zauderns und Zurückschreckens, ist es für ihn auch keine Frage mehr, dass Sabine die eine für ihn ist.

Facit: Eindringlich, leise und behutsam entwickelt Durlacher die Schicksale ihrer Figuren, kaum wahrnehmbar fesselt das Buch, je mehr man liest immer mehr…. es ist ein nachdenkliches Buch, man wird es nicht in jeder Stimmung lesen können, aber wenn man es lesen kann, ist es ein Gewinn….

Links:

[1] offizielle Website des Anne-Frank-Haus

Jessica Durlacher
Die Tochter
Diogenes TB; März 2003, 326 S.

Erstveröffentlichung der Besprechung auf aus.gelesen

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