»
Ereignisse

Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GezVeN)

Das am 14. Juli 1933 verabschiedete Gesetz, mit dem (siehe Bild) bei einer Reihe von erblich bedingten Erkrankungen die Zwangssterilisation der Betroffenen vorgesehen war, ging (bis auf den Fall des schweren Alkoholismuns) auf einen entsprechenden Gesetzentwurf zurück, der schon in der Weimarer Republik vorbereitet worden war:

„Es kam dann so, daß die Nazis den ganzen Entwurf, so wie er war, übernahmen, ohne jedoch jemals dessen Entstehungsgeschichte zu erwähnen, doch bedienten sie sich bei der Anwendung unseres humanen, von großem Verantwortungsbewusstsein getragenen Gesetzesentwurfs der menschenunwürdigsten und verdammenswertesten Mittel.“ [4, S. 32. Der zitierte Prof. Goldschmidt (KWI für Biologie) wurde als Jude am 1.1.1936 zwangspensioniert. Er hatte zuvor, wie die anderen Direktoren am KWI auch, seine jüdischen Mitarbeiter/Angestellten entlassen.]

Während manchen Psychiatern das Gesetz nicht weit genug ging (Müller-Hill berichtet von Projektvorschlägen, nach denen bis zu 5 % der Gesamtbevölkerung zu sterilisieren gewesen wären [4]), gab es auch Widerspruch einzelner Fachleute als auch von der Seite der katholischen Kirche, die jedoch gegen eine Sterilisation als Strafmaßnahme nichts einzuwenden hatte.

Das GezVeN sollte nicht das einzige Gesetz sein, dass dem Ziel, eine genetisch wertvolle Herrenrasse zu züchten, diente:

„Das Ziel muß sein, daß über jeden Staatsbürger bzw. Einwohner eine erbbiologische Akte geführt wird. … Wer nicht erkrankt im Sinne des Gesetzes ist, braucht darum noch lange nicht erbgesund und fortpflanzungswürdig zu sein. … So, wie die Dinge liegen, ist nur noch eine Minderheit von Volksgenossenschaften so beschaffen, daß ihre unbeschränkte Fortplanzung wertvoll für die Rasse ist.“ So äußert sich nach [4] Prof. Lenz, für den Nationalsozialismus „angewandte Biologie“ darstellte. [5]

Das GezVeN war nicht das letzte Gesetz, das den nationalsozialistischen Anthropologen ihrem Ziel, „jeden Beischlaf genehmigungspflichtig zu machen“ [4, S. 34], näherbringen sollte. Im September 1935 wurden die berüchtigten „Nürnberger Gesetze“ verabschiedet, die sich insbesondere gegen den jüdischen Teil der Bevölkerung richtete, im Oktober des gleichen Jahres wurde das Ehegesundheitsgesetz erlassen, das die Ehe mit einem Partner, der an einer geistigen Störung leidet, verbot und die Vorlage von Ehetauglichkeitszeugnissen vorsah. Flächendeckend konnte letzteres nicht mehr umgesetzt werden, es fehlten kriegsbedingt Zeit und Personal. Nur in der SS gab es entsprechende Maßnahmen, mit denen die Erbgesundheit festgestellt werden sollte.

In ihrer Verblendung handelten die Nationalsozialisten aber auch in der „anderen“ Richtung mit abartiger Konsequenz. So schufen sie für Mütter unehelicher Kinder mit wertvollem arischen Erbgut die Einrichtung „Lebensborn„, über die z.B Jonuleit einen bewegenden Roman geschrieben hat. Kinder – meist welche, die deutsche Soldaten in besetzten Gebieten gezeugt hatten – aus ganz Europa wurden in diese Einrichtungen verschleppt, um sie als arischen Nachwuchs heranzuziehen, aber auch schwangere Frauen konnten in solchen Heimen Aufnahme finden.

Weitere Links und Hinweise:

[1] Ein Roman zum Thema: Elisabeth Zöller, Anton oder die Zeit des unwerten Lebens.
[2] Ein Fallbeispiel: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2007/2848/pdf/Endgueltige.pdf.
[3] Wiki-Artikel zur „Nationalsozialistischen Rassenhygiene„.
[4] Nach Benno Müller-Hill: Tödliche Wissenschaft, Reinbeck, 1984.
[5] Wiki-Artikel zu Fritz Lenz, einem der führenden Rassenhygieniker im Dritten Reich.
[6] Wiki-Artikel als Übersicht mit weiterführenden Literatur- und Link-Angaben.

Advertisements

Diskussionen

2 Gedanken zu “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GezVeN)

  1. In den Literaturhinweisen zum Gesetzentwurf vermisse ich ein wirklich entscheidendes Büchlein, welches erst so richtig deutlich macht, dass die Ideen zum Erbgesundheitsgesetz bereits in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik Konjunktur hatten (wie du es ja im Artikel kurz angerissen hast) und nicht erst im Nationalsozialismus keimten:
    – Karl Binding/ Alfred Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens: Ihr Maß und ihre Form (1920).

    Wer sich eingehender mit dem Thema befassen möchte, wird auch an Ernst Klee, Henry Friedlander oder der Arbeitsgruppe Fuchs/ Rotzoll/ Müller/ Richter/ Hohendorf nicht vorbei kommen.
    Bei Interesse an weiteren Literaturhinweisen zum Thema gerne eine eMail an mich, allerdings ausdrücklich nicht auf den Aspekt Judentum bezogen, sondern in Richtung T4.

    Verfasst von Grete_o_Grete | 26. August 2011, 19:29
    • ein herzliches danke für diese ergänzung. deine implizite kritik akzeptier ich, aber diese beiträge (wie auch in meinem eigenen blog) sind ja nicht als erschöpfende quellen für ein thema gedacht, sondern als einstiege, wenn sich jemand intensiver damit befassen will. deswegen finde ich solche ergänzenden angaben, wie jetzt von dir, toll!

      nachtrag: da bin ich irgendwie in den falschen kommentar gerutscht mit meiner antwort. hier gehört sie aber hin…

      Verfasst von flattersatz | 27. August 2011, 09:40

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: