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Götz Aly, Michael Sontheimer: Fromms

Redet man von Gummis, Kondomen, Präservativen, fällt einem immer auch der Begriff „Fromms“ ein, ohne dass man jetzt auf Anhieb genauer sagen könnte, was oder wer hinter dem Namen steht. Nun, dem hilft dieses Büchlein, die Biographie des jüdischen Geschäftsmannes Julius Fromm (1883 – 1945), ab.

Das Buch kann man unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen:

  • Erstaunlich und verblüffend ist die Darstellung der hygienischen Verhältnisse besonders in den Kriegen, in denen Geschlechtskrankheiten eine Vielzahl von Opfern unter den Soldaten forderten. Es bestand von Seiten der Armeeführung ein ganz dringender Bedarf an einer Verbesserung der Hygiene in den Feld- und Soldatenbordellen, die ja sogar von Armeeseite betrieben wurden. So wurden die ersten Kondomautomaten mit dem Slogan „Männer, schützt eure Gesundheit!“ aufgestellt. Die Werbung mit dem verhütenden Aspekt war lange Zeit verboten (lief schließlich der offiziellen Staatsdoktrin entgegen) und erst 1932 wagte Fromm die Bewerbung seiner Kondome in Fachblättern, obwohl die Produktion auf kleinster Basis schon 1914 anlief.
  • Natürlich ist auch die Lebensgeschichte von Julius Fromm, der sich aus ärmlichen Verhältnissen kommend hochgearbeitet hat und dann mit Weitsicht und Mut eine herausragende Marktstellung im Sektor „Gummiwaren“ erreichte, sehr interessant. Die Entwicklung der Familie, das Auseinanderreißen im Dritten Reich, die einzelnen z.T. tragischen Schicksale…
  • Was mich aber noch mehr faszinierte, ist die z.T. minutiöse Darstellung der Art und Weise der Arisierung jüdischen Vermögens im Dritten Reich, insbesondere nach der Reichsprogromnacht, wobei Fromm natürlich nur exemplarisch ist für die Gesamtheit aller Juden, denen nach 1939 ihr Vermögen von Staats wegen gestohlen wurde.

Eine umfangreiche bürokratische Maschine entwickelte sich um diese Enteignung, die formal und gesetzlich im Dritten Reich abgesegnet war. Nachdem ein Teil des jüdischen Vermögens durch Extrasteuern (Reichsfluchtsteuer, Judenvermögensabgabe, Graf-Helldorf-Spende, Zwangsabgabe an die jüdische Gemeinde, Auswanderungssteuer etc. pp.) abgeschöpft wurde, Zwangsverkäufe von z.B. Immobilien gegen lächerliche Preise erpresst wurden, bedienten sich die Privilegierten direkt an den nach Vertreibung oder Deportation zurückgebliebenen Wertgegenständen, der Rest wurde über Auktionen in die breite Masse der Bevölkerung verramscht. Bei Fromm und seinen Fabriken bediente sich insbesondere Hermann Göring, wie im Buch im Einzelnen ausgeführt wird. Zum Schluss blieb vielen nur noch das sprichwörtliche Hemd am Leib….

Nach dem Zweiten Weltkrieg (der Firmengründer selbst war drei Tage nach der großen Siegesfeier in London verstorben) wurde die Firma durch die Deutsche Treuhandverwaltung zugunsten des DDR-Volkes sozialisiert, u.a. mit der (falschen) Begründung, Fromm hätte seine Arbeiter ausgenutzt, „um die jüdische Firma beim nazistischen Regime beliebt zu machen“. Tatsache war jedoch, dass Fromm seine Arbeiter über Tarif bezahlt hat, Sozialräume und Duschräume vorhanden waren, die äußeren Arbeitsbedingungen gut waren und er seinen Arbeitern auch verbilligtes Essen anbot.

So ist diese Biographie, die Aly und Sontheimer Julius Fromm gewidmet haben, ein Büchlein, das einen sehr anschaulichen Blick auf den Vorgang der Arisierung im Dritten Reich bietet und nebenher noch die Verlogenheit der seinerzeitigen Machthaber bei diesem „delikaten“ Thema aufdeckt.

Die Buchbesprechung erschien zuerst bei aus.gelesen

Götz Aly, Michael Sontheimer
Fromms
Fischer, Frankfurt; 2007

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Götz Aly, Michael Sontheimer: Fromms

  1. Lieber Flattersatz,

    zur „Darstellung der Art und Weise der Arisierung jüdischen Vermögens im Dritten Reich“ kann ich dir besonders Götz Alys Hitlers Volksstaat empfehlen – schauerliche deutsche Gründlichkeit. Ebenfalls sehr interessant ist Der Goldzug von Sabine Stehrer und zum Thema Raubkunst auch der Bildband Verlorene Bilder, verlorene Leben von Melissa Müller und Monika Tazkow.

    Viele Grüße
    Petra

    Verfasst von Petra Gust-Kazakos | 7. Juli 2011, 18:40
    • liebe petra,

      vielen dank für die hinweise und ich schick gleich den stoßseufzer hinterher: die zeit, die zeit, wo nehm ich all die zeit her das lesenswerte auch zu lesen… es gibt einfach zuviel davon….. aber den aly-titel bzgl der arisierung habe ich mir mal notiert!

      liebe grüße
      fs

      Verfasst von flattersatz | 11. Juli 2011, 09:40
      • Bei Aly muss man natürlich immer bedenken, dass er gerne polarisiert – womit ich seine forscherischen Fähigkeiten keinesfalls in Abrede stellen will, aber manche Formulierung sollte man sich genauer auf der Zunge zergehen lassen. Insbesondere in den jüngeren Werken neigt er doch sehr zu einer überzogenen Darstellung, bei der man Vorsicht walten lassen sollte.
        Bezugnehmend auf den Artikel zum Erbgesundheitsgesetz sei noch schnell gesagt, dass Aly auch dazu ein Buch herausgebracht hat.

        Verfasst von Grete_o_Grete | 26. August 2011, 19:35

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