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.Literatur, Roman

Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

Ein ausgezeichnetes Buch, inhaltlich wie stilistisch. Es geht um jüdische Emigranten, die sich in Shanghai niedergelassen habe, in der Hoffnung, endlich sicher zu sein. Wenn auch bitterarm. Mit zehn Reichsmark im Gepäck lässt sich nur unter schwierigsten Verhältnissen etwas aufbauen, was annähernd dem Begriff Existenz nahe kommt. Existieren, das ja, aber wie.

Am Beispiel einiger ausgewählter Einzelschicksale aus (Ton)dokumenten stellt die Dichterin Ursula Krechel eine einfühlsame Chronik der „Shanghailander“ zusammen und verleiht jedem seine oder ihre eigene Stimme. Die ehemals wohlhabende Franziska Tausig, deren einzig nützliches Talent in Shanghai das Kochen und Backen ist und die zur Erfinderin der Frühlingsrolle wird. Der einstige Buchhändler Ludwig Lazarus, der sich eine Nische mit ausländischen Zeitungen zu schaffen weiß. Der Kunsthistoriker Brieger, dazu Handwerker, Anwälte, eine Handschuhmacherin – aus allen Schichten stammen die Exilanten und finden keine Ruhe.

Denn der Arm der deutschen Regierung reicht bis Shanghai, als die Japaner die Macht übernehmen. Wieder gibt es ein Ghetto, wieder Verfolgung und Tod. Selbst nach 1945, als die, die noch übrig geblieben sind, nach und nach Shanghai verlassen, hat die Erniedrigung kein Ende. Deutsche Behörden, inzwischen persilrein, versuchen, sich die Entschädigung der Opfer zu sparen, wo immer sie können.

Shanghai fern von wo gibt hervorragende Einblicke in ein bisher noch wenig bekanntes Kapitel jüdischer Emigrantenschicksale.

Ursula Krechel
Shanghai fern von wo
Jung und Jung 2008, S. 500

Erstveröffentlichung der Rezension im „Virtuellen Literarischen Salon“, dem Newsletter von philea’s Blog.

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Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig http://phileablog.wordpress.com/

Diskussionen

4 Gedanken zu “Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

  1. Ein sehr gutes Buch! Ursula Krechel hat 2008 beim Erlanger Poetenfest daraus gelesen (unter anderem die tolle Stelle über Schaufensterdekoration mit den Handschuhen) und auch ein wenig über die Entstehung erzählt. Ich habe es mir nach der Lesung gekauft, weil es wirklich schön zu lesen ist und mir Shanghai als Exilort vorher noch gar nicht bekannt war.

    Verfasst von Anna | 28. Juni 2011, 10:46
  2. Vielen Dank für deinen Hinweis 🙂

    Verfasst von synaesthetisch | 29. Juni 2011, 16:33
  3. Ich habe gerade via Jews in East Prussia diesen Link über eine Ausstellung in Hamburg gefunden: atmen und halbwegs frei sein: Flucht nach Shanghai. Die Ausstellung dauert zwar nicht mehr lange, aber vllt hat doch noch jemand Zeit und Gelegenheit…..

    Verfasst von flattersatz | 13. Juli 2011, 10:50

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