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Unexpected Israel

In diesen Tagen findet in Mailand ein Veranstaltungszyklus mit dem Titel «Unexpected Israel» statt, der unter anderem den Schriftsteller David Grossman als Gastsprecher begrüßte. Begleitet wird diese Initiative von einer multimedialen Ausstellung auf dem Domplatz sowie von Fotografien, die die Via Dante in Richtung Castello Sforzesco säumen. Doch statt sich kritisch mit dem Status der Nation auseinanderzusetzen, vermitteln diese beiden Ausstellungen den Eindruck, als sei die Absicht der Initiative einzig die Förderung des Tourismus.

In der Tat wirken sie wie jene Werbekampagnen, die in Form von stimmungsvollen Spots und Hochglanzplakaten ferne Länder als attraktive Urlaubsziele anpreisen. Die Texte und Bilder sprechen von innovativer Forschung und Industrie, von dynamischer Kunst und Kultur, von natürlichen und architektonischen Schätzen, die es zu entdecken gilt, von einem Staat, dem es gelungen sei, «ein friedliches Zusammenleben zwischen den Religionen und Nationalitäten zu gewährleisten».

Gemäß des Mottos der Veranstaltung wird Israel also nicht als jener zerrüttete Landstreifen dargestellt, als der es uns seit Jahrzehnten unablässig in den Medien begegnet. Aus der Sicht der Tourismusindustrie,  Wirtschaft und Forschung mag dies eine berechtigte Strategie sein. Doch für eine Initiative, deren Ziel es ist bzw. sein sollte, den interkulturellen Dialog zu fördern, ist eine derartige Verklärung der Vergangenheit und Gegenwart unbegreiflich und kontraproduktiv. Zumal ein solches Vorgehen gerade den Opfern des Konflikts (ganz gleich welcher Seite) Unrecht tut, indem es ihr Leid verschweigt.

Ein paar Hundert Meter weiter, am Ende der Fotoausstellung angelangt, befand ich mich am vergangenen Samstag auf einmal inmitten einer pro-palästinensischen Demonstration. Es wurden Flugblätter verteilt, die den Titel der Initiative in sein Gegenteil verkehrte: «Unexpected Israel»? Das ist ein Israel, das Drohungen wie «Araber in die Gaskammer!» an Mauern schmiert. Das ist ein Israel, das palästinensische Jungen als menschliches Schutzschild an Militärwagen bindet, um andere Kinder vom Steinewerfen abzuhalten. Das ist ein «rassistisches», ein «faschistisches» Israel, ein «Terroristenstaat», der das palästinensische Volk unterdrückt und peinigt.

Die Demonstration verlief durchaus friedlich, es flatterten Fahnen und Flugblätter, im Chor beschwor man den Sieg der Intifida herauf. Doch wie die Israelausstellungen hinterließ auch diese Veranstaltung einen bitteren Nachgeschmack in mir. Denn dies ist nichts als Schwarzweißmalerei. Von beiden Seiten. Eine Schwarzweißmalerei, die die eigene Schuld und das Leid des anderen ausblendet. Wenn solch eine Blindheit, solch ein Hass herrschen, ist nicht einmal die Grundvoraussetzung für einen Versöhnungsprozess gegeben.

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Über caterina

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Diskussionen

8 Gedanken zu “Unexpected Israel

  1. Nein, natürlich wird Israel einen Teufel tun und die Folgen der Auseinandersetzungen zeigen, die das Land nun Jahrzehnte begleiten. Als ich kürzlich in Israel war und ich von meinem verzweigten Verwandten am neu bebauten Strand von Herzlia empfangen wurde, zeigte er mir unheimlich stolz, was in Israel alles möglich ist: „Guck dir das an, das ist Israel! Wie Europa, kannst du das glauben?“ Er meinte die Modernität, die Sauberkeit. Das ist der Aspekt, der natürlich auch eine Realität Israels ist, der Fortschritt und alle Errungenschaften, die seit der Staatsgründung regelrecht aus dem Wüstenboden gestampft wurden. Ganz ehrlich: Wenn man in Tel Aviv zu Gast ist, dann spürt man diese „dynamische Kunst und Kultur“, man glaubt es sogar für kurze Zeit, nicht aus Naivität, sondern weil die Israelis es selber glauben. Es ist nicht nur eine Beschönigung für Touristen oder für die restliche Welt, die Israel einfach nicht verstehen können, es ist eine existenzielle Beschönigung für seine eigenen Einwohner, die sich nicht Tag für Tag mit dem Leid der Palästinenser auseinandersetzen können. Man muss sich auch jenes vorstellen: Jeder Jugendliche, jede Jugendliche verbringt 3 bzw. 2 Jahre im Militär und kämpft für sein Land!

    Ich muss da an das Vexierbild denken, das bspw. zwei Gesichter oder eine Vase zeigt, aber niemals beide Motive gleichzeitig. Mir geht das so mit Israel: Ich denke an die Berechtigung Israels und im nächsten Moment an die Vertreibung der Palästinenser, aber diese Gedanken können nicht gleichzeitig existieren, sie schließen sich aus. Darin liegt wohl auch das Problem Israels: zu lange wurden Lösungsansätze verschleppt, verschlimmert, soweit, dass die Lösung unerreichbar scheint. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was passiert, wenn der Palästinenserstaat ausgerufen wird im September…

    Verfasst von ariaannna | 24. Juni 2011, 12:50
    • Du hast Verwandte in Israel? Wusste ich gar nicht…

      Ich finde das Bild, das du für diese zwiegespaltene Einstellung gegenüber Israel gefunden hast, sehr schön. Mir geht es ganz genauso. Mich zieht das Land sehr an, obwohl es mich gleichzeitig auch durch sein Verhalten bestürzt. Aber ich hoffe, dass ich eines Tages die Gelegenheit habe, dort für längere Zeit zu verweilen (ich hatte ja mal an einen freiwilligen Dienst gedacht). Ich möchte sehen, wie es dort ist, in der Hoffnung, besser begreifen zu können, was ich zurzeit als unbegreiflich empfinde. Beiden Seiten haben ihre Gründe und Ansprüche, aber beide sind erfüllt von Hass und Sturheit und Egoismus und gehen auf in ihrer Opfer-/Märtyrerrolle…

      Verfasst von caterina | 24. Juni 2011, 22:34
      • Hab gerade endlich die Doku „Das Herz von Jenin“ gesehen, es ist wirklich verwirrend. Ich hatte jetzt zwei Freunde, die für drei Monate Praktikum in Tel Aviv gemacht haben und ich glaube das Bild wird mit der Zeit nur noch konfuser. Aber ich denke mir, dass es sinnvoll und sehr interessant ist, ein Jahr in Israel zu verbringen. Ich glaube im Goethe-Institut kann man auch sicher immer ein Praktikum machen, hättest du nicht darauf Bock?

        Zwei Cousins meiner Mutter leben in Israel, die hab ich auch erst bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren kennengelernt…

        Verfasst von ariaannna | 25. Juni 2011, 17:05
        • Ja, so etwas wie das Goethe-Institut wäre schon ganz fein. Nur wäre das mal wieder finanziell nicht machbar, außerdem habe ich bereits ein Praktikum bei Goethe absolviert, noch eines wäre wenig sinnvoll. Aber generell die Idee, ein paar Monate dort zu leben und im Kulturbereich tätig zu sein, reizt mich schon… Nur scheitert das womöglich nicht nur an der finanziellen Hürde, sondern auch an den fehlenden Sprachkenntnissen…
          Vielleicht wird’s deshalb einfach irgendwann eine längere Entdeckungsreise 😉

          Verfasst von caterina | 27. Juni 2011, 19:56
  2. Ich lese gerade die Autobiografie von Sari Nusseibeh, ein Jerusalemer, Politiker und Philosoph sowie Plästinenser. Das Buch ist eine Art Gegenstück zu Amos Oz poetischer Lebensgeschichte und lässt mich auch immer mehr an jenem Saubermann-Image zweifeln, das Israel so gern von sich verbreitet. Ein Aufenthalt im Nahen Osten (verbunden mit Kulturarbeit) scheint auch mir sehr reizvoll zu sein, leider kann ich es auch nicht finanzieren…

    Verfasst von synaesthetisch | 29. Juni 2011, 16:29
  3. http://sari.alquds.edu/ Hier ist die Webseite von Nusseibeh

    Verfasst von synaesthetisch | 29. Juni 2011, 16:29
    • Danke für den Hinweis auf den Autor und den Link. Es ist wohl immer angebracht – und notwendig -, bei solchen Konflikten die Zeugnisse und kulturellen Produkte beider Seiten zu berücksichtigen, um sich mit einzelnen Werken wirklich kritisch auseinandersetzen zu können…

      Verfasst von caterina | 29. Juni 2011, 23:11
      • Ja, das denke ich auch. Vor allem bei diesem Thema, da denke ich mir immer wieder: du selbst kannst das gar nicht verstehen, nur die Menschen, die in dieser verqueren Situation leben…

        Verfasst von synaesthetisch | 30. Juni 2011, 09:41
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