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.Literatur, Roman

Lothar Schöne: Das jüdische Begräbnis

Es kommt keiner, dachte ich, weil es eben jüdische und christliche Erde gibt.
Die einen Krumen glauben an Jesus, die anderen nicht,
und die Gräser, die auf ihnen wachsen, sind entweder getauft oder beschnitten.
Ich muss darauf achten, daß die Blumen koscher sind, die ich aufs Grab stelle.

Ein Anruf ist es, der den Ich-Erzähler aus dem Schlaf reißt: die Mutter ist gestorben, das Heim, in dem sie die letzten Jahre lebte, teilt ihm dies mit. Man ist nicht sehr sensibel im Heim mit dem Sohn und seiner Frau, aber das ist nicht das wirkliche Problem, das auf den Sohn zukommt, neben all der Trauer.

Das Problem liegt darin, dass seine Mutter Jüdin war, verheiratet einst mit einem schon lange verstorbenen christlichen Mann, einem Mann, der sie in der Zeit, in der die Juden Europas von der neuen Herrenrasse verbrannt wurden, nicht verlassen hat, sondern bei ihr blieb und zu ihr hielt und ihr so das Leben rettete. Und so soll die Mutter im Tod wieder vereint werden mit ihrem Mann, was bedeutete, dass eine Jüdin auf einem christlichen Friedhof beerdigt werden sollte. [1]

Diese Konstellation nutzt Schöne, um zweierlei zu erreichen: zum einen lässt er durch das Trauern des Sohnes (und seines Cousins, der zufällig zu Besuch ist) die Erinnerung wieder lebendig werden an seine eigene Jugend und an seine Mutter, deren Schicksal tief in ihr vorborgen lag, so tief, dass es sie krank machte, zu monatelangen Klinikaufenthalten zwang. Weniges nur erfährt er von ihr, vom Überleben in dieser Zeit, in der für Juden das Verrecken das Normale war, fünf Geschwister verliert sie, einem nur gelang die Flucht und sie entkam durch ihren christlichen Mann.

Auf der anderen Seite gibt die Problematik, dass eine Jüdin in christlicher Erde beigesetzt werden soll, dem Autor Gelegenheit, sich Gedanken über das Judentum und sein Verhältnis zum Christentum zu machen. Die ewige Frage, was Judentum überhaupt ist, wer überhaupt Jude ist. Von der Tradition her ist es klar, wer eine jüdische Mutter hat, ist Jude [2], Hitler hat definiert, wer Jude ist und auch der Oberrabbiner aus Jerusalem…

Die Erinnerung aber ist so übermächtig, daß sie heute jüdische Identität stiftet. Nicht mehr die Religion ist das einigende Band der Juden in der Diaspora, sondern die Vernichtung. Und die Gedenkstätten in den USA und in Israel sind ihre Ikonen. Die Ermordung eines Volkes steht als Symbol für sein Überleben. So nähern sich Judentum und Christentum nach zwei Jahrtausenden aneinander an. Wie das Christentum mit dem ans Kreuz geschlagenen Jesus einen Opfertod ins Zentrum seines Kultes stellt, so rückt das Judentum nun den Versuch seiner Vernichtung in den Mittelpunkt seines Denkens.

Für nichts bin ich weniger qualifiziert, als mich über das Wesen des Judentums auszulassen, noch natürlich über das von Autoren verfasste, die sich das zum Thema machen, aber in Schönes Erzählung finden sich schon viele Gedanken, viele Fragen, über die nachzudenken sich lohnt [3]. Ist obiges Zitat jetzt ein – nun, ein Tabubruch wohl auf jeden Fall, aber vielleicht auch ein befreiender Blick auf einen Aspekt der Realität? Das Judentum hat seit Jahrtausenden alle seine Feinde, und es waren viele (die Bibel, das Alte Testament kann ja auch in weiten Teilen als Kriegsberichterstattung gelesen werden), überlebt, all die dort genannten Völker sind nur noch der Geschichte bekannt, die Juden leben. Sie leben durch die Abgrenzung von allen anderen, durch die unbedingte Weigerung, in anderen Völkern aufzugehen. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum es im nahen Osten so schwer fällt, Frieden zu schließen, weil dadurch nämlich etwas identitätsstiftendes verloren ginge: das Gefühl, sich gegen einen Feind verteidigen zu müssen. Das auserwählte Volk… ein Gottesbeweis gar? [4, 8]

Das Judentum kennt keine Kompromisse. Es ist alles Tradition. Seit Jahrtausenden nichts als Tradition.

lässt Schöne eine seiner Figuren zornig ausrufen. Das Christentum ist eine Wissenschaft, das Judentum eine Lebensweise [7, 10]. Wenn Gott noch eine Sintflut schickte, würden die Christen diskutieren, warum, wieso, weshalb. In den Synagogen würde Schwimmunterricht angeboten werden… Judentum ist eine Art zu leben, den Bund, den ein Wüstenvolk vor Jahrtausenden mit seinem Gott abschloss, lebendig zu halten und zu leben in allen Zeiten.

Schöne lässt seinen Erzähler über Auschwitz und Birkenau reden, über den Besuch dort, der kaum auszuhalten ist [5]. Diese sehr punktuellen Rückblicke auf den Holocaust sind um so schmerzhafter, als sie uns so direkt in diese Realität werfen. Die Plätze, die Hallen, die Keller, die Verliese werden lebendig, bevölkern sich mit den Gequälten, verfolgen ihn. Man musste unter einer Latte hindurch gehen. Wer es ohne bücken konnte, kam gleich ins Gas. Niemand sagte den Kindern, dass sie den Kopf recken sollten… Die Öfen packten es nicht, also wurden zappelnde, kriechende, sich wendende Scheiterhaufen geschichtet und angezündet. Versuchte einer die Flucht, wurde angetreten und jeder zwanzigste wurde herausgeholt. Glücklich, wer gehenkt wurde. Andere wurden mit der Peitsche zu Brei geschlagen, die erlösende Kugel, um die sie flehten, zu schade für sie in den Augen der Arier. Wohin mit der Asche, damals? Sie verwehte, düngte die umliegenden Felder… wurde in den Teich geschüttet, den der Sohn jetzt sucht, aufsucht. Dies das Grab seiner Verwandten?

Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen daliegen oder tausend. Das durchgestanden zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, ist ein niemals geschriebenes Ruhmesblatt unserer Geschichte. [6]

Ruhm ist relativ, anständig sein wohl auch. Der SS-Oberscharführer Josef Schwammberger z.B. pflegte, so schreibt Schöne, kleine Kinder an die Wand zu klatschen… Sein Schäferhund durfte Halbverhungerte zerfleischen… Mädchen sperrte er ein und verbrannte sie, sechzig an der Zahl, weil sie weglaufen wollten… Er gab hungernden Kindern Kot zu essen, bevor er sie erschoss. Es war, wie vor Gericht ausgesagt wurde, sein Hobby, Juden zu töten.

Genug.

Eine christlich-jüdische Ehe („Mischehen„) in den Zeiten des Dritten Reiches, ein Problem. Mit aller Macht versuchten die damaligen Herrscher diese aufzulösen, bei den meisten gelang es wohl auch, denn auch wenn noch ein gewisser Schutz vorhanden war, wurde den Menschen das tägliche Leben sehr schwer. Aber die Eltern überstanden den Krieg, nur wurde die Mutter, die all ihre Toten, all ihre Trauer in sich begrub, sie nicht mehr in die Welt entlassen konnte, krank, psychisch krank. Schöne lässt seinen Erzähler sich an seine Jugend erinnern, an das Erwachsenwerden und das Leben in diesem Deutschland. Das Verhältnis von Sohn und Mutter ist schwierig, die vielen Klinikaufenthalte, in denen er mit dem Vater allein ist, die Rücksicht, die auf die Mutter zu nehmen ist. Nicht kann sie ihm die Frage beantworten, was das ist, Jude sein. Jüdisch Leben? Ist das alles, an den Messias glauben. Sie ist schweigsam, die Mutter, schaut oft lang einfach in die Gegend. Sind dies die Zeiten, in denen sie Besuch bekommt von ihren Toten und in denen sie, die sie selbst ein Grab geworden ist für all die Erinnerungen, wieder mit ihnen vereint ist?

Das Begräbnis… die jüdische Seite hält ihre Tradition, ihre Vorschriften ein [9]. Froh scheinen sie zu sein, als der Leichnam endlich aus der Leichenhalle abgeholt wird. Ja, der Erzähler finde zum Schluss einen evangelischen Pfarrer, der die Bestattung auf dem christlichen Friedhof durchführt. Und die Mutter bekommt ein wenig Erde vom jüdischen Friedhof mit in den Sarg gelegt… man wünscht ihr, dass sie dort jetzt endlich Frieden findet.

Links und Hinweise

[1] Von einem ähnlichen Fall berichtet Wolfgang Benz: Ladislaus Szücs, 1909 in Siebenbürgen geboren, wurde als ungarischer Jude nach Auschwitz deportiert, er starb im Januar 2000 in Köln. Da er der Jüdischen Gemeinde nicht angehörte, wurde ihm das jüdische Begräbnis verweigert. Ein katholischer Priester sprang auf Bitten der Familie ein und bemühte sich um ein allgemein-humanistisches Begräbnisritual ohne christliche Inhalte.

[2] Der Vater zählt dabei nicht, man weiß ja nie… wer einen jüdischen Vater hat, hat im Grunde „Pech“ gehabt, für die Christen ist er Halbjude, für die Juden Halbchrist… er gehört nirgends dazu, eine Art Paria.

[3] Es ist dies sowieso ein Problem bei solchen Büchern. Selbstverständlich gibt es im Judentum neben den Orthodoxen (an den Strümpfen kann man sie auseinanderhalten!) auch liberale Juden, welchen Ansichten gibt der Autor Raum? Welche Berechtigung oder Qualifikation hat er überhaupt, sich derart über Jüdisches auszulassen? Kann ich ihm, das ist letztlich die Frage, vertrauen, dass seine Fragen und Gedanken, seine Schlussfolgerungen und Ausrufe mich nicht in eine falsche Richtung locken? Das Buch, glaube ich den Meldungen, hat in Israel positive Aufnahme gefunden, von einer geplanten Verfilmung war die Rede. Nun ja, das klingt ja nicht schlecht… genauso wenig wie diese kurze Meldung über eine Lesung Schönes.

[4] … „die Anekdote eigenartig berühren, die sich am Hof des Preußenkönigs Friedrich II. zugetragen haben soll. Friedrich der Große war bekanntlich ein Freund und Verehrer des geistreichen Spötters Voltaire und teilte dessen Geringschätzung aller Religion. So soll er einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben: »Nenn‘ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!« Der also Angeredete aber soll darauf die bündige Antwort gegeben haben: »Die Juden ‑ Majestät.«“ zitiert nach dieser Quelle.

[5] Ich kann es ihm nachfühlen (und ich bin nicht selbst betroffen von diesen Geschehnissen), mein eigener Besuch in Buchenwald hat mich auch mehr als nur „mitgenommen“.

[6] Schöne zitiert Himmler hier etwas verkürzt [vgl. das Himmler-Projekt], aber das tut seiner Folgerung keinen Abbruch: die Ausrottung der Juden war für die Nazis ein ritueller Akt der Reinigung, die Juden waren unrein, sie waren rein…:

Sie haben ihre Morde als Akte der Reinigung verstanden. Sie waren rein, die Juden unrein. Deshalb musste die Welt von ihnen befreit werden. Dieser gnostische Sauberkeitswahn verknüpfte sich mit einem Opferkult. Das war es, was mir durch den Kopf ging, als ich den Aschensee sah. Nicht um bloße Verbrennungen handelte es sich, Todesriten wurden abgehalten. Die Juden als Opfergabe, der Scheiterhaufen als magischer Ort, die Opferung als archaische Huldigung. Und kein Engel kam mit Blitz und Donner, die Anständigen zu vertilgen von der Erde.

[7] Es ist in diesem Zusammenhang natürlich auch interessant, sich darüber zu belesen, wie sich seinerzeit Judentum und Christentum auseinander entwickelt haben. Jesus hat sich ja immer als Jude verstanden und sich in der jüdischen Tradition gesehen als der von Gott angekündigte Messias. Lange Zeit wurden die Anhänger Jesu als jüdische Sekte angesehen; dass sich daraus eine eigene Weltreligion entwickeln sollte, war keineswegs von Anfang an vorgesehen. (Ich habe jetzt keine Internet-Quelle ergoogelt, ich selbst habe mich bei Benz: ***** ein wenig umgesehen).

[8] Schöne lässt die Mutter in der Rückschau auf die Verfolgungen und das Leid in einer Szene zu Gott beten, dass sie wüsste, dass die Juden sein auserwähltes Volk seien, aber ob Er denn nicht auch einmal ein anderes Volk auserwählen könne…

[9] Eine Beschreibung der jüdischen Rituale bei Tod und Begräbnis findet sich in dieser Quelle.

[10] Einstein zum Beispiel schrieb: „Judentum ist kein Glaube… keine transzendente Religion, es hat nur mit dem von uns erlebten, gewissermaßen greifbaren Leben zu tun und mit nichts anderem.“ (Einstein A.: Mein Weltbild, S. 89, Ullstein, 1983)

Eine deutsche Übersetzung des Kaddish, des jüdischen Totengebets:

„Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde – sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit, sprecht: Amen! Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, jeder Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprecht Amen.
Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprecht Amen.
Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, er stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprecht Amen.“

(zitiert nach Wiki)

Lothar Schöne
Das Jüdische Begräbnis
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1996, HC, 168 S.

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