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.Literatur, Auto/biographie

Monika Maron: Pawels Briefe

Es gibt viele deutsche Romane, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Und es gibt viele Schriftsteller, die – sei es nun fiktiv oder doch ganz real – eine Familiengeschichte nachzeichnen, erforschen, wie ihre Familie zum Dritten Reich stand. Bei der bekannten DDR-Schriftstellerin Monika Maron ist dies ebenfalls der Fall, nur dass ihre Familiengeschichte eine etwas andere ist.

Mit Hilfe von wenigen Briefen, die sie auf dem Dachboden gefunden hat, rekonstruiert sie die Geschichte ihres Großvaters Pawel, der als polnischer Jude geboren wurde, aber zum Baptismus konvertierte und darüber mit seiner jüdischen Familie brach. Mit seiner Frau Josefina geht er als Schneider zum Arbeiten nach Berlin.

Erst viel später, als seine Kinder schon erwachsen sind und die Verfolgung der Juden durch die Nazis beginnt, bekommt Pawel es wieder mit seiner Vergangenheit zu tun: Der Verwaltung ist es egal, ob er konvertiert ist, Jude bleibt Jude und so wird er in ein Lager nach Polen deportiert, wo er 1942 dann auch stirbt.

Maron kann auf drei Quellen zur Rekonstruktion ihrer Familiengeschichte zurückgreifen: Die schon erwähnten, wenigen Briefe, Fotos und die Erzählungen ihrer Mutter Hella, Pawels Tochter. Maron springt in der Chronologie, nimmt schon gleich zu Beginn den Tod vorweg und nimmt auch vorweg, dass nicht genau klar ist, wann und wie Pawel gestorben ist. Nichts wird dazugedichtet und Maron zweifelt ihre Quellen, besonders die Erzählungen ihrer Mutter, auch an. Sind die Erinnerungen ihrer Mutter wirklich richtig oder schieben sich im Angesicht des traurigen Lebens ihrer Eltern nur die guten Erinnerungen in den Vordergrund?

Pawels Geschichte wird schließlich zu Marons eigener Geschichte. Das Ende des Buches nutzt Maron vor allem für eine Rechtfertigung ihres unterkühlten Verhältnisses zu ihrer Mutter und stellt einen interessanten Vergleich an: Im Dritten Reich haben ihre Großeltern unter einer Diktatur gelitten, in der DDR ist es Hella, die sich schuldig macht, indem sie das diktatorische sozialistische System unterstützt, das nun Menschen nicht mehr nach der Rasse, aber nach anderen Ideologien unterdrückt. Gerade diese Sichtweise auf deutsche Geschichte ist eben eine, die nicht so häufig in der Literatur zu finden ist.

Monika Maron
Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte
S. Fischer-Verlag, 1999, 208 S.

Der Beitrag wurde von Friederike verfasst, herzlichen Dank dafür! Friederikes Blog ist der „Blauraum„.

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