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Herbert Pundik: Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden

Das Schicksal der dänischen Juden ist insofern sehr bemerkenswert, weil die allermeisten von ihnen dem der anderen europäischen Juden entgingen. In einer beispiellosen Aktion wurde ihnen die Flucht nach Schweden ermöglicht. Pundik beschreibt in seinen Ausführungen ausführlich – auch anhand von Einzelschicksalen -, wie diese Flucht organisiert wurde.

„Ich weiß, was ich zu tun habe.“ Georg Ferdinand Duckwitz

In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943 plante die deutsche Besatzung in Dänemark, alle Juden einzusammeln und zu deportieren. Diese Aktion „misslang“ (aus Nazi-Sicht), von den ca. 7000 in Dänemark lebenden Juden wurden „nur“ 500 gefangengenommen und in das KZ Theresienstadt deportiert. Es gelang einer im hohen Maß solidarischen dänischen Bevölkerung in den nächsten Wochen, alle anderen Juden über den Öresund sicher in das neutrale Schweden zu bringen.

Schon vor der Aktion der Nazis sickerten entsprechende Gerüchte durch, und durch Boten wurden die jüdischen Familien gewarnt, dass die Deportation bevorstehe. So konnten sie rechtzeitig ihre Wohnungen verlassen, die die Deutschen dann leer vorfanden. Die Flüchtlinge sammelten sich bei Fischern in ihren Hütten, wurden in Krankenhäusern unter falschem Namen versteckt oder fanden anderswo Unterschlupf. Die Flucht über das Wasser organisierten Fischer auf ihren Booten, in Schweden wurden die Flüchtlinge gut aufgenommen und versorgt.

Pundik beschreibt, daß man auch in Dänemark alles hätte wissen können, wenn man den Signalen der Wirklichkeit geglaubt hätte, dem, was man gehört und auch gesehen hat. Aber die meisten glaubten nicht daran, „.. sondern saßen wie hypnotisiert. …„. Vielen fiel es auch schwer, den Warnungen in der Nacht der geplanten Deportation zu glauben und zu fliehen. Aber kann man das verdenken? Das drohende Schicksal sah so ungeheuer aus, dass es schier nicht zu glauben war, und zu fliehen hieß, alles zurückzulassen bis auf einen Koffer und ein paar Klamotten….

Zu Hilfe kam den dänischen Juden bei der Evakuierung die Tatsache, dass die Deutschen ihre Deportation aus verschiedenen Gründen, die auch in persönlicher Taktiererei des verantwortlichen Reichsbevollmächtigten Werner Best begründet waren, die Aktion nicht mit der sonst üblichen Konsequenz und Härte durchzogen. Best wollte wohl auch vermeiden, dass der befürchtete Widerstand der Bevölkerung Unruhen in Dänemark hervorruft, dieses komische kleine Land im Norden, das ein Beispiel dafür sein sollte, wie gut man unter deutscher Besatzung leben konnte. Pundik beschreibt z.B. Fälle, in denen deutsche Polizisten bei Kontrollen LKW mit Flüchtlingen entdeckten und sie einfach weiterfahren ließen, ganz allgemein waren weder Militär noch Polizei begeistert von der Aktion und verweigerten ihre Mithilfe bzw. versuchten die Deportation in Berlin stoppen zu lassen. Der Polizei war es z.B. teilweise verboten, Türen einzutreten. Sie durfte nur klopfen oder klingeln… Das alles, so positiv es sich auf das Schicksal der Menschen auswirkte, bedeutete natürlich nicht, dass die Deutschen auf einmal ihre Liebe zu den Juden entdeckt hatten. Die Verantwortlichen betrieben einfach ihre eigenen Machtspiele, um ihre Interessen zu wahren und gaben dadurch anderen Gelegenheit, menschlicher zu handeln.

Dass die Deutschen die Deportation nicht in aller Härte durchführten, mindert in keiner Weise den persönlichen Einsatz aller an der Flucht beteiligten Dänen. Jeder, der half, begab sich in große Gefahr, und es musste immer auch mit Verrat aus den eigenen Reihen gerechnet werden. Auf diese Art und Weise wurden einige der Flüchtlinge von der Gestapo gefasst.

Pundik, 1943 als Schüler selbst auf der Flucht, beschreibt diese dramatischen Wochen in Dänemark ohne Schwarz-Weiß Malerei, sondern sehr ausgewogen. Er übergeht weder, dass es auf dänischer Seite Kollaboration gegeben hat, noch, dass es zu Hilfe auf deutscher Seite kam. Das Verhalten der Dänen damals zeigt uns heute, dass entschlossenes Handeln, auch einzelner, viel bewirken kann, man muss nur den Mut finden…..

Herbert Pundik
Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden
Übersetzung: Johannes Dose
Husum, 1995, brosch. 141 S.

überarbeitete Version der Erstveröffentlichung bei aus.gelesen

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Herbert Pundik: Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden

  1. Bedrückend und doch auch voller Mut!

    Verfasst von synaesthetisch | 9. Mai 2011, 16:17
    • …. und es zeigt am beispiel duckwitzs und anderer, daß auch ein einzelner entscheidend sein kann, um etwas zu erreichen. „was kann ich schon machen?“, dieser hilflose ausruf ist oft nur eine ausrede….

      Verfasst von flattersatz | 13. Mai 2011, 09:50
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