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.Literatur, Roman

Fred Wander: Der siebente Brunnen

Es starben an diesem Morgen Bertrand Lederer aus Charlesroi
und Abram Larbaud aus Montpellier,
es starb Efraim Bunzel aus Prag und
Samuel Wechsberg aus Łódź,
wer noch in den Waggons vor und hinter uns starb an diesem Morgen
erfuhren wir nicht.

Die Zahl der im 3. Reich ermordeten Juden wird allgemein mit ca. 6 Millionen angegeben, eine Aufstellung nach Ländern kann man sich hier anschauen. Aber in einem gewissen Sinn ist es auch egal, wie groß die Zahl nun „wirklich“ ist, sie ist ungeheuerlich groß, so groß, daß man sich darunter nichts vorstellen kann. Fünf Millionen wäre immer noch unvollstellbar viel, kaum weniger ungeheuerlich so wie sieben Millionen Ermordete kaum ungeheuerlicher werden. Wir können uns das einfach nicht vorstellen.

Vorstellen können wir uns aber den Einzelnen, den mit einem Gesicht, einem Namen. Wir können uns vorstellen, hinter so einem Menschen im Geschäft an der Kasse zu warten, neben ihm im Bus zu stehen, in der gleichen Reihe im Kino zu sitzen oder im Restaurant. Der Verlust, der Tod des Einzelnen, so wenig seine Zahl gegen die aller an Mächtigkeit zu haben scheint, berührt uns, rührt uns gar zu Tränen. Um die ganze Geschichte der Shoah zu erzählen, müsste man allen Toten ein Gesicht geben, jedem Toten seine Geschichte, sein Buch – zumindest aber ein Kapitel in einem Buch. Dann hätten wir eine Ahnung von dem, was damals passiert ist.

Wander bezeichnet sein Buch als Roman, für mich ist er aber eher eine Aneinandereihung von Episoden, Miniaturen, kleinen Erzählungen von Menschen, Ereignissen und Umständen, die der Autor, der sich selbst zurückzieht auf die Beobachterposition, uns schildert. Durch fünf Lager ist Wander gegangen, Lager, die die den Nazis willfährige französische Kollaboration betrieb, er war in Auschwitz und als letztes Lager in Buchenwald. Er hat es überlebt, aber wieviele hat er sterben sehen, wieviele hat er um eine Stunde Leben kämpfen sehen, wie viele Schüsse gehört, Blut gesehen, wieviel Schmerz gefühlt. Manchmal scheint es, als ob ihm der Tod, das Verrecken im Lager ganz am Ende eine transzendente Komponente enthüllt:

„Ein seltsames Leuchten liegt plötzlich über dem Gesicht, und du erkennst selbst den Freund nicht mehr. So viel Ernst, Sammlung und Würde hast du nie in ihm gesehen. Wie konnte er es verbergen? Aber dann begreifst du: Das Gesicht des Menschen ist Jahrtausende alt. Die wenigen Jahres seines eigenen Lebens sind abgefallen, alles Ungereimte und Schwache. Zurück bleibt das Gesicht der Väter und Mütter. Der Ausdruck einer großen Mühe, Mensch zu sein.“

Gesichter sind Wander wichtig, er liest in ihnen, er sucht in ihnen den Menschen, der vor ihm steht. Einigen von ihnen hat er Kapitel gewidmet, dem Geschichtenerzähler Teichmann zum Beispiel oder Pechmann, dem wiederholten Versuch Gottes, einen guten Menschen zu schaffen. Tadeusz Moll ist ein junger, verzogen aufgewachsener Kerl, der in Auschwitz die Leichen aus den „Dusch“räumen holte und in die Öfen warf. Er selbst überlebte dieses Lager, Wander ist sich sicher, daß Moll Schutzengel hat. Doch Buchenwald überlebt er nicht. Fast schutzlos muss er Tage in der Kälte stehen bevor er gehängt wird. Und was hat er in diesem Lager verbrochen? Geschlafen und den Appell versäumt, im Nazi-System ist das ein Fluchtversuch.

Auch bei Wander tobt sich, wie später dann auch bei Müller in ihrer „Atemschaukel“, der Hungerengel aus. Er ist der stetige Begleiter im Wachen und im Schlaf, der Hunger und der Kampf um das wenige Brot, es zu bekommen und es zu behalten. Verschiedene Methoden gibt es: den Sofortverzehr: sicher ist sicher. Das Aufheben mit dem Risiko, das es gestohlen wird, aber man kann länger von zehren… altes, knochenhartes Brot. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Es wird zum Zentrum des Lebens so wie das Bedürfnis nach Schlaf, die Erschöpfung, die den Häftlingen nie von der Seite weicht….

Die thüringischen Wälder, gedüngt mit der Asche der Verbrannten….

Bilder, Erinnerungen, Assoziationen, Versuche, das was geschieht, geschehen ist, zu verstehen. Die deutschen Soldaten, junge, schöne Menschen oft, aber Stiefelträger. Juden sind keine Menschen, es ist nichts dabei, auf sie zu schiessen. Die Capos in den Lagern hetzen und treiben, geniessen ihre Priviligien und sind dann, wenn sie selbst in eine neues Lager kommen, die ersten, die dann ermordet werden.

Wander setzt in seinem Erinnern auch dem untergegangen Judentum ein Denkmal. Er beschreibt den Geruch der alten jüdischen Viertel, der in den Lagern weht, er hält das Leben dort fest in den „Gäßl voll Verrücktheiten, Leiden und winziger Freuden“ und warnt uns, uns nicht an den Äußerlichkeiten zu stoßen. An der Oberfläche ist das Meer immer rau, in die Tiefe sollen wir sehen, in der die jüdischen Menschen fleißig sind, still und bescheiden.

Fred Wanders „Siebenter Brunnen“ ist ein kleines, feines eindringliches Denkmal für die Opfer einer barbarischen Zeit.

Fred Wander
Der siebente Brunnen
mit einem Nachwort von Ruth Klüger
dtv, 2006, 176 S.

Erstveröffentlichung der Besprechung bei aus.gelesen

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